Berliner Philharmoniker

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Kammermusik

Nils Landgren Posaune, Gesang und Leitung

Lars Danielsson Violoncello und Kontrabass

Tigran Hamasyan Klavier

Wolfgang Haffner Schlagzeug

Mitglieder der Berliner Philharmoniker

Eine Kooperation der Stiftung Berliner Philharmoniker mit ACT Music

Termine

Mi, 27. Nov. 2013 20 Uhr

Kammermusiksaal

Programm

Dass der Jazz aus den USA kommt, ist allgemein bekannt: Sofort fallen einem Musiker-Legenden wie Louis Armstrong, Duke Ellington, Miles Davis, John Coltrane oder Thelonious Monk ein. Europäische Jazzmusiker, die es geschafft haben, zu internationalem Ansehen zu gelangen (etwa Michel Petrucciani, Jan Garbarek, natürlich auch Django Reinhardt und Chris Barber), blieben lange eher die Ausnahme.

Zu ihnen gehört auch der Schwede Nils Landgren – leicht zu erkennen an seiner metallic-rot lackierten Posaune –, der von 1972 bis 1978 am Musikkolleg in Karlstad und an der Universität in Arvika studierte. Heute gilt er als einer der vielseitigsten Jazzmusiker seiner Zeit, auch, weil er Pop mit Jazz, Jazz mit Funk, Funk mit Soul und Soul mit Swedish Folk verschmolzen und diese Melange mal zum leisen Solo-Kunstwerk und mal zum fetzigen Bigband-Sound geformt hat. Landgren hat sich umgehend vom Geheimtipp als Sideman bei ABBA, den Crusaders oder Herbie Hancock bzw. als Mitglied schwedischer, niederländischer oder deutscher Bigbands zu einem der bekanntesten Solisten und Bandleader Europas entwickelt. Sein »Sound« hat den europäischen Jazz der vergangenen Jahre entscheidend mitgeprägt.

In Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker war »Mr. Redhorn« erstmals Ende Oktober 2012 zu Gast, in einem Jazz-Konzert, das anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Berliner Kammermusiksaals stattfand. Nun wird er gemeinsam mit seinem Landsmann, dem Jazzbassisten und -cellisten Lars Danielsson und dem jungen armenischen Pianisten Tigran Hamasyan, erneut in Berlin erwartet – und, weil es allen Beteiligten so viel Spaß gemacht hat, wieder unterstützt von Mitgliedern der Berliner Philharmoniker.

Über die Musik

Europa, neue Heimat des Jazz

Jazz at Berlin Philharmonic: Vier europäische Jazz-Virtuosen treffen auf Mitglieder der Berliner Philharmoniker

Kurioserweise wollen ausgerechnet schwarze amerikanische Musiker den Jazz derzeit wieder einmal beerdigen. Und zwar, indem sie seine Umbenennung in BAM fordern, in »Black American Music«. Das erinnert dann doch fatal an Frank Zappas bis heute immer wieder kolportiertes und meist gegen den Jazz in Stellung gebrachtes Bonmot, der Jazz sei nicht tot, er rieche nur komisch. In Wahrheit hat der Jazz seine große Krise – die er in den 1980er-Jahren mit nahezu jeder Art von Musik für Erwachsene teilte – lange überwunden: durch Expansion. Weshalb der führende britische Jazzkritiker Stuart Nicholson schon vor ein paar Jahren überspitzt, aber zu Recht dagegen gehalten hat, der Jazz sei nicht tot, er sei nur nach Europa umgezogen.

In der Tat: Auch, wenn man das in Amerika immer noch nicht wirklich bemerkt hat – die führende US-Fachzeitschrift Downbeat brachte mit Ausnahme Esbjörn Svenssons noch immer keine Europäer auf dem Titel –, kamen in den vergangenen zwei Jahrzehnten wichtige Entwicklungen im Jazz nicht mehr nur aus Amerika, sondern auch aus Europa: Neue rhythmische und klangmalerische Konzepte zum Beispiel, vor allem aber die Entdeckung und Verarbeitung der vielfältigen europäischen Volksmusiktraditionen. Gemeinsam rütteln die mittlere und eine ganz neue Generation europäischer Jazzer nicht mehr nur an den Gitterstäben des afroamerikanisch definierten Jazzbegriffs, sie haben – oft mithilfe der europäischen Gründerväter wie Joachim Kühn oder Jan Garbarek – diesen Käfig schon lange verlassen. Und im Gegenzug suchen immer mehr kluge junge US-Jazzer wie Vijay Iyer oder Tim Lefebvre ihrerseits auch abseits des großen Schmelztiegels New York den Austausch.

