Berliner Philharmoniker

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Kammermusik

Habib Koité

Habib Koité Gitarre, Zoumana Diarra Gitarre, Aly Keïta Balafon

Bassekou Kouyaté & Ngoni ba

Bassekou Kouyaté Lead Ngoni, Amy Sacko Lead Vocals, Mamadou Kouyaté Ngoni Bass, Moustafa Kouyaté Ngoni Ba, Mahamadou Tounkara Perkussion (Yabara, Tama), Abou Sissoko Ngoni Medium, Moctar Kouyaté Kalebasse

Roger Willemsen Moderation und Programmgestaltung

Teil 1: Stimmen für den Frieden – Unterwegs mit Griots und Sängerinnen aus Mali

Termine

Mi, 30. Okt. 2013 20 Uhr

Kammermusiksaal

Programm

Im ersten Konzert der Reihe Unterwegs in dieser Saison führt Roger Willemsens Reise nach Mali. Der westafrikanische Staat hat das Klangbild Afrikas in Europa in den letzten Jahrzehnten nachhaltig geprägt. Musiker wie Oumou Sangaré, Amadou & Mariam, Ali Farka Touré und Salif Keïta sind seine künstlerischen Botschafter, die weltweit gehört werden und im eigenen Land eine wichtige Rolle spielen. Und so verspricht der Abend eine Begegnung mit stolzen, ungebrochenen Musikern, mit aktuellen Geschichten aus der Region zwischen Timbuktu und Bamako und hoffnungsvollen Hymnen für den Frieden in Mali.

Mali ist die Heimat der großen Frauenstimmen aus der Region Wassoulou im Südwesten des Landes, die für die Rechte der Frauen singen. Zudem ist es das Land der Griots mit ihren eindrucksvollen Stegharfen Kora oder der Spießlaute Ngoni. Diese hoch geachteten Mandinke-Epensänger geben seit Jahrhunderten das traditionelle Wissen ungebrochen weiter. Aus der Hauptstadt Bamako kommen seit den 1970er-Jahren angesagte urbane Sounds: seinerzeit von der berühmtesten Bahnhofskapelle, der Super Rail Band of Bamako und heute von unzähligen jungen Rappern.

Und im Norden Malis leben die Tuareg in der Region um die -mythische, 1000 Jahre alte Wüstenoase Timbuktu, in der in den letzten zehn Jahren das internationale »Festival au Désert« zu einem Treffpunkt für Künstler aus der ganzen Welt wurde. Nach dem Militärputsch vom 21. März 2012 gewannen Dschihadisten im Norden Malis die Kontrolle und versuchten eine islamistische Terrorherrschaft zu errichten. Neben der Zerstörung von zum UNESCO-Welterbe gehörenden Kulturdenkmälern wurde auch jegliche Musik verboten. Um dagegen ein Zeichen zu setzen, fanden sich im Januar 2013 über 40 der berühmtesten Musiker Malis in der Hauptstadt Bamako zusammen. Gemeinsam nahm man ein Lied für den Frieden auf, denn Musik war immer Sinnbild der Hoffnung auf ein friedvolles Mali.

Über die Musik

Mali: Wo das musikalische Herz Westafrikas schlägt

Stationen einer wechselvollen Entwicklung

Ein Taxistand in Bamako. Männer warten neben ihren verbeulten gelben Taxis auf Kunden. Daneben ein Mann der Tee kocht. In ihrer Mitte ein kleines chinessiches Radio. Daraus dröhnt Yoro Sidibé, er spielt die archaische Musik der Jäger und begleitet sich dabei auf einer Donso ngoni, einem scheppernden mit Spiegeln und anderen magischen Amuletten beklebten Bassinstrument. Egal, ob die peitschenden Rhythmen der Wassoulou Sängerin Oumou Sangaré aus dem Süden Malis, die rührigen Balladen des blinden Duos Amadou & Mariam aus Bamako oder die rauhen rockigen Gitarrenklänge der Tuareg-Bands in deren stehend verzerrten Gitarrensounds sich die Weite der Wüste im Nordosten Malis spiegelt: Kaum ein Land aus Afrika hat in den letzten Jahren einen derart großen musikalischen Output gehabt. Viele internationale Stars wie Robert Plant, Ry Cooder, Bono, Damon Albarn, Björk oder Manu Chao sind der Musik des Landes erlegen. Und immer wenn man denkt alles gesehen Und gehört zu haben, lernt man neue Seiten kennen. Mali scheint über einen nicht versiegenden Strom an Musik zu verfügen. Es ist ein Land der Gegensätze, tief verwurzelt in seiner alten Musiktradition und zugleich Afrikas Musikexportland Nummer 1. Dabei sind seine musikalischen Schätze längst nicht alle gehoben. Das gilt für die magische Musik der Chasseure genauso wie für die junge Generation der Rapper, die in der derzeitigen politsche Krise, in dem das Land seit dem Putsch 2012 steckt, die deutlichsten Worte findet.

