Berliner Philharmoniker

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Berliner Philharmoniker

Berliner Philharmoniker

Daniel Harding Dirigent

Gustav Mahler

Symphonie Nr. 10 (Aufführungsversion von Deryck Cooke)

Termine und Tickets

Do, 26. Sep. 2013 20 Uhr

Philharmonie

Einführung: 19:00 Uhr

Fr, 27. Sep. 2013 20 Uhr

Philharmonie

Einführung: 19:00 Uhr

Sa, 28. Sep. 2013 20 Uhr

Philharmonie

Einführung: 19:00 Uhr

Live-Übertragung

im Internet

Programm

Gleich zwei große Dirigenten nahmen den jungen Daniel Harding am Anfang seiner Karriere unter ihre Fittiche: Sir Simon Rattle und Claudio Abbado. Rattle, damals noch Chef des City of Birmingham Symphony Orchestra, war von einer CD-Aufnahme des gerade 17-Jährigen so begeistert, dass er ihn zu seinem Assistenten machte. Es folgte eine Assistenz bei Claudio Abbado und den Berliner Philharmonikern, an deren Pult Harding erstmals 1996 stand. Mittlerweile hat der britische Dirigent, heute Musikdirektor des Schwedischen Radio-Symphonieorchesters und Erster Gastdirigent des London Symphony Orchestra, Weltkarriere gemacht und gilt als einer der vielversprechenden Dirigenten der jüngeren Generation. Die Zehnte Symphonie von Gustav Mahler hat ihn auf wichtigen Stationen seiner Karriere begleitet, so bei seinen Debüts mit den Wiener Philharmonikern, dem Los Angeles Philharmonic und dem Toronto Symphony Orchestra.

Mahler begann mit der Komposition dieses Werks, dessen erster Satz musikalisch an den letzten Satz der Neunten Symphonie anknüpft, im Sommer 1910, tief erschüttert von seiner schweren Ehekrise mit Alma Mahler. Er sollte seine Zehnte nicht vollenden. Bei seinem Tod im Mai 1911 hinterließ er sie als Fragment. Einzig der erste Satz, Adagio, lag als Partiturentwurf vor und fand Eingang in die kritische Gesamtausgabe. Gleichwohl forderte das vorhandene Skizzenmaterial Musikwissenschaftler heraus, eine konzertfähige Fassung zu erstellen. Die in der Fachwelt nicht unumstrittene »Performing version« des britischen Musikologen Deryck Cooke ist die meistgespielte Rekonstruktion dieser Symphonie.

Über die Musik

Zwischen Liebe und Tod

Anmerkungen zur unvollendeten Zehnten Symphonie Gustav Mahlers

Am 12. September 1910 dirigierte Gustav Mahler in München die Uraufführung seiner riesig besetzten Achten Symphonie, der sogenannten Symphonie der Tausend. Viele Freunde und Bekannte waren eigens aus diesem Anlass angereist und die Aufführung dieses von Mahler als »Botschaft der Liebe in liebloser Zeit« bezeichneten Werks wurde zum größten Erfolg seiner kompositorischen Laufbahn. Was das Publikum der Uraufführung nicht wissen konnte: Zu jenem Zeitpunkt war das Schaffen des Komponisten bereits abgeschlossen. Das Lied von der Erde und die Neunte Symphonie waren fertiggestellt. Auch die Zehnte hatte Mahler in den Monaten zuvor weitgehend skizziert. In welch andere Richtung sich der Komponist nach den bombastischen Klangmassen der Achten noch entwickeln sollte, blieb dem Publikum der Münchner Uraufführung freilich verborgen.

Kurz nach Vollendung der Achten Symphonie hatte Mahler von seiner schweren Herzerkrankung erfahren. Die Ärzte teilten ihm mit, dass er möglicherweise nur noch wenige Jahre zu leben habe. An seinen Freund, den Dirigenten Bruno Walter, schrieb der Komponist damals: »... habe alles an Klarheit und Beruhigung verloren, was ich mir je errungen [...] nun am Ende meines Lebens [muss ich] als Anfänger wieder gehen und stehen lernen.« Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod prägt vor allem Das Lied von der Erde und die Neunte Symphonie. Nie zuvor hatte Mahler den Konflikt zwischen Bejahen und Verneinen, Leben und Tod, so intensiv ausformuliert wie in diesen beiden Kompositionen. Auch die während des Sommers 1910 in seinem Sommerdomizil bei Toblach in den Dolomiten skizzierte Zehnte Symphonie ist ein Werk von großer emotionaler, ja existenzieller Tragweite. Zu Beginn der Ferien unterzog sich seine Frau Alma zunächst noch einer Kur in Tobelbad. Dort lernte sie den jungen Architekten Walter Gropius kennen und ließ sich auf ein Verhältnis mit ihm ein. Da sie um die ausgeprägte Eifersucht ihres Mannes wusste, versuchte sie, die Beziehung vor Mahler zu verbergen. So vereinbarte sie mit Gropius, nach ihrer Ankunft in Toblach Briefe nur heimlich und unter größten Vorsichtsmaßnahmen auszutauschen. Ende Juli 1910 adressierte Gropius jedoch eines seiner Schreiben direkt an Mahler. Alma Mahler berichtet in ihren Erinnerungen: »Nach acht Tagen ungefähr kommt ein Brief von diesem jungen Mann, in dem er mir schreibt, dass er ohne mich nicht leben könne, und dass ich, wenn ich nur das geringste Gefühl für ihn hätte, alles verlassen und zu ihm kommen möge. Dieser Brief […] trug auf dem Kuvert deutlich die Anschrift ›An Herrn Direktor Mahler‹. […] [Mahler] war im Innersten aufgewühlt. Damals schrieb er alle jene Ausrufe und Worte an mich in die Partiturskizze der Zehnten Symphonie.«

