Berliner Philharmoniker

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Kammermusik

Roger Willemsen Moderation und Programmgestaltung

Christian Zehnder Musikalische Leitung, Regie, Stimme, Global-Jodeling und Wippkordeon

Anton Bruhin Trümpi (Elektromagnetische Maultrommel)

Arkady Shilkloper Alphorn

Albin Brun Schwyzerörgeli und Sopransaxofon

Marc Unternährer Tuba

Matthias Loibner Drehleier

Nadja Räss Jodlerin

Mitglieder der Berliner Philharmoniker

Aline Champion Violine, Christophe Horak Violine, Madeleine Carruzzo Viola, David Riniker Violoncello, Janne Saksala Kontrabass

Teil 2: Global Yodeling und Urban Brass – Unterwegs in den alpinen Landschaften Europas

Näheres zu diesem Konzert wird zu einem späteren Zeitpunkt bekannt gegeben.

Termine und Tickets

Mi, 11. Dez. 2013 20 Uhr

Kammermusiksaal

Programm

In diesem Konzert der Reihe Unterwegs führt Roger Willemsens Reise in die alpinen Landschaften Europas. Dort hat sich in den letzten Jahren musikalisch Erstaunliches und Überraschendes entwickelt: Musiker aus verschroben-abgelegenen Bergtälern und alpinen Metropolen zwischen Slowenien und Okzitanien haben sich auf die Suche nach innovativen Alpentönen gemacht. Experimentierfreudig haben sie sich hemmungslos und fantasievoll die reichen melodisch-rhythmischen Traditionen dieser bedeutenden Kulturregion Europas vorgenommen, um neue Klangformen zu erfinden.

Mit den typischen Instrumenten wie Hackbrett, Ziehharmonika und Zither, aber vor allem mit der menschlichen Stimme vollzieht sich dort ein zukunftweisender Aufbruch europäischer Musik. Besonders die alpenländische Vokalkunst, ob im Dialekt oder mit kritischer Distanz und abstraktem Naturjodel, widmet sich der musikalischen Utopie einer imaginären Heimat zwischen urbaner und archaischer Kulturlandschaft.

Die aktuellen Themen liegen nicht nur am Fuße der Berge, sondern auch im Spannungsfeld heutiger alpiner Lebenswelten zwischen Tourismus und Ökologie, zwischen Globalisierung und Migration. Mit Virtuosität, -Humor und Improvisationskraft, mit Experimentier- und Spielfreude spricht die neue Generation alpenländischer Musiker universelle Gefühle und Themen an. Man staunt angesichts überwältigender Traurigkeit oder Wildheit der Weiterentwicklungen alter Lieder, der Klänge und Geräusche heutiger alpiner Landschaften und der zärtlich-filigranen Naturtöne aus Alphorn und Maultrommel

Über die Musik

Global-Yodeling, Wippkordeon, Schwyzerörgeli und Alphorn

Die Alpen als volksmusikalisches Klanglabor

Gibt es einen speziellen Alpensound? Was macht den eigentümlichen Klang der Musik aus der Schweiz, aus Österreich und Bayern aus? Genährt werden solche Vorstellungen meist aus kollektiven Erfahrungen, die uns im Laufe des Lebens begegnet sind. Stereotypen gibt es über die Alpen wohl so viele wie sonst nirgends auf der Welt. Je genauer man hinschaut, umso unschärfer wird der Eindruck. Bei der Beschäftigung mit alpiner Musik stehen wir einem Berg von Erwartungen gegenüber. Warum nur sind ausgerechnet die Alpen so anfällig für Heimatgefühle, nationalromantische Vorstellungen und Bierseligkeit?

Beim Klang des Alphorns ziehen vor unserem inneren Auge authentische Lebenswelten vorbei. Auch heute noch trifft man in abgelegenen Tälern eine bäuerliche Lebensweise, die man kaum mehr für möglich gehalten hat. Man riecht dort förmlich den frischen Kuhmist, der noch unter den Fingernägeln bei manchem Alphornspieler und Betrufer hervorscheint. Doch sehen die Bergler irgendwie ärmlich aus in ihren zerschlissenen Hemden. Mit der Ausstattung festlich herausgeputzter Trachtenträger jedenfalls passen sie so gar nicht zusammen. Volkskultur drückt sich darin nicht aus. Oder doch? Welche Kultur ist überhaupt gemeint? Was ist echt und was ist falsch an all dem Gejodel und Gedudel? Immer wiederkehrende Rituale geben den Vorstellungen einer ungebrochenen Tradition eine unumstößliche Gestalt. Das authentische Vorbild lebt im kreativen Umgang mit der eigenen Geschichte weiter. Manchmal fragt man sich, wie solch eine akribische Beschäftigung mit der eigenen Tradition im heutigen globalisierten Europa überhaupt noch möglich ist. Einem Europa, durch das sich die Alpen wie eine kulturelle Trennscheibe quer hindurchziehen. Während das Hochgebirge für Deutschland, Italien und Frankreich nur eine marginale geografische Randerscheinung darstellt, sind die Alpen für die Schweiz und Österreich der Inbegriff ihrer selbst. Von den Slowenischen Karawanken im Osten bis nach Genua und Marseille im Westen trifft man auf eine Vielzahl von Kulturen und Sprachen, die jeweils mit völlig unterschiedlichen alpinen Klischees behaftet sind. Das global gültige Bild der Alpen jedoch nährt sich im Wesentlichen aus dem, was die Bayern, Schweizer und Österreicher seit den Anfängen des Tourismus in die Welt getragen haben. Turin und Mailand, Marseille und Nizza werden nicht als Alpenstädte wahrgenommen, das dortige alpine Hinterland ist uns fremd.