1. Von der Unabhängigkeit zur Rail Band

Der westafrikanische Binnenstaat Mali erlangte am 22. September 1960 seine Unabhängigkeit von Frankreich. Afrika war damals im Taumel der Unabhängigkeitseuphorie. Gefeiert wurde damals noch mit kubanischer Tanzmusik. Bands mit Namen wie die Maravillas du Mali bespielten die neue Elite in den Städten des Landes. Alles schien möglich. Im benachbarten Guinea arbeitete der charismatische Präsident Sékou Touré an seiner Vision eines neuen Afrika. Er wollte, dass sich auch die Musik Afrikas neu erfindet, modern wollte man sein, aber dabei einen eigenen Weg gehen. Sékou Touré gründete dazu ein ganze Reihe regionaler Orchester, die er mit modernen Instrumenten ausstattete und ihnen den Auftrag gab, aus ihrer Tradition eine moderne afrikanische Musik zu erschaffen. Das bekannteste ist das Orchestra National Bembeya Jazz. Mali schloss sich schon bald dem Trend an, und es entstanden ebenfalls regionale Orchester wie Super Biton de Segou, Super Djata oder Kéné Star aus Sikasso, die lokale Traditionen mit Pop verbanden; oft noch stark kubanisch beeinflusst. Ende der 1960er-Jahre wurde dann die Rail Band du Buffet de la Gare, die Urformation der malischen Popmusik, gegründet, in der später Stars wie Salif Keïta oder Mory Kante ihre Karrieren begannen, und die die Mande-Popmusik prägen sollten.

Kurz darauf folgte der große Gegenspieler: Les Ambassadors, die damals eher populäre internationale Stile wie Rumba, Foxtrott oder kubanische Musik spielten. Durch die 1970er-Jahre hindurch trat die Rail Band Nacht für Nacht vor vollem Haus auf und rang mit den Ambassadors um die Krone der malischen Popmusik. Geldprobleme führten Ende der 1970er dann dazu, dass beide Bands ihr Glück im Ausland suchten – in der damals beherrschenden Musikmetropole Abidjan an der Elfenbeinküste. Mitte der 1980er-Jahre wurde für Musiker aus Afrika, die eine Karriere anstrebten, dann Paris der Nabel der Welt. Salif Keita und Mory Kanté (der eigentlich aus Guinea stammte) wurden Ende der 1980er dann zu den ersten Stars des aufkommenden Weltmusikmarkts. Gerade für die goldene Stimme Malis, Salif Keïta, ein ungeheuer weiter Weg. In einem tief in seiner Tradition verwurzelten Land wie Mali, in der Familien und Kastenzugehörigkeit bis heute eine große Rolle spielt, galt es als anrüchig und sozial unvorstellbar, als Mitglied einer gehobenen Kaste zu singen.

2. Die neue Generation: Oumou Sangaré, Toumani Diabaté, Amadou & Mariam, Rokia Traoré

Singen aus freien Stücken: Oumou Sangaré

In den späten 1980er-Jahren herrschte in Mali das korrupte Militärregime Moussa Traorés. Mali war ökonomisch am Boden. Die Leute hatten genug von den Preisliedern der Griots. In diesem Klima wurde plötzlich eine neue Musik populär, die neben der Mande-Popmusik der Griots bis heute den zweiten populären Musikstil Malis ausmacht: die Musik der Wassoulou, benannt nach der Region im Südwesten Malis. Anders als die Mande-Popmusik, deren Musiker überwiegend aus der Musikerkaste der Griots kamen (mit der großen Ausnahme Salif Keita), waren die Wassoulou-Sängerinnen Musiker aus freien Stücken, die sich selbst »Kono«-Songbirds nannten. Genau wie die Griots, erkennt man auch die Wassoulou-Musiker an ihren Nachnamen: Die meisten heißen Sidibe, Diakite, Diallo oder Sangare (während Griots meist die Namen Diabaté, Kouyaté, Sissokko oder Koité tragen). Die Königin der Wassoulou Musik ist bis heute Oumou Sangaré, eine Frau aus armen Verhältnissen. Als Kind musste Oumou sich auf den Straßen Bamakos als Wasserverkäuferin durchschlagen, um Geld für die Familie zu verdienen. Ihre Mutter war die zweite (vernachlässigte) Frau in einer polygamen Ehe. Diese Erfahrung wurde zur prägenden Botschaft ihrer Songs. Zeit ihres Lebens hat sie gegen die polygame Ehe gesungen und sich für die Rechte der Frauen eingesetzt. Die treibende Kraft der Wassoulou-Musik kommt vom akzentreichen, treibenden Rhythmus der Kamale Ngoni, der sogenannten Jugendharfe. Bis heute ist die Musik der Wassoulou-Sängerinnen neben Mande-Pop die gefeierte Popmusik Malis. Oumou Sangaré selbst betätigt sich heute allerdings mehr als Geschäftsfrau. Sie betreibt ein Hotel, und sogar ein chinesischer Allrad-Geländewagen wird unter ihrem Namen verkauft.