Zur Heimat vieler der besten und innovativsten europäischen Jazzer ist in den 21 Jahren seines Bestehens Siggi Lochs ACT-Label geworden. Dank der Kooperation von ACT Musik + Vision mit der Stiftung Berliner Philharmoniker sind einige von ihnen nun in schöner Regelmäßigkeit im Kammermusiksaal bei Jazz at Berlin Philharmonic zu erleben. Weil die Ersteigerung des Alfred-Brendel-Flügels durch Siggi Loch die Initialzündung war, blieben zum umjubelten und inzwischen auch als CD erschienenen Auftakt im Dezember vergangenen Jahres mit Michael Wollny, Leszek Możdżer und Iiro Rantala die Pianisten noch unter sich. Ende März, beim nächsten Termin, trafen dann mit Joachim Kühn und Michel Portal zwei europäische Veteranen auf die Youngster Yaron Herman und Adam Baldych.

Spielten also beim letzten Konzert zwei Pianisten mit einem Geiger und einem Holzbläser, treffen heute ein Pianist, ein Posaunist, ein Bassist, ein Schlagzeuger und nicht zuletzt erstmals auch ein paar Herren des Hauses aufeinander. Zweifellos ein Schritt in Richtung jener legendären, 1944 von Norman Granz begründeten ReiheJazz at the Philharmonic, die erst in Los Angeles und in den ganzen Vereinigten Staaten, dann weltweit den Jazz aus den schummrigen Clubs in die große Konzertsäle holte. Der seinerzeit revolutionäre, vielleicht erst jetzt wirklich von der Realität eingeholte Gedanke, Klassik und Jazz – die zweite Klassik – gleichwertig zu präsentieren und Musiker verschiedenster stilistischer Herkunft etwas Gemeinsames erschaffen zu lassen, steht jedenfalls eindeutig Pate bei Siggi Loch wie auch beim Intendanten der Berliner Philharmoniker, Martin Hoffmann, und beim Chefdirigenten Sir Simon Rattle – beide große Jazz-Freunde.

Jazz-Botschafter Armeniens: der Pianist Tigran

Mit dem erst 26 Jahre alten Pianisten Tigran eröffnet ein Künstler die dritte Ausgabe von Jazz at Berlin Philharmonic, der nicht bei ACT unter Vertrag steht. Aber wie einst den großen Impresarios Norman Granz oder John Hammond ist auch Siggi Loch die möglichst interessante und außergewöhnliche künstlerische Begegnung wichtiger als Stallgeruch. So beginnt also – fast schon traditionellerweise – ein Mann am Klavier mit seinem Solo. Tigran hat dafür drei Stücke seines 2011 erschienenen Albums A Fable ausgewählt, zwei Eigenkompositionen und den Standard Some Day My Prince Will Come. Nur drei Stücke, und doch so unterschiedliche, dass darin die enorme Bandbreite Tigrans ebenso umrissen ist wie der programmatische Ansatz des Abends.

Der heute zwischen New York, Los Angeles und Frankreich pendelnde Tigran Hamasyan ist ja ebenfalls kein »nativer« Jazzer, sondern erhielt als Kind in seiner Heimat Armenien zunächst eine klassische Ausbildung. Seines Talents wegen zog die Familie nach Jerewan um, wo er schon als Kind das Konservatorium besuchen durfte. Ja, mehr noch, sein Professor hatte selbst in New York beim Pianisten Barry Harris studiert und brachte ihm den Jazz nahe. Tigran ging auf musikalische Entdeckungsreisen, prägte erste Vorlieben in Rock und Jazz aus und wurde ein Stil-offener, auf Details und Färbungen versessener, aber stets einprägsamen Melodien vertrauender Klangforscher. Sein Weg zum Lied ist immer die Improvisation, hat er es dann aber gefunden, liebt er die feste Struktur – auch das verbindet ihn mit vielen aktuellen europäischen Jazzern. Ebenso wie der Fakt, dass die meisten Stücke Tigrans harmonisch, aber auch rhythmisch hörbar von der Volksmusik seines Herkunftslandes inspiriert sind.