Unterschiedliche musikalische Auffassungen

Eines der markantesten Produkte alpiner Kultur ist zweifelsohne die Musik. Genauer gesagt die Volksmusik, worunter die meisten Bewohner des Flachlands die sogenannte volkstümliche Variante verstehen. Ein markanter Erfinder alpenländischer Folklore war der Slowenische Skispringer und Gastwirt Slavko Avsenik. Unter dem Signum »Original Oberkrainer« bereitete er in den 1950er- Jahren der volkstümlichen Alpenmusik den Weg. In der Fernsehsendung »Zum Blauen Bock« des Hessischen Rundfunks wurde erfunden und eingeübt, was bis heute immer noch unter dem Namen »Musikantenstadl« einem jung-vergreisenden Millionenpublikum von Flensburg bis Bozen vorgesetzt wird. Während der »Musikantenstadl« zunehmend in eine Legitimationskrise gerät, macht der Österreichische Shootingstar Andreas Gabalier vor, wie gespielte Volkskultur unter dem Motto »Sex und Landlust« den demografischen Geschmackswandel kommerziell überleben kann.

All das hat mit Volksmusik nichts zu tun. Gibt es doch ganz andere Volksmusikrealitäten in den Alpen. Die aber werden von der Außenwelt kaum wahrgenommen. Volksmusik ist in den deutschsprachigen Landschaften der Alpen immer noch tief im eigenen Identitätsempfinden verwurzelt und wird vielerorts lebhaft praktiziert. Sowohl in der Schweiz als auch in Österreich und in Bayern gibt es zahlreiche lebendige Szenen, die lokale Traditionen mit ihren typischen Instrumentierungen und ganz eigenem Repertoire pflegen. Die lange Zeit vorherrschende politisch konservative Konnotation der Volksmusik tritt mittlerweile immer mehr in den Hintergrund, was sie auch für weniger xenophobe Menschen zugänglich macht.

Volksmusik war in früheren Zeiten ausschließlich funktional und niemals konzertant. Dort, wo sie ihre Funktion verloren hatte, verschwand sie klanglos. Überlebt hat sie dort, wo sie auch heute noch gebraucht wird: auf der Kirchweih, beim Gottesdienst, bei der Fastnacht, der Stubenmusik oder der Stubete. Während die Anlässe regional sehr verschieden sein können, ist das heutige volksmusikalische Instrumentarium im Alpenraum überall sehr ähnlich. Das hat nicht wenig mit dem Aufkommen des Akkordeons im 19. Jahrhundert zu tun. Das industriell hergestellte, leicht zu erlernende Instrument uniformierte regionalspezifische Instrumentierungen. So hat das diatonische Schwyzerörgeli die Streichinstrumente zum Verstummen gebracht und ist heute der Inbegriff der Schweizer Volks- oder Ländlermusik. Eine ähnliche Rolle kommt in Österreich der Steirischen Harmonika zu. Neben dem sich rasant verbreitenden Akkordeon kamen über das Militär verstärkt auch die Blasinstrumente ins Spiel. Historische Instrumente wie die Drehleier und der Dudelsack waren vorher bereits vollkommen in Vergessenheit geraten. Sie gehören heute nicht mehr zum Klangarsenal der deutschsprachigen Alpenländer.

Kratzen an den Fundamenten der Tradition

In den 1990er-Jahren hat in den deutschsprachigen Regionen der Alpen eine aufgeschlossene, junge Musikszene die Volksmusik für sich entdeckt. Man lehnte zwar einerseits die volkstümliche Musik des »Musikantenstadls« grundsätzlich ab und stand auch der Volksmusik im ländlichen Raum zumindest misstrauisch gegenüber. Andererseits wollte man vom Identifikationspotenzial volksmusikalischer Idiome auch etwas abhaben. Die Musiker, die aus völlig unterschiedlichen musikalischen Zusammenhängen kamen, brachten eine Reflektion in das Thema ein, wie sie bisher im traditionellen Milieu nicht stattgefunden hat. Die Unbefangenheit des »anything goes« nach der Öffnung des eisernen Vorhangs scheint dies möglich gemacht zu haben. Aber ihre Erfindung war es nicht, denn es gab bereits Vorläufer. Die »Biermösl Blosn« in Bayern, Hubert von Goisern in Österreich und »Appenzeller Space Schöttl« in der Schweiz, um nur drei Beispiele zu nennen, haben schon lange vorher mit der Traditionsmusik hantiert und gleichzeitig gegen sie rebelliert. Was seitdem an politischer Reibungsfläche verloren gegangen ist, das hat die Musik an künstlerischer Qualität dazu gewonnen. Im Unterschied zu den Traditionalisten ging es den neuen Alpenmusikern um die Musik an sich, um das Klangmaterial und nicht um ritualisierte Kontexte. Auf breiter Ebene kamen Musiker aus Klassik, Folk, Jazz und Rock zusammen und lernten viel voneinander. Der Aufbruch vollzog sich mehr oder weniger gleichzeitig und ausschließlich im deutschsprachigen Alpenraum.

Experiment und Recherche

Während die einen den Anschluss an moderne Formen populärer Musik suchten, begannen andere akribisch nach den Ursprüngen, nach der Tradition hinter der Tradition zu suchen. Was manche aus dem gefundenen Material gemacht haben, das hatte zuweilen den Charakter einer Offenbarung. Mit so viel Groove und Gefühl ist diese Musik vorher nie wahrgenommen worden. Obwohl die Entwicklung fast zeitgleich in Bayern, Österreich und der Schweiz stattfand, sind bei näherer Betrachtung die Unterscheide bis heute doch beträchtlich. Die Tanzfreude und Lautstärke der bajuwarisch-österreichischen Musik ist in der Schweiz einfach undenkbar, da ein gewisses Grundvertrauen in die eigene Tradition bei den Eidgenossen unumstößlich ist. Österreichische Gruppen wie »Die Strottern« oder »Franui« basteln mit größter Virtuosität am heimischen Klangkosmos, sei es das Wienerlied oder das volksmusikalische Vermächtnis von Franz Schubert oder Gustav Mahler. In Bayern ist man stark von der österreichischen Leichtigkeit beeinflusst. Zwischen Donau und Zugspitze hält man sich aber nicht lange mit austro-larmoyanten Gefühlen auf, sondern lässt es gerne mit Blasmusik krachen. Wichtigste Neuerung in Bayern ist die Eroberung der Clubs durch Gruppen wie »La Brassbanda«, »Kofelgschroa« oder die Münchner Gruppe »Moop Mama«, die es im Windschatten der Balkan-Brassbands schaffen, ein ganz neues junges Publikum anzusprechen. Das gibt es in der Schweiz nicht und ist mit dem Selbstverständnis der Schweizer Volksmusik auch völlig unvereinbar. Eine der wenigen Ausnahmen machte der Rapper Bligg, der es mit der Traditionsgruppe »Streichmusik Alder« und dem gelungenen Song volksmusigg an die Spitze der Schweizer Chats schaffte.