Toumani Diabaté: die Kunst des Kora-Spiels

Schon als 18-Jähriger stellte der Sohn aus einer der ältesten Griotfamilien Malis mit seinem Debütalbum Khaira sein Talent unter Beweis. Es folgte eine Karriere, die ihn in Kontakt mit den unterschiedlichsten Musiktraditionen weltweit gebracht hat und bis heute zu einem der innovativsten Musiker des Landes macht. International für Aufsehen sorgte er Ende der 1990er-Jahre zusammen mit der Neo-Flamencoband Ketama und den Alben Songhai und Songhai 2. Er bestätigte damit seinen seinen Ruf als virtuosester Kora-Spieler Afrikas und lieferte den Beweis, dass die Musiktraditionen Malis eine Kunstform sind. Ähnlich bekannt wurden seine Experimente mit dem Blues zusammen mit dem US-Amerikaner Taj Mahal, mit dem er das Album Kulanjan einspielte. Es folgte ein Duo mit dem bis heute ebenfalls gefeierten Kora-Spieler Ballaké Sissokko unter dem Titel New Ancient Strings, das dem Meilenstein traditioneller Kora-Musik, dem Album Ancient strings, das ihre Väter miteinander eingespielt hatten, einen würdigen Nachfolger bescherte. Außerdem veröffentlichte er diverse Alben in wechselnden Besetzungen mit seiner eigenen Band, dem Symmetric Orchestra. Zwei Grammy Awards erhielt er an der Seite von Ali Farka Touré, mit dem er kurz vor dessen Tod als Duo das Album In the heart of the moon und Ali & Toumani aufnahm. Toumani Diabaté gilt bis heute als einer der wichtigsten Botschafter der Jahrhunderte alten Musik der Griots, der mit seiner Virtuosität dafür gesorgt hat, dass die Musik seiner Vorfahren ihren Platz unter den bekannten Kunstmusiktraditionen dieses Planeten gefunden hat. Ähnliches hat Bassekou Kouyaté in den letzten Jahren für sein Instrument, die Ngoni, geleistet.

Amadou & Mariam: es gibt immer Hoffnung

Von der Kunstmusik zurück auf die Straßen Malis: In die Welt der einfachen Leute entführt uns ein Duo aus Bamako. Seine Karriere zählt zu den anrührendsten Geschichten der malischen Popmusik. Es ist die Geschichte einer Liebe zwischen zwei blinden Musikern, die alle Widerstände überwinden und es trotz ihrer Blindheit ganz nach oben schaffen. Auch Amadou & Mariam versuchten, wie viele Stars der 1980er-Jahre, ihr Glück zuerst in der Musikmetropole Abidjan. Durch Songs wie Combattants und Je pense a toi gelangen ihnen als blindem Duo dort mit ihren einfachen, eingängigen Texten erste Hits – vor allem unter den ärmeren Stadtbewohnern. Irgendwann waren sie wieder zurück in Bamako. Der Durchbruch kam erst, als der Franzose Marc Antoine Moreau bei einer Reise durch Mali am Busbahnhof eine Kassette der Beiden kaufte und das Pärchen später in Paris zufällig auf der Straße wiedertraf. Schon ihr internationales Debütalbum machte sie in Frankreich zu Stars. Höhepunkt der Zusammenarbeit sollte aber das Album Dimanche a Bamako werden, das sie mit Manu Chao aufnahmen: 800.000 Mal verkaufte es sich und wurde damit zum meistverkauftesten Tonträger eines Künstlers aus Mali – und nebenbei zum Beweis, dass man sein Schicksal – trotz Blindheit – selbst in Afrika überwinden kann und es künstlerisch an die Spitze schafft.

Rokia Traoré: Pop jenseits von Tradition

Kaum eine Künstlerin hat in Mali in den letzten Jahren derart für Skandale gesorgt wie Rokia Traore. Und das, obwohl die Diplomatentochter einfach nur ihre Vision einer traditionell beinflussten Popmusik verwirklichen wollte. Aber viele Malier waren noch nicht soweit. Rokia Traores Musik geht von ihr als individueller Künstlerin aus. Sie begann, ihre Songs mit traditionellen Instrumenten unterschiedlicher Ethnien zu arrangieren, die man so in Mali noch nicht zusammen auf der Bühne gesehen hatte. Heraus kam eine Art »Folklore imaginaire«, also eine in ihrem Kopf erdachte, traditionell klingende, doch im Kern sehr moderne Musik. Das Ergebnis klang für westliche Ohren sehr traditionell, hielt sich aber nicht an traditionelle Stilgrenzen der Heimat Rokia Traores. Die Hüter der Tradition fühlten sich von dieser jungen – auch noch weiblichen – Sängerin angegriffen. Für sie klang ihre Musik einfach nur falsch. Auch ihren Musikern, die anfangs allesamt aus Mali stammten, verlangte sie große Disziplin ab, sie sollten nicht – wie üblich – improvisieren, sondern sich minuziös an Arrangements und Melodien halten. Ihr moderner Ansatz brachte ihr international viele Fans, in Mali aber war es nicht immer leicht für sie. Radiojournalisten weigerten sich ihre Songs zu spielen, weil Rokia sich weigerte – wie in Mali üblich – sie mit Geld zu bestechen. Musikjournalisten sollten nach ihrer Auffassung das spielen, was sie gut fanden, nicht das, wofür sie bezahlt würden.

Ihre aktuellen Produktionen brechen ganz mit rein afrikanischer Instrumentierung. Heute spielt Rokia Traoré mit einer Band, die überwiegend aus französischen Musikern besteht und hat ihre Vision erweitert: Sie arbeitet an einer kosmopolitischen Popmusik, die ihre persönliche Lebenserfahrung zwischen Afrika und Europa auf natürliche Art zum Ausdruck bringen soll. Die Grenze zwischen Weltmusik und Pop ist für sie ein neo-koloniales Konstrukt, das Afrika ausgrenzt.