Tigrans Technik und Ausdrucksvermögen sind so überwältigend, dass er schon mit 19 die »Thelonious Monk International Jazz Competition« gewann – zur Verblüffung des damaligen Leiters Herbie Hancock. Wenig später siegte er beim »Concours de piano-jazz Martial Solal« in Paris. FAZ-Jazzkritiker Ulrich Olshausen schrieb damals: »Hamasyan ist schon jetzt einer der größten lebenden Virtuosen des Jazzklaviers. Dass er seine perlenden Kristallsalven nur als kalten Ausweis technischer Wunderbegabung und rigoroser Probenpläne abschießt, wird man ihm nicht vorwerfen können. Europäische Klavier-Klassik und -Romantik, slawisches Seelen-Melos und immer wieder Folklore-Einmischungen des europäischen Ostens entfalteten ein staunenswertes Panorama unterhaltsamer Abenteuer.«

Diese Abenteuerausflüge hat der Liebhaber mittelalterlicher Lyrik, von Tim-Burton-Filmen und der Musik des Mystikers Gurdjieff bis heute noch intensiviert. Pfeifend, singend und mit reichlich Temperament erzählt er seine Geschichten, bei denen das Klavier zum Miniorchester oder sogar zum Chor werden kann. Mit Arve Henriksen, Jan Bang, Erik Honoré und Robert Jürjendal nahm er unlängst den Soundtrack zu Torun Lians Spielfilm Victoria auf. Und bereits 2011 kam es zum folgenreichen Aufeinandertreffen mit dem nächsten Gast dieses Abends: dem schwedischen Bassisten und Cellisten Lars Danielsson. Tigran wurde für dessen Album Liberetto Nachfolger von Leszek Możdżer in Danielssons Trio. Und der sah sich sofort einem Seelenverwandten gegenüber: »Tigran versteht meine Musik genauso, wie ich sie mir vorstelle, und er komponiert Musik genauso, wie ich sie selbst schreiben würde. Sein Svensk Låt zum Beispiel klingt schwedischer als meine Songs. Es war einfach fantastisch, mit ihm zusammen aufzunehmen.«

Raumöffnender Tieftöner: der Bassist Lars Danielsson

Der dies sagt, ist in den zurückliegenden drei Jahrzehnten als Bassist und Cellist, Komponist, Arrangeur und Produzent zu einer der wichtigsten Stimmen des europäischen Jazz gereift: der Schwede Lars Danielsson. Unter anderem war er Mitglied des Trilok Gurtu Trios oder Sideman beiStars wie Michael und Randy Brecker, Mike Stern, John Scofield, Charles Lloyd, Terri Lyne Carrington, Nils Petter Molvær und vielen anderen. Aber auch mit seiner Arbeit als Produzent für Sängerinnen wie Viktoria Tolstoy oder seine Frau Cæcilie Norby hat er sich profiliert.

Der bevorzugte Spielplatz für Danielssons Suche nach musikalischen Räumen jedoch war für beinahe 20 Jahre sein eigenes Quartett mit David Liebman, Jon Christensen und Bobo Stenson. Seitdem hat er Bezugsrahmen und Bandbreite deutlich ausgedehnt; er experimentiert bei seinen Projekten auch sowohl mit klassischen als auch mit elektronischen Elementen und arbeitet mit unterschiedlichsten Besetzungen, von intimen Duetten – z. B. mit dem polnischen Pianisten Leszek Możdżer – bis zu Orchestern wie dem Dänischen Rundfunkorchester oder dem JazzBaltica Ensemble. Was Danielsson wachsenden Erfolg einbrachte: Die daraus entstandenen fünf ACT-Alben erreichten Gold und Platin, das von ihm mit initiierte und von Vince Mendoza geleitete Orchesterprojekt Blauklang war sogar für den amerikanischen »Grammy« nominiert.

Man hört meist, wenn ein Bassist vom Cello kommt. Sein lyrisches Spiel und seine außergewöhnlich warme Klangfarbe zeigen es eindeutig. Als Komponist ist er ein Meister der Atmosphäre, der subtilen Spannung und der perfekten Balance zwischen einfachen Melodien und dem höchstmöglichen Grad an Improvisation. Seine charakteristische Musiksprache verwendet viele Elemente: etwa den hymnischen, orchestralen Jazz seiner CD Libera Me, das moderne, elektronische Kleid von Mélange Bleu oder zwischen Klassik und Jazz vermittelnde, rein akustisch gespielte Melodie-Manifeste, wie sie auf Pasodoble zu finden sind.