Diese brutale Art der Offenbarung war für Mahler ein Schock. Er unterbrach die Arbeit an seiner Zehnten zunächst und suchte das Gespräch mit Alma. Diese versicherte ihm, ihn nicht verlassen zu wollen, hielt aber nichtsdestotrotz die Beziehung zu Gropius aufrecht. Mahler verzweifelte schier an der Vorstellung, seine Frau zu verlieren. Er konsultierte damals sogar den Psychoanalytiker Sigmund Freud, der später berichtete: »Ich habe Mahler […] einen Nachmittag lang in Leiden analysiert, und wenn ich den Berichten glauben darf, viel bei ihm ausgerichtet. Sein Besuch erschien ihm notwendig, weil seine Frau sich damals gegen die Abwendung seiner Libido von ihr auflehnte. Wir haben in höchst interessanten Streifzügen durch sein Leben seine Liebesbedingungen […] aufgedeckt; ich hatte Anlass, die geniale Verständnisfähigkeit des Mannes zu bewundern. Auf die symptomatische Fassade seiner Zwangsneurose fiel kein Licht. Es war, wie wenn man einen einzigen tiefen Schacht durch ein rätselhaftes Bauwerk graben würde«. Durch dieses Gespräch mit Freud besserte sich Mahlers Zustand tatsächlich, so dass er die Arbeit an seiner Symphonie wieder aufnehmen und bis zum Ende der Sommerferien Anfang September 1910 vorläufig abschließen konnte.

Doch die schwere Ehekrise hinterließ deutliche Spuren in dem Werk. Immer wieder finden sich in den Skizzen der Zehnten Symphonie Hinweise auf die gestörte Beziehung zu Alma. Verbale Andeutungen wie »Erbarmen« oder »Du allein weißt, was es bedeutet« in der Partitur verweisen auf die biografische Situation, unter der Mahler sehr gelitten haben muss. In lyrischen Versen versuchte er seiner Frau seinen Gefühlszustand zu vermitteln. So schrieb er ihr am 27. August 1910: »Nachtschatten sind verweht an einem mächt’gen Wort, / Verstummt der Qualen nie ermattend Wühlen. / Zusammen floss zu einem einzigen Akkord / Mein zagend Denken und mein brausend Fühlen. / Ich liebe Dich! – ist meine Stärke, die ich preis / Die Lebensmelodie, die ich im Schmerz errungen, / O liebe mich! ist meine Weisheit, die ich weiß, / der Grundton, auf dem jene mir erklungen. / Ich liebe Dich! – ward meines Lebens Sinn / Wie selig will ich Welt und Traum verschlafen. / O liebe mich! Du meines Sturms Gewinn! / Heil mir – ich starb der Welt – ich bin im Hafen!«

Im Particell am Ende des Finale notierte er: »für dich leben! / für dich sterben!« »Almschi!«. Alma Mahler sah die Situation offenbar weit weniger dramatisch. Am 14. August 1910 schrieb sie an Walter Gropius aus Toblach: »Jetzt erst werde ich wirklich etwas von G.[ustav] haben – er will mit mir schwere Werke lesen – musizieren […]. Kurz, der Mensch ist ein andrer – durch diese paar Leidenstage […], nur für mich leben wollend, das ›papierne‹ Leben, (wie er sein strenges Musikerdasein nennt), verlassend – obwohl er gerade jetzt eine ganze Symphonie gemacht hat – mit allen Schrecken dieser Zeit drin.«