3. Von Desert Blues bis Festival au Désert

Ali Farka Touré: König des Desert Blues

In den 1980er-Jahren stolperten einige englische DJs über frühe Schallplatten eines Musikers, der wie eine westafrikanische Ausgabe von John Lee Hooker klang: Ali Farka Touré. Aus der Begeisterung einiger Musiknerds in England entwickelte sich eine breite Nachfrage nach dem Original. Ali Farka Touré wurde nach London eingeladen und spielte erste Konzerte. Schnell war klar: Die Musik dieses Mannes aus Niafunke, einem kleinen Ort zwischen Timbuktu und Gao gelegen, war der lebende Beweis, dass der Blues aus Afrika stammt. Ali Farka Toure hat das Wort Blues immer abgelehnt: Er spiele die Musik der Songhai, der Bozo, der Tamashek, der Fula; ja, unzähliger Ethnien, und wenn das nach Blues klinge, dann ist das eben Blues. Den Höhepunkt seiner Karriere erlebte er Mitte der 1990er-Jahre als Ry Cooder das Album Talking Timbuktu mit ihm aufnahm und er dafür einen Grammy verliehen bekam. Ein Genre war geboren: der Desert Blues. Unzählige Musiker – vor allem aus den USA – haben sich in der Folge auf den Weg gemacht, in Mali die Wurzeln des Blues zu finden. Martin Scorsese machte sogar einen Dokumentarfilm über Ali Farka Touré – Feel like going home – und nannte seine Musik die »DNA des Blues«.

Festival au Désert: Tuareg-Musik

Die Geschichte des Festival au Désert beginnt 2001. Aus einem alljährlichen Treffpunkt der Tuareg aus der Sahara, entwickelte sich im Laufe von zehn Jahren eines der spannendsten Musikfestivals der Welt, dessen Existenz 2012 jäh ein vorläufiges Ende fand, als Islamisten die Region einnahmen und Musikmachen unter Strafe stellten. Eng verbunden mit der Bekanntheit des Festivals ist die Geschichte der bekanntesten Band aus dem Nordosten Malis: Tinariwen. Die Band gilt als Speerspitze eines Revivals der Tuareg-Musik. Tinariwen besteht aus ehemaligen Rebellen der MNLA, die nach dem Frieden, Mitte der 1990er-Jahre, ihre Waffen niedergelegt hatten und sich wieder der Musik zuwandten. Ironischerweise schenkte ihnen ihre ersten Instrumente einst Iyad Ag Ghali, der selbe Mann, der mit seiner islamistischen Splittergruppe Ansar dine 2013 die Scharia in Timbuktu ausrief und Musik verbieten ließ. Durch ihre Auftritte beim Festival au Désert stiegen Tinariwen zu einer der bekanntesten Musikexporte Malis auf. Die Welt war fasziniert vom Freiheitswillen der Musiker und vom vergessenen Volk der Tuareg, das seit der Unabhängigkeit Malis 1960 für seine Anerkennung kämpft. Die Euphorie hat einen leichten Dämpfer bekommen, denn der Versuch unlängst einen Tuareg-Staat Azawad im Norden Malis auszurufen, endete mit der Übernahme der Region durch die Islamisten.

Das Festival au Désert ist mit der Krise im Norden zu einem Symbol der Freiheit im Kampf gegen den Islamismus geworden. Es soll sobald als möglich wieder stattfinden und ist für Januar 2014 angekündigt. In den letzten 10 Jahren ist es dem Festival gelungen, ein breitesMedieninteresse für die Musik der Tuareg zu wecken, von dem der Kulturraum und eine ganze Reihe von Bands nachhaltig profitieren: Tamikrest, Bombino aus dem Niger, Etran Finatawa und natürlich bis heute Tinariwen, die letztes Jahr sogar einen Grammy verliehen bekamen. Welch unglaubliche, musikalische kaum bekannte Vielfalt der Kulturraum Sahara bis heute birgt, zeigen auch Compilations wie Music for saharan cellphones des kleinen Ein-Mann-Labels Saharan Sounds. Die Alben stellen aktuellen Pop aus dem Sahelgrenzland zwischen Mali, Niger und Algerien vor, Musik, die sich jetzt – nachdem die Islamisten vertrieben sind – dort wieder frei von Handy zu Handy verbreiten kann.