Etwas ist anders in der Schweiz

Von außen gesehen erscheint die Schweiz zuweilen hermetisch, ernsthaft, geheimnisvoll und in sich gekehrt, dann aber auch wieder weltoffen, frisch, experimentierfreudig, innovativ und demokratisch gereift. Von bekannten Namen wie Krokus, Stephan Eicher, Yello, Andreas Vollenweider, Gotthard, Sophie Hunger und Dj Bobo wissen wir vielleicht, dass sie aus der Schweiz kommen, aber speziell schweizerisch klingen sie nicht.

Typisch schweizerisch klingt das Jodeln und das Alphorn. Obwohl sie ein Import aus anderen Alpenregionen sind. Auch die viersprachige Schweiz brauchte im Zuge ihrer nationalstaatlichen Entwicklung eine eindeutige Symbolik ihrer selbst. In früheren Zeiten hatte man bewusst oder unbewusst übersehen, dass es eine große Menge an regionalen Stilen und Instrumentierungen gab. Ein markantes Beispiel liefert heute noch die faszinierende, wortlose, naturtonale Jodeltradition im ostschweizerischen Appenzell. Die Schweizer Ländlermusik entwickelte sich seit den 1920er-Jahren, auch unter dem Einfluss des Jazz, vor allem in den Städten zu einer nationalen Musik. Auf Schallplatten und über den Rundfunk fand sie eine starke Verbreitung. Gefestigt wurde das musikalische Selbstbild zudem im Zuge der »geistigen Landesverteidigung« in den 1930er-Jahren, als kulturelles Bollwerk gegen die übermächtig erscheinende Bedrohung von außen. Nach den goldenen 1950er-Jahren verlor die Ländlermusik jedoch immer mehr an Bedeutung. Sie passte einfach nicht mehr in das Bild der modernen Schweiz. Zudem wurde sie von erstarkenden nationalkonservativen Kreisen zunehmend instrumentalisiert.

Die Neue Schweizer Volksmusik

Die vielfältigen Ansätze einer innovativen Beschäftigung mit der Schweizer Volksmusik haben spätestens seit der Gründung des Festivals »Alpentöne« in Altdorf/Uri 1999 unter der Bezeichnung »Neue Volksmusik« einen gemeinsamen Nenner gefunden. In der Folge entstanden weitere Festivals, die wiederum selbst zu Impulsgebern der Szene wurden. Was die vielen Musiker eint, ist die experimentbasierte Verwendung von volksmusikalischem Material oder sonstigen alpinen und heimatlichen Klangstereotypen. Man nimmt sich die Freiheit, den Sound der Heimat von seinem konservativen Ballast zu befreien. Das heißt für viele aber noch lange nicht, dass sie dabei die Essenz der Volksmusik über Bord schmeißen. Im Gegenteil: Ein Teil von ihnen, tief in der Volksmusik sozialisiert, holen aus der Musik etwas heraus, was im Wesen bereits in ihr steckt. Dieses Anliegen verschafft ihnen viel Respekt bis weit in traditionalistische Kreise hinein.

Zwei Musiker, die Anfang der 1990er-Jahre aus diesem Selbstverständnis heraus höchst erfolgreich nachhaltige Impulse gesetzt haben sind der Klarinettist Dani Häusler und der Schwyzerörgeli-Spieler Markus Flückiger. Beide hatten sich durch Spielpraxis und Perfektionsdrang außerordentliche Fertigkeiten auf ihren Instrumenten angeeignet. Sie wagten den Befreiungsschlag, einfach weil es ihnen mit dem eintönigen ewig gleichen Kneipenspiel zu langweilig geworden war. Die von ihnen gegründete Gruppe »Pareglish« mischte Ländler mit Klezmer, Rock und elektronischem Material, also mehr oder weniger allem, was gerade greif- und tanzbar war. Das war in Zeiten aufkommender Weltmusik an und für sich nichts Besonderes, wäre der Ausgangspunkt dieses Cross-overs nicht die für diese Zwecke äußerst unhandliche Ländlermusik der Schweiz gewesen. 1998 gegründeten sie das heute noch aktive Quartett »Hujässler«, das mittlerweile eine Institution in der Schweizer Musikszene ist und für neue junge Gruppen sogar stilbildend wurde.

Einen Markstein für die Neue Volksmusik der deutschsprachigen Schweiz setzte eine Gruppe von Aktivisten um den klassisch ausgebildeten Cellisten Fabian Müller. Ihnen zu verdanken ist die Herausgabe einer einzigartigen Notensammlung mit über 12.000 Volksmelodien aus der Zeit zwischen 1800 und 1940, welche die Musikethnologin Hanny Christen zwischen 1940 bis 1960 gesammelt hatte. Viele Gruppen schöpfen neues Material aus der Sammlung, die einen Blick hinter die als Einheitsfassade empfundene Schweizer Volksmusik ermöglicht. Fabian Müller gründete auch die »Helvetic Fiddlers«, die einen fast vergessenen Aspekt der Schweizer Volksmusik als Streichmusik wiederbeleben.