Oft hält sich Danielsson selbst im Hintergrund, zum Beispiel in der berührenden Hommage auf seinen Freund Esbjörn Svensson Song For E., die er in die Hände der talentierten Brüder Roman und Julian Wasserfuhr legte. Andere Kompositionen sind beispielsweise von vorneherein auf die bescheidene Begleitung von Cæcilie Norbys Gesang ausgelegt. Was Danielsson derzeit für sein Musizieren vorschwebt, sagt der Titel seines aktuellen, mit Tigran eingespielten Albums Liberetto: »Diese Wortneuschöpfung bezeichnet eine bestimmte Stimmung, in der ich meine Musik entwickeln möchte. Sie schließt an meine früheren Alben an – rein sprachlich wie mit dem Verweis zur klassischen Musik. Und betont die Freiheit, die ich meiner Musik immer vermitteln möchte und die sie zu einem offenen Buch macht.«

Deutschlands Mann am Schlagzeug: Wolfgang Haffner

Ein offenes Buch war seit eh und je auch Wolfgang Haffner; der extrovertierte und charismatische Schlagzeuger hat seit jeher aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht. Als Herzensangelegenheit bezeichnete er auch sein jüngstes, vor einem Jahr erschienenes Album Heartof the Matter. Das bezieht sich zum einen auf die vielen Freunde, die bereitwillig mitwirkten – von Till Brönner und Chuck Loeb bis zu Götz Alsmann und Thomas Quasthoff »hat nicht einer nein gesagt« –, aber auch auf die konsequente Weiterentwicklung seiner musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten: »Ich empfinde mich nicht mehr nur als Schlagzeuger, sondern als universalen Musiker. Ich komponiere, arrangiere, suche und betrete Klangwelten, das ist letztlich mein Ding.« Was ganz im Trend der besten jungen Schlagzeuger liegt, die inzwischen fast durchwegs auch Bandleader und Komponisten sind.

Ein bisschen hat es freilich schon gedauert, bis Haffner das erreichte. Zunächst wurde der Sohn eines fränkischen Kirchenmusikdirektors mit 18 Jahren von Deutschlands Jazz-Legende Albert Mangelsdorff entdeckt und zum Mitglied von dessen Band erkoren. Das war der Startschuss zu einer Weltkarriere, in der Haffner mit ungezählten nationalen wie internationalen Topleuten zusammenarbeitete. Inzwischen ist sein Schlagzeugspiel auf mehr als 400 Alben zu hören. Dementsprechend ist der 48-Jährige heute Deutschlands höchstdekorierter Schlagzeuger; unter anderem wurde er mit dem »Echo Jazz 2010« ausgezeichnet. Haffners direkter Vorgänger bei Klaus Doldingers Passport, Curt Cress, eine Generation älter und selbst einer der weltweit besten und bekanntesten Schlagzeuger, nennt ihn »den herausragenden deutschen Jazztrommler«. Wegen seines extrem präzisen, aber stets druckvollen und dynamischen Spiels ist Haffner außerdem auch einer der gefragtesten Begleiter von Rock- und Pop-Stars wie Chaka Khan, den Fantastischen Vier oder den Nightmares on Wax.

Wie viele der besten seines Metiers gab sich Haffner nie mit dem reinen Schlagzeugspiel zufrieden; er begann bald mit dem Komponieren und Produzieren, startete eigene Projekte. So war er gleichberechtigtes Mitglied der US-Fusionband Metro und gemeinsam mit Keyboarder Roberto Di Gioia Gründer der NuJazz-Kultband Zappelbude. Als Mastermind hinter der isländischen Superband Mezzoforte hat er das Album Forward Motion produziert. Doch erst seitdem er als ACT-Künstler eigene Alben macht, fühlt er sich dem »Herz der Sache« nahe: »Ich habe einen Sound für mich gefunden, der mir entspricht. Und von Mal zu Mal geht es noch ein Stückchen voran.« Mag sein, dass auch Tapetenwechsel eine Rolle spielen. Hatte Haffner schon Round Silence überwiegend auf Formentera komponiert, so lebt er seit 2010 auf Ibiza »Wenn du da am Meer sitzt, dann kommen die Stimmungen, kommt die Inspiration von alleine.«

Ganz besonders Jazzschlagzeuger sind ja auf die Jam-Session-Situation geeicht und können grundsätzlich in jeder neuen Konstellation spielen. Im aktuellen, den Schlagzeugern ganz neue Aufgaben zuweisenden Jazz schadet es aber nicht, die Begleiter gut zu kennen. Haffner, der sich immer in den Dienst der Sache stellt und ebenso auf schlagzeugerisches Muskelspiel wie auf virtuose Effekthascherei verzichtet, ist sich seiner Rolle in einem Bandgefüge wohl bewusst: »Der Schlagzeuger hat einen extrem wichtigen Part. Er steuert die Richtung der Musik grundlegend. Sobald ich dabei bin, habe ich das ganze Rhythmusfundament und auch die Dynamik zu verantworten.« Wenn er nun zur Halbzeit des dritten Jazz at Berlin Philharmonic-Abends dazu stößt, dürfte diese Verantwortung leicht zu übernehmen sein: Reicht er doch den Stab von Freund zu Freund weiter. Denn in Haffners eigenem Trio ist neben dem Kölner Pianisten Hubert Nuss seit eh und je Lars Danielsson am Bass dabei. Und auch mit dem nächsten Musiker, der sich dann schnell die Ehre gibt, hat er schon oft in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen zusammengearbeitet – und auch dieser Vierte im Bunde ist ebenfalls eine prägende Figur im europäischen Jazz.