4. Generation Hip-Hop – ça suffit!

»Ca suffit«, es reicht, rapt Master Soumy in sein Mikrofon. Les Sofas de la republique haben diesen Song zusammen eingespielt, ein Rap-Kollektiv, dem einige der bekanntesten Rapper Malis angehören. Seit gut fünf Jahren boomt Hip-Hop in Mali. Die Krise hat der urbanen Musikform jetzt zum Durchbruch verholfen. Das Vertrauen in den Staat ist erschüttert. Die einst so populären Preissänger haben während der Krise an Popularität verloren. Den Politikern, die sie einst besangen, glaubt niemand mehr. Nie zuvor hatten Musiker, noch dazu junge Musiker – in einem Land wie Mali, wo Alter noch Respekt bedeutet, ungeheuerlich – in so deutlichen Worten ihre Meinung zur Krise kundgetan. »In einer traditionellen Gesellschaftsordnung funktioniert Bestechung möglicherweise ganz gut«, erklärt Amkoullel, einer der derzeit bekanntesten Rapper Malis, »aber wir leben in einer Demokratie.« Rapper wie Amkoullel, Sidiki Diabate, Tata Pound oder Master Soumy wollen aber auch das Volk aufklären: »Zur Wahl zu gehen ist mehr als sich T-Shirts schenken lassen und sein Kreuz zu machen, alle müssen Verantwortung übernehmen.« Der Vergleich zum Senegal, zur Jugendbewegung Y’en a marre, drängt sich auf. Die hatten Anfang 2012 mit dafür gesorgt, den alten, korrupten Präsidenten Abdoulaye Wade aus dem Amt zu vertreiben. Motor der Bewegung auch dort: Rap-Aktivisten – allerdings mit mehr Erfahrung. Schon einmal hatte die Hip-Hop-Bewegung Senegals einen Präsidenten verjagt, das war Anfang 2000: Wades Vorgänger Abdou Diouf.

Die Rapper sind vielleicht die einzigen Musiker, die die aktuellen Probleme beim Namen nennen. Und das Volk feiert sie dafür. Rapper wie Sidiki Diabaté (der Sohn Toumani Diabatés) füllen in Mali heute Stadien; das schafft sonst kaum ein Musiker. Die Mächtigen müssen sich erst an die direkten Worte der Rapper gewöhnen. Kritische Journalisten haben da in Mali schon mehr Erfahrung. So manch einer wurde seit dem Putsch verhaftet, bedroht und mundtot gemacht. Gewaltandrohungen hat auch Amkoullel schon bekommen, seine Antwort ist weitermachen: »Es ist die einzige Zensur« erzählt er, »die den korrupten Machthabern noch bleibt. Das ist eine psychologische Waffe. Aber wenn wir uns einschüchtern lassen, dann gewinnen diejenigen, die Mali als Selbstbedienungsladen sehen.« Und das ist in diesem Land lange genug so gewesen.

Jay Rutledge

Moderne Griots: Zwischen Preisgesang, Pop und Putsch

Zwei Stars im westafrikanischen Mali und eine jahrhundertealte Tradition in Zeiten der Krise

»Wenn die Islamisten die Musik zum Schweigen bringen, dann reißen sie Mali das Herz heraus«, sagt Bassekou Kouyaté, einer der bekanntesten Musiker des Landes. »Ohne Musik kann nicht mehr geheiratet, nicht mehr beerdigt werden. Ein Sonntag in Bamako ohne Musik? Das hat dann mit der Kultur unserer Vorfahren, unserem Selbstverständnis nichts mehr zu tun.« Und Kouyaté muss es wissen, schließlich kommt er aus einer der ältesten Lobpreissängerfamilien Malis. Ihre Lieder gehen zurück auf das 13. Jahrhundert, als die große Gründungsfigur des Königreichs Malis, Sundjata Keita, die verschiedenen Ethnien der Region zum Königreich Mali einte. Die Musik ist bis heute das Blut, das in den Adern Malis fließt, denn die Lobpreissänger sind das Sprachrohr einer jeden Familie und der soziale Kitt: Sie schlichten Streitigkeiten, singen auf Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen, und selbst der Präsident kann keinen Gast empfangen, ohne einen Griot an seiner Seite.

In einem Land, in dem mehr als 70 Prozent der Menschen Analphabeten sind, sind ihre Lieder ein zentrales Kommunikationsmittel, das sowohl die Geschichte wach hält, als auch Neuigkeiten verbreitet. Als die Islamisten den Norden eroberten und Musik verboten, bedrohten sie damit eine jahrhundertealte Tradition im Kern. Die Krise des Landes seit Januar 2012 und der Machtwechsel in der Politik sollte aber auch die Rolle der Griots auf die Probe stellen.

Dimanche à Bankony

Bassekou Kouyatés Karriere begann vor knapp zehn Jahren. Vom lokalen Hochzeitsmusiker entwickelte er sich zum internationalen Star der Weltmusik. Allein in diesem Jahr war er in Japan, Australien, USA und Kanada auf Tournee. Sein letztes Album wurde sogar für einen Grammy nominiert. So konnte der Musiker, der aus einfachsten Verhältnissen stammt, sich ein großes Haus in Bankony, einem der staubigen Vororte von Bamako, bauen, die in den letzten Jahren am Stadtrand der Hauptstadt entstanden sind. Bamako platzt heute aus allen Nähten, weil immer noch viele Menschen vom Land kommen, um ihr Glück in der Stadt zu versuchen. So kam auch Bassekou einst als mittelloser junger Musiker nach Bamako und schlug sich anfangs als Schuhputzer durch. Heute steht in seiner Garage ein neuer Mercedes, und einflussreiche Geschäftsleute und Minister bitten ihn, für sie auf wichtigen Anlässen zu spielen.