Neben diesen nah an der Tradition spielenden Musikern gab es auch solche, die sich um die Überlieferungen nur wenig scherten und sie, wie es ihnen gefiel, als Steinbruch für ganz eigenständige musikalische Anliegen verwendeten. Der Gitarrist Max Lässer, der einst bei Stephan Eicher, Andreas Vollenweider und Hubert von Goisern gespielt hat, gründete das Ensemble »Überlandorchester«, in dem neben Markus Flückiger und Töbi Tobler auch einer der eigenwilligsten Musiker der Schweizer Szene, der Elektro-Maultrommelspieler Anton Bruhin mitspielt. Bruhin wechselt mühelos zwischen Free Jazz, Klassik und Ländler hin und her. Er bewegt sich zwischen Tradition und Avantgarde. Um noch mehr aus dem Instrument herauszuholen hat er seine Maultrommel elektrifiziert.

Einer der sehr früh schon die faszinierende Appenzeller Musik experimentell einsetzte ist der Hackbrettspieler Töbi Tobler. Mit dem Duo »Appenzeller Space Schöttl« sorgte er beim Zürcher Jazzfest 1983 für viel Diskussionsstoff. Zumindest war man sich uneinig, ob das nun noch Freejazz oder vielleicht eher Freefolk sei. Was da mit »animalischen Geräuschen aus Feld und Stall« erklang war eindeutig neu. 1999 gründete Tobler mit weiteren Musikern das seltsam anmutende »Neue Original Appenzeller Streichmusikprojekt«. Unter ihnen auch Paul Giger, Fabian Müller und der Geiger und Hackbrettspieler Noldi Alder. Die Musiker zelebrierten die Appenzeller Musik in höchster spielerischer Brillanz, versetzt mit diversen improvisierenden Ausflügen und größtem Vertrauen in das Ursprungsmaterial. Sie entfalteten Assoziationskaskaden alpiner Landschaften, die sich am Ende überraschend und selbstverständlich auf dem Tanzboden der Appenzeller Bauernmusik wiederfanden. Noldi Alder, der Initiator des Projektes wuchs in einer seit 125 Jahren ungebrochenen Appenzeller Musikerdynastie auf, bis er aus dem Familienverband desertierte. Vom »Streichmusikprojekt« als Markstein und Orientierungspunkt ausgehend fällt der Blick unwillkürlich in ganz verschiedene Richtungen. Vertreter dieser Unterschiedlichkeit sind der Stimmakrobat Christian Zehnder und die Jodlerin Nadja Raess.

Nadja Räss gilt als eine der vielseitigsten, von klein auf mit der Volksmusik vertrauten Jodlerinnen der jungen Generation. Sie entschied sich dazu, anstatt Jazz, klassischen Gesang zu studieren, der sich mit dem Jodeln eigentlich überhaupt nicht verträgt. Nadja Räss rollt mit ihrem Repertoire die Volksmusik quasi von innen her auf, indem sie sich wirklich auf das Erbe einlässt, aber mit großer Sorgfalt und Neugierde fragt, was hinter den verbandlichen Setzungen reglementierten Jodelns steckt. So interpretiert sie nicht nur neuere, zum großen Teil eigene Kompositionen, sondern singt auch die verschiedensten Arten und Stile Schweizer Naturjodel und einschlägiger Jodellieder, die sie selbst in aufwändigen Recherchen ausgräbt und arrangiert; ohne Scheuklappen, mutig, lebendig, innovativ und zuweilen sehr experimentell. Dabei trägt sie immer eine Tracht und unterstreicht so ihren Standpunkt der Zuneigung zur heimatlichen Tradition.

Der charismatische Musiker Christian Zehnder aus Basel ist diesbezüglich genau das Gegenteil von Nadja Räss. Er hat sich lange in der Kabarett-, Liedermacher-, Theater- und Kunstszene herumgetrieben, viel experimentiert und sich so zu einer Künstlerfigur entwickelt, die ihresgleichen sucht. Nach einem stimmpädagogischen Studium lernte er Obertongesang, Körperstimmtechniken und verschiedene Jodeltechniken. 1996 gründete er mit dem nicht weniger experimentell orientierten Alphornspieler Balthasar Streiff das international erfolgreiche Duo »Stimmhorn«. Die beiden Musiker ließen alle gängigen Vorstellungen musikalischer Gattungen hinter sich. Ein atemberaubender Kosmos an handgemachten brachialen Geräuschen bis zu dezenten elektronischen Klangkreationen, wirkungsvoll mit allerlei musikalischem Sammelsurium auf der Bühne inszeniert, brachte das Publikum ins Staunen. Die Musik von »Stimmhorn« war eine völlig neue Erfahrung mit akustischen Landschaftsbildern der Alpen. Von überall blitzten Spuren von Klängen, Tönen und Geräuschen auf, die man, ohne sie je gehört zu haben, unwillkürlich mit den Alpen in Verbindung brachte. Ähnlich verhält es sich bei Zehnders aktuellen Projekten. In einer der neueren Produktionen – Schmelz – singt er nach 15 Jahren gejodelter und obertonaler Textlosigkeit erstmals auch mit Worten. Sein früherer Mitstreiter Balthasar Streiff ist inzwischen mit dem Ensemble »Hornroh« ebenfalls sehr erfolgreich unterwegs. Das Alphorn- und Büchelquartett changiert geschickt zwischen Erinnerungsspuren der volksmusikalischen Tradition und Neuer Musik.