Verkörperung des europäischen Jazz: Nils Landgren

Man kann nicht behaupten, die Jazzwelt hätte Anfang der 1990er-Jahre auf einen schwedischen Posaunisten gewartet, der Funk-Jazz spielt. Nils Landgren, 1956 in Degerfors geboren, erhielt schon als Teenager eine solide klassische Ausbildung und kam durch die Begegnung mit den schwedischen Folk-Jazz-Pionieren Bengt-Arne Wallin und Eje Thelin zum Jazz. Mit seiner Funk Unit zertrümmerte er in kürzester Zeit das Vorurteil, nur Schwarze könnten Soul authentisch spielen. Bald wirkten sogar die James-Brown-Kronprinzen und -Statthalter Fred Wesley und Maceo Parker als Gäste mit. Die Alben Live in Stockholm, Live in Montreux sowie die Hommage an Cannonball Adderley paint it blue brachten Mitte der Neunziger den Durchbruch. Seither erreicht so gut wie jedes Landgren-Album den German Jazz Award für 10.000 verkaufte Exemplare. Insofern steht der Posaunist heute auch für die Anfänge von ACT, für dessen Entwicklung zum weltweit führenden Label für schwedischen Jazz und nicht zuletzt für die Invasion Europas auf vermeintlich uramerikanisches Terrain.

Freilich, auch bei Landgren ist Talent nicht allein der Schlüssel zum Erfolg. Der schwedische Soul-König hat vom amerikanischen »Godfather of Soul« James Brown auch den Titel als »hardest working man in showbusiness« geerbt. Schon als Youngster in der Stockholmer Szene war er bekannt dafür, nicht einen Studiojob abzulehnen. Mit 25 war er plötzlich Lead-Posaunist beim Ball of Fire-Bigband-Projekt des großen Thad Jones; eine Aufgabe, bei der er noch heute ins Schwitzen gerät, wenn er daran denkt. Schon bald darauf verbrachte er mindestens so viel Zeit auf dem europäischen Festland wie in Schweden, auf eigenen Tourneen, als Begleiter und zeitweise als Mitglied der NDR Bigband.

Seine markante rote Yamaha-Posaune hat Landgren den Spitznamen »Mr. Redhorn« eingebracht und ihn bekannt gemacht. Technisch makellos setzt er stets die richtigen Akzente:knackige wie mit der Funk Unit oder an der Seite von ganz unterschiedlichen Groovemastern wie dem Crusaders-Genius Joe Sample, Akkordeon-Magier Richard Galliano oder dem Heros der Musica Popular Brasileira João Bosco. Schon früh gab es da aber auch den weichen Kern, die zarte Seite in seiner Brust. Etwa, wenn er mit dem polnischen Starpianisten Tomasz Stanko auf der CD Gotland und mit dem so früh verstorbenen Esbjörn Svensson – der im Übrigen auch der erste Keyboarder der Funk Unit war – mit Layers of Light und Swedish Folk Modern ganz ruhig die eigene Volksmusiktradition aufarbeitete. Seit 2005 sind es vor allem die Weihnachtslieder aus aller Welt, die ihn im musikalischen Freundeskreis von seiner besinnlichen Seite zeigen – festgehalten auf inzwischen drei Einspielungen Christmas with My Friends. Seit den Alben Ballads und vor allem Sentimental Journey ist auch seine prägnant hohe, stets leicht heiser und melancholisch klingende Gesangsstimme nicht mehr aus der Jazzgeschichte wegzudenken.