Kouyatés Frau, Amy Sacko, ist eine der bekanntesten Lobpreissängerinnen der Hauptstadt. Sonntag für Sonntag stehen in Bamako an den Straßenecken die großen bunten Zelte unter denen sich aufgeputzte Hochzeitsgesellschaften zusammenfinden. Die Frauen tragen leuchtende Gewänder aus den für Mali typischen gewachsten Stoffen. Über allem schwebt die präsente Stimme der Griot-Sängerin, die sich, verstärkt von einem oft grauenhaft verzerrten Sound, durch die Liste der Anwesenden singt und in ihren Liedern die Familiengeschichte und die anwesenden Familienmitglieder preist. Als Dank kleben ihr die Besungenen Unmengen Geldscheine an die Stirn. Ein außergewöhnliches, farbenfrohes Schauspiel. Griots singen für die Familien der Noblen, die an Nachnamen wie Touré oder Keita zu erkennen sind. Aber längst laden auch Reiche und einflussreiche Geschäftsleute gefragte Sängerinnen ein, wenn eine Hochzeit in der Familie ansteht. So verdienen die Griots in Mali bis heute ihr Geld; und viele von ihnen so gut, dass sie lieber auf anstrengende internationale Tourneen verzichten.

Bassekou Kouyaté selbst spielt nur mehr selten bei Hochzeiten, er schickt heute lieber seine Söhne oder Brüder, um für ihn zu spielen. Seit seinem internationalen Durchbruch ist sein Haus voll mit Verwandten und Schülern, die die lange als verstaubt geltende Ngoni, eine kleine, gitarrenartige Laute mit 4 Saiten, wieder lernen möchten. Sie hoffen, dass es der Schlüssel zu einem besseren Leben für sie werden könnte. Auf eine normale Schule ist auch Kouyaté selbst nie gegangen. Sein Vater brachte ihm Zuhause in Garana, einem kleinen Dorf am Niger, Ngoni spielen bei. Heute gibt Kouyaté die Musik an seine Kinder weiter. Mittlerweile spielen zwei seiner Söhne sogar in seiner eigenen Band. Auch Verwandte schicken traditionell ihre Kinder zu ihm, um das Instrument zu erlernen. Kouyaté stöhnt, denn Kost und Logis sind frei. »Früher«, erzählt er, »war das kein Problem. Mein Vater hatte in unserem Heimatort Garana Felder. Die Schüler mussten sie für ihn bestellen. Aber ich habe keine Felder, und Essen müssen meine Schüler trotzdem.« Auf die Frage, wie viele Leute in seinem Haus wohnen, schüttelt er den Kopf und lacht. Er weiß es nicht. So ist das in Mali mit dem Erfolg.

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere wurde dann sogar der 2012 durch den Militärputsch gestürzte Präsident des Landes, Amadou Toumani Touré – kurz ATT –, auf ihn aufmerksam. Kouyatés Nähe zur Tradition, gepaart mit prestigeträchtigem Erfolg in Übersee, machten ihn zum Liebling von ATT, der ihn in vergangenen Jahren immer wieder eingeladen hat, Mali auf Staatsempfängen zu vertreten und ihn bei wichtigen Anlässen zu begleiten. So trat Bassekou Kouyaté mit seiner Band zur 50-jährigen Unabhängigkeitsfeier Malis 2010 auf und begleitete ATT zu Staatsbesuchen in Nachbarländer. Auch das ist bis heute Teil der Griot-Tradition. In Mali hatte er es geschafft: Er war – wenn man so will – der »Griot des Königs«.

Kunst statt Preisgesang: Habib Koité

Während Bassekou Kouyaté in Bankony lebt, einem relativ jungen Bezirk Bamakos, lebt Habib Koité in Sebenicoro einem alteingesessenen Viertel der Stadt. Der 55-Jährige ist schon knapp zehn Jahre länger international ein Star, sowohl im Land selbst, als auch im Rest der Welt. Als erster seines Landes wurde er 2010 zum UNICEF-Botschafter ernannt. Habib Koité hat es als einer der ersten geschafft, die vielfältige Musik Malis in ein auch international verständliches Popformat zu übersetzen. Seine Band Bamada gehört zu den einflussreichsten Formationen Malis. Mit ihrem modernen Ansatz öffnete sie die Musik des westafrikanischen Staats für ein internationales Publikum. In Mali selbst beeindruckte das vor allem Musikerkollegen von ihm und prägte die Musikwelt des Landes nachhaltig. Viele seiner Ideen wurden in der Folge von anderen Musikern aufgegriffen.

Ein Besuch bei Koité ist ein guter Startpunkt für das Verständnis der vielfältigen Musikkulturen Malis. Koité ist – wie der Name schon anklingen lässt – gebürtiger Griot. Seine Familie kommt aus Kayes im Westen Malis. Seine Musik aber bricht mit den üblichen Preisgesängen seiner Griot-Kollegen. Habib studierte am INA, dem Institut National des Arts in Bamako, Gitarre, nahm Kurse für Jazzgitarre in den USA und begann sich intensiv mit den vielfältigen Musiktraditionen seiner Heimat auseinandersetzen. So erlernte er die Spieltechniken traditioneller Instrumente wie Kora, Ngoni und vor allem Kamele Ngoni, übertrug sie auf die Gitarre und fusionierte sie zu einem neuen malischen »Singer-Songwriter«-Stil.