Typisch für die Neue Schweizer Volksmusik ist, dass sich kaum jemand stilistisch festlegen will. Musiker aus allen Genres verlassen bewusst ihre musikalische Heimat und mischen sich in das aufgeladene Thema ein. Dabei ist der künstlerische Qualitätsanspruch durchweg außerordentlich hoch. Zuweilen greift man auch auf nicht-schweizerische Musiker zurück. Wie den russischen Hornisten Arkady Schilkloper, einem der besten Alphornspieler weltweit, der immer wieder in neue alpine Musikprojekte eingebunden wird. Ebenfalls über höchste Virtuosität und handwerkliches Können verfügt der österreichische Drehleierspieler Matthias Loibner aus Wien. Seine Zusammenarbeit mit Christian Zehnder stellt eine radikale Einmischung in den Schweizer Klangkosmos dar, denn die Drehleier hat man in den Schweizer Alpen seit über 200 Jahren nicht mehr gehört.

Einer weiterer von Christian Zehnders Weggefährten ist Albin Brun aus Luzern. Auch für ihn steht die Ländlermusik nicht unter einem besonderen Schutz. Albin Brun kommt aus dem Folk der 1970er-Jahre, wobei er sich bis heute stetig weiterentwickelt hat. Auf einem riesigen Instrumentarium spielend hat er sich experimentierend im umweltbewegten europäischen Folk und Neofolk der 1980er-Jahre bewegt. Auf der Suche nach den Ursprüngen der Schweizer Volksmusik orientierte er sich an ähnlichen Bewegungen in Italien in der damaligen Zeit. Als Saxofonist der legendären »Interkantonalen Blasabfuhr« wurde sein Spiel immer konzentrierter. Danach fokussierte er sich in eigenen und fremden Projekten zunehmend auf die Schweizer Volksmusik. Das Schwyzerörgeli wurde neben dem Saxofon sein Instrument, was einem Bekenntnis gleichkommt. Albin Brun bewegt sich heute zwischen Jazz und Folk. Sein hervorragendes »Alpin Ensemble« hat durch die Jazzsängerin Isa Wiss abermals eine neue Farbe in das Mosaik der Neuen Schweizer Volksmusik gebracht.

Ein Ausdruck der Experimentierfreude und Offenheit der neuen Schweizer Alpenszene ist der Tubaspieler Marc Unternährer. Viele Musiker schätzen ihn wegen seiner großen Flexibilität. Sein besonderes Interesse an der freien Improvisation hindert ihn nicht daran, mit vielen der wichtigen Musiker der Neuen Schweizer Volksmusik gespielt zu haben.

Wenn nicht schon bei Christian Zehnder, so verlassen wir spätestens mit der international erfolgreichen Walliser Sängerin und Akkordeonistin Erika Stucky endgültig die Perspektive der Volksmusik. Die in San Francisco geborene Musikerin schmeißt zwar mit Versatzstücken aus dem traditionellen alpinen Repertoire reichlich um sich, mit ihrer erfrischenden Bühnenpräsenz aber ist sie, von erstklassigen Jazzmusikern der europäischen Szene umgeben, letztlich eindeutig in einem intelligenten kabarettistischen Fun-Jazz angesiedelt. Mit ihren Programmen wie z. B. Suicidal Yodels sind die Bezüge zur volksmusikalischen Bergwelt dennoch eindeutig.

Ein weiterer wichtiger Name in der Szene ist der Trompeter und Alphornspieler Hans Kennel, der bereits 1982 mit den »Alpine Jazz Herds« erste Schritte hin zu einer zeitgenössischen alpinen Musik unternahm. Faszinierend sind Kennels Aufnahmen mit den in untemperierten Naturtönen jodelnden »s’Heuis«, den Geschwistern Agatha, Daniela, Barbara und Monika Schönbächler aus Einsiedlen. Ein Projekt, das George Gruntz mit den vier Sängerinnen, Hans Kennel und Erika Stucky für die WDR Bigband eingespielt hat.

Eine ganz andere Variante Neuer Volksmusik aus der Schweiz, etwas durchlässiger für äußere Einflüsse, etwas folkiger und doch durchweg der Volksmusik zugetan, ist die 2000 gegründete Gruppe »Doppelbock« unter der Leitung des Multiinstrumentalisten Dide Marfurt. In seinem Umfeld trifft man wiederum auf zahlreiche Musiker wie z. B. die aus Graubünden stammende rätoromanisch singende Corin Curschallas oder auf die exzentrische Schauspielerin, Jodlerin und Geigerin Christine Lauterburg, die mit eigenen Projekten, eher assoziativ als streng traditionell, zuweilen poppig-groovende Klangräume erfindet, in denen sie ihre moderne Jodeltechnik einsetzen kann.

Festivals als Treibriemen der Bewegung

Den Anfang machte Altdorf im Kanton Uri, das die Neue Volksmusik als Thema für eine regelmäßige Schwerpunktveranstaltung entdeckte. Unter dem Namen »Alpentöne« legte man den Fokus auf zeitgenössische alpine Musik des gesamten Alpenraums. In 40 Konzerten an drei Tagen kann man seit 1999 alle zwei Jahre die ganze Bandbreite aktueller Musik mit jedem erdenklichen Alpenbezug hören. Die Gründung weiterer ganz unterschiedlicher Festivals folgte. Das inzwischen von Nadja Räss geleitete »Klangfestival Naturstimmen« in Toggenburg folgt ebenfalls einem weiten Spektrum vokaler, alpiner Klangerzeugung. Ganz anders vorbehaltlos ist das Konzept der Veranstaltung »Volkskulturfest Obwald«, bei dem neben Jodlern aus dem Nachbardorf auch Mönche aus Buthan vor großem Publikum auftreten. Geradezu ein Indikator für den Stellenwert der innovativen Volksmusik bei einem urbanen Publikum ist die im Wechsel mit »Alpentöne« veranstaltete, von den Musikern Florian Walser und Johannes Schmid-Kunz ins Leben gerufene »Stubete am See« im Zentrum von Zürich. Gespielt wird in einem Biergarten und im renommierten Zürcher Konzerttempel, der Tonhalle.