Und doch ist die Arbeit als Musiker, sei es mit Posaune oder Stimme, mittlerweile nur noch eine von vielen Facetten seines Schaffens. Mindestens so erfolgreich wie mit der Funk Unit und anderen eigenen Projekten ist Landgren als Komponist, Arrangeur und Dirigent vor allem von Bigbands, aber auch als Talentsucher, Mentor, Lehrer und Produzent. Sängerinnen wie Viktoria Tolstoi, Rigmor Gustafsson oder Ida Sand verdanken ihm mindestens die Dynamik ihrer Karriere. Speziell dem Berliner Jazzpublikum ist Landgren ein Begriff, weil er 2001 und von 2009 bis 2011 künstlerischer Leiter des JazzFest war. Bei den Berliner Philharmonikern war »Mr. Redhorn« erstmals Ende Oktober 2012 zu Gast, als er anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Kammermusiksaals auftrat. Und weil es beim Jubiläumskonzert im Kammermusiksaal allen so viel Spaß gemacht hat, werden auch wieder Mitglieder der Berliner Philharmoniker mit von der Partie sein. Für viele wird dieser dritte Abend von Jazz at Berlin Philharmonic nicht nur ein Fest des europäischen Jazz, sondern auch ein fröhliches Wiedersehen sein. Auf und vor der Bühne.

Oliver Hochkeppel

Biographie

Raphael Haeger, geboren in Spaichingen, erhielt vom fünften Lebensjahr an Schlagzeug- und Klavierunterricht. Als Jugendlicher spielte er Klavier in mehreren Jazzbands, für die er auch Arrangements schrieb. Anschließend studierte Raphael Haeger Schlagzeug bei Franz Lang in Trossingen. Es folgte eine rege Konzerttätigkeit auf dem Gebiet der Neuen Musik u. a. mit Heinz Holliger, Michael Gielen, Hans Werner Henze, Helmut Lachenmann und mit dem Ensemble Modern. Bevor Raphael Haeger im September 2004 Mitglied der Berliner Philharmoniker wurde, war er elf Jahre lang Schlagzeuger am Nationaltheater Mannheim, hatte zwei Jazzkonzertreihen als Künstlerischer Leiter betreut und 2002 als Pianist eine CD mit eigenen Jazzkompositionen veröffentlicht. 2012 schloss er ein Masterstudium im Fach Orchesterdirigieren an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« in Berlin ab und leitet seit 2011 als Dirigent das Leipziger Universitätsorchester.

Guillaume Jehl, im elsässischen Saint-Louis geboren, begann im Alter von acht Jahren mit dem Trompetenspiel. Sein Studium, das er am Konservatorium in Mulhouse und am Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse in Paris absolvierte, schloss er mit Auszeichnung ab. Weiterhin studierte er Barocktrompete an der Schola Cantorum Basiliensis, an deren Musik-Akademie er auch als Pädagoge tätig ist. Außerdem vervollkommnete er sein Trompetenspiel seit 2008 bei Johann Gansch an der Universität »Mozarteum« in Salzburg. 1998 erhielt er als 20-Jähriger sein erstes Engagement als 2. Trompeter im Orchestre National de Bordeaux Aquitaine, zwei Jahre später spielte er auf gleicher Position im Orchestre National de France. 2001 wurde Guillaume Jehl Solo-Trompeter im Sinfonieorchester Basel. 2006 kehrte er, ebenfalls als Solo-Trompeter, ins Orchestre National de France zurück, bevor er 2009 bei den Berliner Philharmonikern aufgenommen wurde. Guillaume Jehl tritt neben seiner Arbeit im Orchester als Solist und Kammermusiker auf und engagiert sich im Blechbläserensemble der Berliner Philharmoniker.

Stefan de Leval Jezierski, geboren in Boston, erhielt mit 15 Jahren den ersten Hornunterricht und begann sein Studium an der North Carolina School of the Arts, bevor er 1972 zum Cleveland Institute of Music wechselte, wo er Schüler von Myron Bloom wurde. Schon während der Ausbildung konnte er in Konzerten und Tourneen des Cleveland Orchestra Bühnenerfahrung sammeln. 1976 wurde er Solo-Hornist im Orchester des Staatstheaters Kassel; zwei Jahre später nahmen ihn die Berliner Philharmoniker als hohen Hornisten auf. Stefan de Leval Jezierski gehört zu den Gründungsmitgliedern des Scharoun Ensembles Berlin. Außerdem ist er mit dem Philharmonischen Bläseroktett wie auch solistisch in Europa, Amerika und Japan aufgetreten. Er ist Professor h. c. an der Musikhochschule Schanghai und unterrichtet darüber hinaus seit 2000 an der philharmonischen Orchester-Akademie.