Auf seinen Alben finden sich Adaptionen traditioneller Songs, gespielt meist in einer klassisch-westlichen Band-Besetzung: Gitarre, Bass, Schlagzeug. Statt eines Keyboards nutzt Habib Koité ein Balafon und ein Perkussionsspieler ergänzt zumeist das Schlagzeug. Als Inspiration dient ihm die archaische Musik der Jäger, genauso wie Takamba-Rhythmen aus dem Nordosten Malis oder traditionelle Songs der Fula oder Soninke. Er spielt moderne Konzertmusik zum anhören oder zum tanzen, aber keine Preislieder auf einflussreiche Politiker oder Geschäftsleute. Sein erster Hit Cigarette a bana war ein humorvoller Song gegen das Rauchen. In anderen Songs wie dem Liebeslied Fatma beschwört er die Einheit des Vielvölkerstaats Mali. Das Lied erzählt von einem Mann aus Bamako der ganz Mali durchstreift auf der Suche nach seiner Traumfrau. Er findet sie im Norden des Landes. Ein Song der heute aktueller ist denn je. Mit seinem modernen Ansatz legte Habib Koité den Grundstein für viele aktuell erfolgreiche Musiker wie Rokia Traoré oder Fatoumata Diawara. Und auch Bassekou Kouyaté verfolgte aufmerksam, was Habib Koité mit seiner Band Bamada aus der Musik Malis machte.

Ngoni Revival

Bassekou Kouyaté und Habib Koité lernten sich Ende der 1980er-Jahre kennen, als sie mit dem Kora-Spieler Toumani Diabaté in dessen Band Symmetric Orchestra spielten. Bis heute sind sie in Kontakt und tauschen sich regelmäßig aus: Erst vor ein paar Monaten lud Habib Koité den Ngoni-Spieler ein, bei seinem neuen Album mitzuwirken. Schon Mitte der 1980er hatte der junge Kouyaté in Bamako für Aufsehen gesorgt. Als einer der Ersten spielte er die Ngoni nicht wie traditionell üblich im Sitzen, sondern im Stehen. Ihn hatte geärgert, dass die E-Gitarristen in den großen Orchestern immer irgendwann aufstanden, ihr Solo im Stehen spielten und er, im Hintergrund sitzend, von den Musikern verdeckt wurde. Sein Verhalten löste heftige Diskussionen bei den traditionellen Autoritäten aus. Heute gilt der Rebell von einst als weltweiter Botschafter der Ngoni und ist der Stolz auch der Traditionalisten. Mit seinem Quartett Ngoni ba, einer aus Bass-, Tenor-, Alt- und Sopran-Ngoni bestehenden Formation, hat er ein westliches Bandformat adaptiert. Die Bass-Ngoni hat die Band dazu eigens erfunden. Ein Instrument das mittlerweile auch schon in anderen Bands wie bei Reggaestar Tiken Jah Fakoly Verwendung findet. Zugleich hat Bassekou Kouyaté seiner Ngoni weitere Saiten hinzugefügt, um harmonisch flexibler zu sein. Spielte sein Großvater noch auf einer Ngoni mit drei Saiten, benutzte sein Vater schon vier. Bei Bassekou sind es heute bis zu neun. In den letzten Jahren hat er darüber hinaus angefangen, mehr und mehr mit dem Sound seiner Ngoni zu experimentieren. Statt der bislang üblichen, verwobenen Nylonangelschnüre, verwendet er heute Harfensaiten, mit denen er eine Note länger klingen lassen kann. Außerdem verwendet er gelegentlich ein Wah-Wah-Pedal und verzerrt seinen Sound.

Griots in der Krise

Dann kam im März 2012 der Coup d’état. Der Staatsstreich ereignete sich am ersten Aufnahmetag für sein aktuelles Album Jama ko und sollte seine Musik über Nacht politisch machen. Während der Westen den Putsch gegen ATT als Ende der Demokratie in Mali bedauerte, feierten die einfachen Leute in Mali den Putschisten General Sanogo anfänglich euphorisch. Ein Zeichen dafür, dass die einfachen Leute tief von der Politik enttäuscht waren. Die schleichende Korruption im Land hatte die staatlichen Institutionen in Mali ausgehöhlt. Das Volk fühlte sich von den Politikern und von seinem Präsidenten betrogen. Die Krise offenbarte auch eine Schattenseite der Preissängerkultur: Die Griots hatten zu lange die Nähe auch korrupter Mächtiger gesucht und diese mit ihren Preisliedern umgarnt. Sie spürten, dass auch sie sich neu definieren mussten. Der König war gefallen. Bassekou Kouyaté hatte seinen größten Gönner verloren. Doch mehr und mehr wurde ganz Mali klar: Die Krise hatte erst begonnen. Als die Islamisten dann den Norden Malis besetzten und dort die Scharia ausriefen, stand die Zukunft des bislang so offenen und toleranten Staates auf Messers Schneide.

Nach einer kurzen Schockstarre erwachte ein neues Verantwortungsgefühl. Kouyaté schrieb mit Jama ko – übersetzt »große Zusammenkunft« – einen Song, der sich gegen einen aufkeimenden Rassismus vor allem gegenüber den Tuareg engagiert. Im Video dazu kommen die verschiedenen Ethnien Malis und die Vertreter der Muslime und Christen zusammen, um zu feiern. Um das zu tun, was immer schon zur Kultur Malis gehörte, was die Islamisten aber verbieten wollten: Singen, Tanzen und Spaß haben.