Fazit

Die Volksmusik in den Alpen spielt sich heute auf ganz unterschiedlichen Bühnen ab. Zwischen »Musikantenstadl«, Kirchweih und Club gibt es eine große Menge an Ansprüchen aber keine eindeutige Deutungshoheit mehr. Zu unterschiedlich sind das Publikum, die Stile und die Orte. Das verbindende Motiv ist ein Sammelsurium an Erinnerungsspuren in uns, die an Naturerlebnisse und auch Heimatgefühle gebunden sind. Die Volksmusik kann nichts dafür, dass sie politisch instrumentalisiert wurde.Doch befreit sie sich mehr und mehr von diesem Ballast und öffnet sich damit in alle Richtungen. Musikalisch ist der neue Umgang mit der Volksmusik keinem Genre mehr zuzuschreiben. Irgendwo zwischen Jazz, Klassik, Rock- und Popmusik hat sich eine neue Musik aufgetan, die noch viel zu sagen hat.

Johannes Rühl

Der Ethnologe Johannes Rühl aus Freiburg in Breisgau leitet seit 2008 das internationale Musikfestival »Alpentöne« in Altdorf (Kanton Uri). Er beschäftigt sich intensiv sowohl mit der traditionellen Musik des Alpenraums als auch mit neuen Klängen und Soundscapes, die einen Bezug zu den Alpen haben. Zurzeit hat er an der Musikhochschule in Luzern einen Forschungsauftrag zu Innovationen in der Volksmusik der Schweiz und unterrichtet an diversen Hochschulen. Johannes Rühl lebt im Onsernonetal im Tessin.

Biographie

Anton Bruhin, 1949 in Lachen im Kanton Schwyz geboren und in Schübelbach aufgewachsen, absolvierte die Kunstgewerbeschule sowie eine Schriftsetzerlehre in Zürich und ist seit 1968 als Zeichner, Maler, Autor und Musiker freischaffend tätig. Er erhielt zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen, u. a. mehrfach das Eidgenössische Kunststipendium sowie den Anerkennungspreis für Literatur, Kanton Zürich. Als Trümpi- (Maultrommel-)Virtuose spielt er Musik vom Schweizer Ländler bis zum Free Jazz, ebenso wie die Konzerte für Maultrommel, Mandora und Orchester von Johann Georg Albrechtsberger. Er hatte zahlreiche Ausstellungen und trat in Konzerten und Lesungen im In- und Ausland auf; darüber hinaus unternahm Maultrommel-Forschungsreisen nach Sardinien, Ungarn, Jakutien und Japan. Anton Bruhin gastiert nun erstmals in einem Konzert der Stiftung Berliner Philharmoniker.

Albin Brun, 1959 in Luzern geboren, erhielt seine musikalische Ausbildung an der Akademie für Schul- und Kirchenmusik in seiner Heimatstadt sowie an diversen Jazzschulen. Der Multiinstrumentalist, der auf dem Sopransaxofon ebenso versiert ist wie auf dem Schwyzerörgeli (einer Variante des diatonischen Akkordeons), ist mit seinen diversen Ensembles in der Schweizer Jazzszene überaus aktiv, wobei sein Repertoire auch den Bereich der Volksmusik beinhaltet. Albin Brun war als Komponist und Musiker an zahlreichen Theaterprojekten, Lesungen, Hörspielen und Dokumentarfilmen beteiligt und wurde 2013 mit dem Kunst- und Kulturpreis der Stadt Luzern ausgezeichnet. Den Musiker führten Konzerte und Tourneen in viele Länder Europas sowie nach Georgien, Katar, Südkorea, Ägypten und Namibia. In Veranstaltungen der Stiftung Berliner Philharmoniker ist Albin Brun nun erstmals zu erleben.

Madeleine Carruzzo stammt aus Sion in der Schweiz. Ersten Geigenunterricht erhielt sie im Alter von sieben Jahren. Ihr Studium absolvierte sie bei Tibor Varga an der Musikakademie Detmold, wo sie das Konzertexamen mit Auszeichnung ablegte und sofort einen Lehrauftrag erhielt. 1982 wurde Madeleine Carruzzo als erste Frau bei den Berliner Philharmonikern aufgenommen; von 2005 bis 2009 gehörte sie dem Fünferrat des Orchesters an. Im Jahr 2001 war sie Preisträgerin der Rünzi Stiftung. Neben ihrer Orchesterarbeit tritt Madeleine Carruzzo auch als Solistin auf und spielt in diversen Kammermusikensembles sowohl Geige als auch Bratsche, u. a. im Metropolis Ensemble Berlin, im Venus Ensemble Berlin, bei den Philharmonischen Streichersolisten sowie im Ensemble Die Schweizer der Berliner Philharmoniker. Seit 2006 ist sie Bratscherin im Erlenbusch Quartett.

Aline Champion, in Genf geboren, wurde als Zwölfjährige und bis dahin jüngste Studentin am Konservatorium ihrer Heimatstadt in die »Classes Supérieures« aufgenommen. Noch im selben Jahr gab sie ihr Debüt als Solistin in der Genfer Victoria Hall; seitdem tritt sie regelmäßig auch als Kammermusikerin auf. Nach ihrer Ausbildung in der Schweiz studierte sie in Utrecht, wo sie ihre Solsten-Diplomprüfung mit einer besonderen Auszeichnung absolvierte. Einem Engagement als Konzertmeisterin beim WDR Sinfonieorchester Köln folgte im September 2000 der Wechsel in die Gruppe der Ersten Violinen bei den Berliner Philharmonikern. Hier gilt das Engagement der Geigerin auch dem Education-Programm des Orchesters; sie ist zudem Mitglied des Kammerensembles Die Schweizer der Berliner Philharmoniker.