Thomas Leyendecker erhielt mit elf Jahren den ersten Posaunenunterricht, 1999 begann er ein Studium bei Henning Wiegräbe an der Musikhochschule Saarbrücken. Prägend war für ihn auch der Unterricht bei Hartmut Karmeier, dem Bassposaunisten am Trierer Theater. Orchestererfahrung sammelte er zunächst im Rahmen eines Praktikums bei den Duisburger Philharmonikern und als Stipendiat an der Orchesterakademie des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. Bevor er im Januar 2006 Mitglied der Berliner Philharmoniker wurde, gehörte Thomas Leyendecker dem Bundesjazzorchester an und spielte in mehreren Symphonieorchestern, etwa bei der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz in Ludwigshafen; zudem war er am Hessischen Staatstheater in Darmstadt angestellt. Neben seiner Tätigkeit im Orchester engagiert er sich auch im Blechbläserensemble der Berliner Philharmoniker und bei den philharmonischen Education-Projekten.

Olaf Ott stammt aus Dortmund und wurde an der dortigen Abteilung der Hochschule für Musik Westfalen-Lippe ausgebildet. 1983 war er Erster Preisträger beim Bundeswettbewerb »Jugend musiziert«. 1985 kam er als Solo-Posaunist zu den Duisburger Symphonikern (zugleich Orchester der Deutschen Oper am Rhein), zwischen 1989 bis 1994 war er Solo-Posaunist im RSO Berlin (heute Deutsches Symphonie-Orchester Berlin). 1994 nahmen ihn die Berliner Philharmoniker als Posaunisten auf, seit 1999 ist er deren Solo-Posaunist. Olaf Ott gehört auch dem Blechbläser-Ensemble der Berliner Philharmoniker an und spielt seit fast zwei Jahrzehnten im Triton Trombone Quartet, das mehrfach international mit Preisen ausgezeichnet wurde.

Manfred Preis, in Niederalteich geboren, studierte bei Gerd Starke an der Münchner Musikhochschule und bei Ulf Rodenhäuser an der Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker. 1978 wurde er Soloklarinettist im Radio-Symphonie-Orchester Berlin (heute: DSO), seit 1982 gehört er zu den Berliner Philharmonikern, in deren Reihen er Bassklarinette spielt. Manfred Preis engagiert sich jedoch nicht nur im Orchester, sondern auch kammermusikalisch, beispielsweise als Karinettist im Trio Berlin, bei den Bläsern der Berliner Philharmoniker, bei den Ensembles Cantango Berlin und Bolero Berlin sowie bei Projekten von Villa Musica in Mainz. Außerdem ist er seit Jahren ein gefragter Saxofonist. Er unterrichtet an den Musikhochschulen in Augsburg und Weimar, bei Festivals sowie an der Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker.

Janne Saksala begann 1981 an der Musikschule seiner Heimatstadt Helsinki ein Kontrabass-Studium, das er von 1986 an bei Klaus Stoll an der Hochschule der Künste (heute: Universität der Künste) in Berlin fortsetzte. Meisterkurse – unter anderem bei Duncan McTier – vervollkommneten seine Ausbildung. 1991 war Janne Saksala Preisträger beim Internationalen ARD-Musikwettbewerb in München. Seit 1994 gehört er den Berliner Philharmonikern an, mit Beginn der Saison 2008/2009 wurde er deren 1. Solo-Bassist. Einen ausgezeichneten Ruf genießt Janne Saksala überdies als Solist sowie als Jazz- und Kammermusiker; zudem engagiert er sich im Bereich der zeitgenössischen Musik und hat zahlreiche neue Werke uraufgeführt. Hinzu kommt eine intensive Dozententätigkeit, in deren Zentrum eine Gastprofessur an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« Berlin sowie Meisterklassen im In- und Ausland stehen.

Stefan Schulz, ein gebürtiger Berliner, erlernte zunächst das Hornspiel, bevor er mit 15 Jahren zur Posaune wechselte. Er studierte bei Harald Winkler und Joachim Mittelacher in Berlin sowie bei Charles Vernon in Chicago. Bevor Stefan Schulz Mitglied der Berliner Philharmoniker wurde, war er von 1993 bis 2002 Bassposaunist in der Staatskapelle Berlin und unterrichtete an deren Orchesterakademie. Diese pädagogische Tätigkeit legte den Grundstein für weitere Lehraufträge und Professuren: an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover, an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« Berlin (2000 bis 2004) und an der Berliner Universität der Künste (seit 2004). Stefan Schulz, der von 1996 bis 2002 auch regelmäßig im Bayreuther Festspielorchester mitwirkte, musiziert in verschiedenen Kammermusikensembles, etwa im Blechbläserensemble der Berliner Philharmoniker.