Außerdem entstand spontan ein Duett mit der Sängerin Khaira Arby, die gerade aus Timbuktu hatte fliehen müssen. Zusammen beschwören sie die territoriale Integrität Malis. Und auch die typischen traditionellen Songs aus dem riesigen Liederfundus der Geschichte seiner Heimatregion Segou bekommen plötzlich eine politische Komponente, preisen sie doch historische Helden aus der Zeit der Islamisierung Malis: Bamana-Könige und -Krieger wie Sinaly Diarra oder Jajiri, die sich im 19. Jahrhundert der Islamisierung widersetzten.

Die Musik Habib Koités erscheint so aktuell wie nie: Er musste sich in der Krise nicht neu orientieren. Gerade heute ist es so wichtig wie nie, die kulturelle Vielfalt Malis zu feiern. Und wenn Habib Koité 2012 auf dem Festival au Désert auftrat und dort in den unterschiedlichen Landessprachen wie Songhai oder Soninké sang, dann brachte er wie immer seinen Respekt und seine Bewunderung für die Kultur der unterschiedlichen Ethnien des Landes zum Ausdruck. Seine Songs bauen Brücken und stärken die Solidarität unter den Völkern des multikulturellen Mali. Ein wichtiges Zeichen in einer Zeit, in der ein aufkeimender Rassismus zu spüren ist, der die Einheit des Landes in Frage zu stellen droht.

Zukunft

Wie so viele, saß auch Bassekou Kouyaté in Bamako auf gepackten Koffern. Er wusste, die malische Armee würde Bamako nicht verteidigen können. Dann kamen die Franzosen Mali zu Hilfe. Und auch Kouyaté gehörte zu denen, die sich die Trikolore an ihr Haus hängten und sie als Retter Malis feierten. Nach der friedlichen Wahl des neuen Präsidenten Ibrahim Boubacar Keïta steht Mali nun vor der schwierigen Aufgabe das Land zu versöhnen und wieder Vertrauen in den Staat zu schaffen. Die Hoffnung ist da, und das Bewusstsein wächst, dass jeder seinen Teil dazu beitragen muss.

So kommt es heute schon mal vor, dass Bassekou Kouyaté seinen Einfluss als Griot nutzt und zum Telefon greift, wenn er von einem besonders dreisten Fall von Korruption hört. Bei seinem letzten Anruf lachte der zur Rede gestellte Minister nur und erwiderte lapidar: »Le lion a dejà mangé le mouton.« Der Löwe hat das Schaf schon gegessen. Die Beute, das Schmiergeld war längst vertilgt. Doch eine Sache hat sich in Mali mit der Krise verändert: Mehr und mehr Leute schauen den Löwen nun auf die Finger; auch die Griots, die sie lange nur gepriesen haben.

Jay Rutledge

Biographie

Roger Willemsen studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie in seiner Heimatstadt Bonn sowie in Florenz, München und Wien. Nach seiner Promotion über die Dichtungstheorie Robert Musils arbeitete er als Dozent, Herausgeber, Übersetzer (u. a. von Thomas Moore und Umberto Eco) und für drei Jahre als Korrespondent in London. 1991 begann seine Fernsehlaufbahn als Moderator, später auch als Produzent von Kultursendungen (z. B. Willemsens Woche, Nachtkultur, Willemsens Zeitgenossen). Sein Debüt als Regisseur gab er 1996 mit einem Film über den Jazzpianisten Michel Petrucciani, der inzwischen in 13 Ländern gesendet wurde; es folgten Porträts von Personen der Zeitgeschichte wie Gerhard Schröder und Marcel Reich-Ranicki. Hauptberuflich war Willemsen jedoch stets Autor: Regelmäßig erschienen seine Essays und Kolumnen beispielsweise in der ZEIT, im Spiegel und in der Süddeutschen Zeitung. Seit 2002 widmet er sich verstärkt literarischen Arbeiten. Seine Bestseller Deutschlandreise, Gute Tage, Kleine Lichter, Afghanische Reise, Der Knacks, Die Enden der Welt und zuletzt Momentum wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Willemsen ist Schirmherr mehrerer Literaturfestivals und lehrt seit 2010 als Honorarprofessor für Literaturwissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin. Er engagiert sich darüber hinaus bei verschiedenen Hilfsorganisationen (Terre des Femmes, Afghanischer Frauenverein e. V., CARE International) und war lange Jahre Botschafter von Amnesty International. Zu den zahlreichen Auszeichnungen Roger Willemsens zählen der Bayerische Fernsehpreis (1992), der Adolf-Grimme-Preis in Gold (1993), der Rinke-Preis für sein Buch Der Knacks (2009) und der Julius-Campe-Preis (2011). Für die Stiftung Berliner Philharmoniker gestaltet und moderiert er seit der Spielzeit 2011/2012 die Reihe Unterwegs – Weltmusik mit Roger Willemsen.

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Unterwegs: Birgit Ellinghaus und Gerhard Forck über die Konzertreihe

Unterwegs – Weltmusik mit Roger Willemsen

Unterwegs – Weltmusik mit Roger Willemsen

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