Christophe Horak, 1977 in Neuchâtel (Schweiz) geboren, begann das Geigenspiel im Alter von vier Jahren. Später studierte er bei Yfrah Neaman an der Guildhall School of Music in London. Bereits als Konzertmeister des Guildhall Symphony Orchestra und des Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom musizierte er unter Dirigenten wie Semyon Bychkov, Kurt Masur, Sir Colin Davis und Pierre Boulez. In den Jahren 2000 bis 2002 war Christophe Horak Stipendiat der Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker, an der ihn die philharmonischen Geiger Toru Yasunaga und Axel Gerhardt unterrichteten. 2003 wurde er in das Orchester als Mitglied bei den Zweiten Violinen aufgenommen; seit Juni 2009 ist er deren Stimmführer. Kammermusikalisch engagiert sich Christophe Horak u. a. im Ensemble Die Schweizer der Berliner Philharmoniker, in der Philharmonischen Camerata sowie im Berliner Quartett Le Musiche.

Matthias Loibner, 1969 in Österreich geboren, begann nach frühem Klavier- und Gitarrenspiel in Graz Komposition und Orchesterleitung zu studieren, widmete sich aber ab 1990 der Drehleier. Seine anfangs autodidaktischen Studien führte er bei Lehrern wie Valentin Clastrier, Riccardo Delfino und Gilles Chabenat fort; 1994 gewann er den ersten Preis beim Concours des vielles et cornemuses im französischen St. Chartier. Im Zentrum seines Repertoires steht österreichische und europäische Volksmusik, Welt- und Ethnomusik, elektronische Musik sowie Improvisation und Jazz. Zudem widmet sich der Musiker u. a. mit den Ensembles Baroque de Limoges, Le Concert Spirituel und Les Musiciens de Saint Julien Originalkompositionen für Drehleier aus dem französischen Barockzeitalter. Auch als Komponist von Film- und Theatermusik trat Matthias Loibner hervor und arbeitete mit Künstlern wie Ernst Marianne Binder, Sandy Lopićić, Dimiter Gotscheff und Henning Mankell. Gemeinsam mit Riccardo Delfino verfasste er das Lehrbuch Drehleier spielen; zudem ist er in vielen Ländern Europas, in Japan und Australien als Pädagoge tätig. Matthias Loibner ist in Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker nun zum ersten Mal zu erleben.

Nadja Räss, Jahrgang 1979, studierte an der Hochschule Musik und Theater in Zürich klassischen Gesang, bevor sie das Jodeln für sich entdeckte. Sie interpretiert nicht nur neue – vorwiegend eigene – Kompositionen, sondern singt auch unterschiedliche Arten von mündlich und schriftlich überlieferten Schweizer Naturjodel und Jodelliedern. Die Sängerin ist eine begeisterte Sammlerin von historischer Jodelliteratur und sucht im persönlichen Kontakt mit Jodlern aus unterschiedlichen Regionen nach traditionellen Stücken und Interpretationen. Im Projekt »stimmreise.ch« erforscht sie den Weg zwischen Zeitgenössischem und Traditionellem, zudem steht sie mit namhaften Künstlern wie Rita Gabriel Schaub (Akkordeon) als Duo Räss-Gabriel auf der Bühne sowie mit den Alderbuebe, dem Orchester Camerata Schweiz und mit dem Schweizer Oktett. Die vielseitige Jodlerin ist auch als Pädagogin tätig, engagiert sich als künstlerische und operative Leiterin bei der KlangWelt Toggenburg und hat das internationale Jodelsymposium mitinitiiert. In Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker gibt Nadja Räss nun ihr Debüt.

David Riniker studierte in seiner Heimatstadt Basel bei Jean-Paul Guéneux und Antonio Meneses. Meisterkurse bei Arto Noras, Boris Pergamenschikow, Wolfgang Boettcher und David Geringas rundeten seine Ausbildung ab. Der Preisträger verschiedener Wettbewerbe und Stiftungen wurde 1995 Mitglied der Berliner Philharmoniker. Neben seiner Tätigkeit im Orchester konzertiert David Riniker als Solist und Kammermusiker in vielen Ländern Europas sowie in den USA und Japan. Riniker ist Mitglied der 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker, des Philharmonischen Streichtrios, des Ensembles Die Schweizer der Berliner Philharmoniker und des Breuninger Quartetts; zudem ist er Duopartner seines Orchesterkollegen Christoph Streuli und bildet mit diesem sowie dem Pianisten Adrian Oetiker auch das Feininger Trio.

Janne Saksala begann 1981 an der Musikschule seiner Heimatstadt Helsinki ein Kontrabass-Studium, das er von 1986 an bei Klaus Stoll an der Hochschule der Künste (heute: Universität der Künste) in Berlin fortsetzte. Meisterkurse – unter anderem bei Duncan McTier – vervollkommneten seine Ausbildung. 1991 war Janne Saksala Preisträger beim Internationalen ARD-Musikwettbewerb in München. Seit 1994 gehört er den Berliner Philharmonikern an, mit Beginn der Saison 2008/2009 wurde er deren 1. Solo-Bassist. Einen ausgezeichneten Ruf genießt Janne Saksala überdies als Solist sowie als Jazz- und Kammermusiker; zudem engagiert er sich im Bereich der zeitgenössischen Musik und hat zahlreiche neue Werke uraufgeführt. Hinzu kommt eine intensive Dozententätigkeit, in deren Zentrum eine Gastprofessur an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« Berlin sowie Meisterklassen im In- und Ausland stehen.