Jesper Busk Sørensen, 1980 im dänischen Grenå geboren, widmete sich am Anfang seiner musikalischen Laufbahn dem Euphonium. Später wandte er sich jedoch der Posaune zu und studierte an der Königlichen Musikakademie Århus Posaune bei Niels-Ole Bo Johansen, Rolf Sandmark und Jesper Juul. 2002 war er Preisträger beim Internationalen Posaunen Festival, im selben Jahr führte ihn sein erstes Engagement zum Århus Symfoniorkester, in dem er zunächst die Position des Zweiten, später die des Ersten Posaunisten inne hatte. Während seiner Orchestertätigkeit hatte Jesper Busk Sørensen Gelegenheit, seine instrumentalen Fähigkeiten bei Michael Mulcahy an der Northwestern University in Chicago weiterzubilden. 2009 wurde er als 2. Posaunist in die Reihen der Berliner Philharmoniker aufgenommen. Zudem engagiert er sich als Mitglied des Danske Basunkvartet (Dänisches Posaunenquartett) und des Blechbläserensembles der Berliner Philharmoniker auf kammermusikalischem Gebiet.

Martin Stegner erhielt mit acht Jahren von seinem Vater den ersten Geigenunterricht. Nach dem Studium an der Musikhochschule Mannheim bei Roman Nodel wechselte er zur Bratsche und wurde 1992/1993 an der Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker von Neithard Resa und Wilfried Strehle weiter ausgebildet. Meisterkurse u. a. bei Wolfram Christ und Rainer Kussmaul vervollkommneten sein Können. Nach dreijähriger Tätigkeit als 1. Solo-Bratscher im Deutschen Symphonie-Orchester Berlin wechselte er 1996 zu den Berliner Philharmonikern, 2006 wurde er in den Fünferrat des Orchesters gewählt. Martin Stegner konzertiert weltweit als Solist und engagiert sich neben seiner Orchestertätigkeit bei den Philharmonischen Streichersolisten sowie gemeinsam mit seinem Kollegen Klaus Wallendorf in dessen Ensemble Lachmusik. 2008 gründete er das Ensemble Bolero Berlin. Als Liebhaber des Jazz spielte Martin Stegner in diversen Formationen und auf vielen Festivals; er trat u. a. mit Thomas Quasthoff, Nigel Kennedy, Herbie Mann und Diane Reeves auf. Eine enge Zusammenarbeit verbindet ihn auch mit dem Berliner Jazzquartett Cyminology.

Gábor Tarkövi stammt aus einer Musikerfamilie und wurde 1969 in Esztergom (Ungarn) geboren. Er studierte von 1987 an Trompete bei György Geiger an der Hochschule »Franz Liszt« in Budapest sowie bei Frigyes Varasdy an der Musikakademie der ungarischen Hauptstadt. Zu seinen wichtigsten Lehrern gehörten zudem György Kurtág und Hans Gansch. Erste Engagements führten Gábor Tarkövi zur Württembergischen Philharmonie Reutlingen sowie als Solo-Trompeter zum Berliner Sinfonie-Orchester (heute: Konzerthausorchester) und zum Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks. Seit 2005 gehört er in gleicher Position den Berliner Philharmonikern an. Neben seiner Tätigkeit im Orchester gilt Tarkövis Leidenschaft der Kammermusik. Er ist Mitglied des österreichischen Blechbläserensembles Pro Brass, der Austrian Brass Connection und des neugegründeten Wien-Berlin Brass Quintetts, zudem spielt er im Blechbläserensemble der Berliner Philharmoniker. Solistische Verpflichtungen führten den Musiker in viele Länder Europas, in die USA sowie nach Japan. Gábor Tarkövi unterrichtet an der Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker und gibt regelmäßig Meisterkurse in Ungarn, Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Wieland Welzel spielt seit seinem fünften Lebensjahr Klavier und begann ein Jahr später zusätzlich mit dem Schlagzeugunterricht. 1986 gewann er einen Ersten Preis beim Bundeswettbewerb »Jugend musiziert«. Nach fünfjähriger Mitgliedschaft im Bundesjugendorchester studierte er von 1993 bis 1997 an der Musikhochschule seiner Heimatstadt Lübeck bei Peter Sewe (Pauke) und Peter Wulfert (Schlagzeug). Während dieser Zeit war er Mitglied im Jugendorchester der Europäischen Union und trat 1995 sein erstes Engagement als Solo-Pauker der Mecklenburgischen Staatskapelle Schwerin an. 1997 wurde Wieland Welzel Pauker bei den Berliner Philharmonikern. Sein Interesse für den Jazz ließ ihn 1999 zusammen mit vier anderen Kollegen die Berlin Philharmonic Jazz Group gründen; er ist Mitglied im Schlagzeugensemble der Berliner Philharmoniker und unterrichtet außerdem als Gast am Königlichen Musikkonservatorium Kopenhagen.

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