Arkady Shilkloper, 1956 in Moskau geboren, begann im Alter von sechs Jahren Horn zu spielen; als Elfjähriger trat er in die Moskauer Militär-Musikschule ein. Von 1978 bis 1985 war der russische Hornist Mitglied im Orchester des Bolschoi-Theaters, anschließend wechselte er zu den Moskauer Philharmonikern, mit denen er bis 1989 weltweit Konzerttourneen unternahm. Seit 1990 ist Arkady Shilkloper gemeinsam mit Misha Alperin und Sergey Starostin Mitglied des Moscow Art Jazztrio; er spielt auch in weiteren Trioformationen, u. a. mit dem Kontrabassisten Vladimir Volkov und dem Pianisten Andrei Kondakov. Arkady Shilkloper gilt als einer der innovativsten Hornisten der Gegenwart, ist mit Jazz-Musikern wie Lionel Hampton, Elvin Jones, Lew Soloff und Herb Ellis aufgetreten und hat mit Pierre Favre, Louis Sclavis, Rabih Abou-Khalil, Jon Christensen und Bob Stewart gearbeitet. Eine Spezialität dieses Wanderers zwischen Musikgenres und Kulturen ist das Alphorn. Hier hat er es zu einer Perfektion gebracht, die ihm auch in Fachkreisen das Prädikat des weltbesten Alphornspielers eingebracht hat. In Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker ist er nun erstmals zu Gast.

Marc Unternährer absolvierte sein Musikstudium mit Hauptfach Tuba am Konservatorium Luzern, das er 1998 mit dem Lehrdiplom bzw. 2000 mit dem Konzertdiplom (beides mit Auszeichnung) abschloss. Meisterkurse und Workshops bei Rex Martin, Roger Bobo, Oren Marshall, Stephen Wick, Pauline Oliveros und Fred Frith rundeten seine Ausbildung ab. Als freischaffender Musiker war Marc Unternährer mehrfach in Ruedi Häusermanns Theaterproduktionen zu erleben und spielte mit Albin Bruns NAH Trio sowie mit Bands wie Le Rex, Erika Stucky Bubbles & Bangs, Chicago Luzern Exchange und vielen anderen. Zudem war er an zahlreichen CD-Produktionen beteiligt und trat u. a. mit Josh Berman, Keefe Jackson, Fred Lonberg-Holm und Hans-Peter Pfammatter auf. Marc Unternährer, der an der Hochschule Luzern als Dozent für Improvisation unterrichtet, erhielt Preise der Kiefer Hablitzel Stiftung und des Vereins Sister Cities Lucerne-Chicago; 041 – Das Kulturmagazin hat ihn als einen der Kulturköpfe des Jahres 2011 ausgezeichnet. In Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker gibt der Tubist nun sein Debüt.

Roger Willemsen studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie in seiner Heimatstadt Bonn sowie in Florenz, München und Wien. Nach seiner Promotion über die Dichtungstheorie Robert Musils arbeitete er als Dozent, Herausgeber, Übersetzer (u. a. von Thomas Moore und Umberto Eco) und für drei Jahre als Korrespondent in London. 1991 begann seine Fernsehlaufbahn als Moderator, später auch als Produzent von Kultursendungen (z. B. Willemsens Woche, Nachtkultur, Willemsens Zeitgenossen). Sein Debüt als Regisseur gab er 1996 mit einem Film über den Jazzpianisten Michel Petrucciani, der inzwischen in 13 Ländern gesendet wurde; es folgten Porträts von Personen der Zeitgeschichte wie Gerhard Schröder und Marcel Reich-Ranicki. Hauptberuflich war Willemsen jedoch stets Autor: Regelmäßig erschienen seine Essays und Kolumnen beispielsweise in der ZEIT, im Spiegel und in der Süddeutschen Zeitung. Seit 2002 widmet er sich verstärkt literarischen Arbeiten. Seine Bestseller Deutschlandreise, Gute Tage, Kleine Lichter, Afghanische Reise, Der Knacks, Die Enden der Welt, Momentum und zuletzt Es war einmal oder nicht – Afghanische Kinder und ihre Welt wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Willemsen ist Schirmherr mehrerer Literaturfestivals und lehrt seit 2010 als Honorarprofessor für Literaturwissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin. Er engagiert sich darüber hinaus bei verschiedenen Hilfsorganisationen (Terre des Femmes, Afghanischer Frauenverein e. V., CARE International) und war lange Jahre Botschafter von Amnesty International. Zu den zahlreichen Auszeichnungen Roger Willemsens zählen der Bayerische Fernsehpreis (1992), der Adolf-Grimme-Preis in Gold (1993), der Rinke-Preis für sein Buch Der Knacks (2009) und der Julius-Campe-Preis (2011). Für die Stiftung Berliner Philharmoniker gestaltet und moderiert er seit der Spielzeit 2011/2012 die Reihe Unterwegs – Weltmusik mit Roger Willemsen.

Christian Zehnder, 1961 in Zürich geboren, lebt seit 30 Jahren in Basel und arbeitet als Sänger, Komponist und Regisseur. Er studierte Jazzgitarre und klassischen Gesang, u. a. bei Raphael Laback, und ließ sich bei Tokne Nonaka in Obertongesang und bei Daniel Prieto in Körperstimmtechniken nach Alfred Wolfsohn ausbilden. Es folgte eine langjährige Auseinandersetzung mit Jodel-Kommunikationsformen, dem Global-Yodeling. 1996 initiierte Christian Zehnder gemeinsam mit Balthasar Streiff das international renommierte Duo Stimmhorn, mit dem er mehrfach ausgezeichnet wurde und zahlreiche CDs, Filme und Musiktheaterprojekte realisierte. Zudem arbeitete der Künstler mit Mercan Dede, Arkady Shilkloper, Georg Breinschmid, Ale Möller, Tobias Preisig sowie mit der Gruppe Huun-Huur-Tu, dem afrikanischen Obertonchor Noquolnquo und mit dem Casal Quartett. Christian Zehnder realisiert Projekte als Schauspielmusiker, Regisseur und Komponist für das Theater Basel, die Salzburger Festspiele und das Maxim Gorki Theater in Berlin. Er hatte Lehraufträge für Obertongesang und Stimmtechnik und ist Gastdozent am Konservatorium in Oslo sowie an der Basler Musikhochschule. Ende September 2012 wurde Christian Zehnder mit dem Basellandschaftlichen Kulturpreis für Performance/Theater ausgezeichnet; in Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker ist er nun erstmals zu Gast.

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Unterwegs – Weltmusik mit Roger Willemsen

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