Im letzten Winter seines Lebens hat Mahler den Entwurf nicht mehr zu Ende instrumentiert. Die fünf Sätze der Zehnten Symphonie sind daher in sehr unterschiedlichen Arbeitsphasen überliefert. Der Kopfsatz existiert in einem fast vollständig ausgearbeiteten Particell. Der zweite Satz, ein Scherzo, liegt ebenfalls als Partiturskizze vor, von der die erste Hälfte ausgearbeitet, der weitere Verlauf jedoch von Mahler nur angedeutet wurde. Die ersten 28 Takte des kurzen dritten Satzes hat er vollständig als Partitur ausgeschrieben, das Folgende skizzierte er lediglich, allerdings mit zahlreichen Angaben zur Instrumentation. Dieser Satz war zunächst »Purgatorio oder Inferno« überschrieben, das letzte Wort wurde jedoch später gestrichen, ob von Mahler selbst oder von Alma, ist nicht mehr zweifelsfrei festzustellen. Der vierte und der fünfte Satz liegen lediglich als Skizzen vor, Hinweise zur Instrumentation finden sich nur an wenigen Stellen. Nach Mahlers Tod vervollständigte Ernst Křenek den ersten und dritten Satz so weit, dass sie 1924 in Wien erstmals zur Aufführung gebracht werden konnten. Alma versuchte nach Mahlers Tod, Arnold Schönberg und Dmitri Schostakowitsch für eine Komplettierung des gesamten Werks zu gewinnen, doch beide lehnten ab.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begannen mehrere Musikwissenschaftler unabhängig voneinander mit einer Rekonstruktion der Zehnten Symphonie. Der erfolgreichste unter ihnen war Deryck Cooke, der 1964 eine Fassung vorlegte, die von dem Komponisten und Mahler-Kenner Berthold Goldschmidt am 13. August 1964 in der Londoner Royal Albert Hall erstmals dem Publikum vorgestellt wurde. Cooke nannte seine Ausarbeitung »eine Aufführungsversion des Skizzenmaterials zur Zehnten Symphonie« und hat immer wieder darauf hingewiesen, dass es sich bei seiner Rekonstruktion keineswegs um eine Vollendung des Werks handele. Er beschränkte sich darauf, die Textur des Orchestersatzes auszufüllen, wo dies nötig war, vor allem im zweiten Teil des zweiten Satzes. Wenn er mitunter neue kontrapunktische Gefüge einbaute, dann waren sie aus Mahlers eigenem thematischem Material abgeleitet. Der dritte Satz musste partiell, der vierte und fünfte jedoch ganz neu instrumentiert werden. Auch im Kopfsatz nahm Cooke instrumentale Ergänzungen vor.

Dieser ist ein groß angelegtes, 25 Minuten langes Adagio, das in seiner Textur an das Finale der Neunten Symphonie anknüpft. Das düstere Thema der Solo-Bratschen zu Beginn wechselt sich mit einem lyrischen Adagio der gesamtem Streichergruppe und der Posaunen ab. Charakteristisch für das in veränderter Gestalt immer wieder als Hauptstimme auftretende Bratschenthema sind der auftaktige punktierte Rhythmus und die abwärtsführende melodische Grundstruktur. Erst in späteren Varianten wird der Ambitus erweitert oder der Rhythmus durch kleinere Notenwerte verschleiert. Vom Charakter her bildet diese erste Motivgruppe, sofern sie Hauptstimme ist, unterschiedliche Formen aus. So nimmt sie vor allem in der unbegleiteten Fassung eine melancholische Ausprägung an, die an die sogenannte traurige Weise aus dem dritten Aufzug von Richard Wagners Musikdrama Tristan und Isolde erinnert. In anderen Versionen gewinnt das Thema hingegen einen fast diabolischen Scherzo-Charakter durch tanzähnliche Begleitstrukturen in den Streichern sowie Sprünge und Prall-Triller. Die zweite Motivgruppe, die durch große, bis zu zwei Oktaven umfassende Intervalle charakterisiert wird, zeichnet meist eine bogenförmige Linie und erinnert entfernt an einen Hymnus oder Choral. Die Arbeit mit diesen Motivgruppen endet abrupt, wenn kurz nach der Mitte des Satzes ein expressiver, geradezu Schock-artiger Ausbruch die Kontinuität des bisherigen Ablaufs zerstört. In seinem Zentrum steht ein scharf dissonanter, neuntöniger Akkord mit einem lang ausgehaltenen Ton der Trompete, dessen Gewalt den vergleichsweise ruhigen Rest des Satzes überlagert.

Charakteristisch für das anschließende erste Scherzo sind die dauernden Taktwechsel, während das ruhigere Trio, dessen Thematik sich aus dem Streichermotiv des Kopfsatzes ableiten lässt, an einen Ländler erinnert. Die Coda mit ihren überschwänglich jubelnden Hörnern gemahnt an das Scherzo aus der Fünften Symphonie.

Der kurze dritte Satz, von Mahler wie erwähnt zunächst mit »Purgatorio oder Inferno« überschrieben, gipfelt in einem expressiven Ausbruch, der eine gewisse Verwandtschaft mit dem stark dissonanten Abschnitt des Kopfsatzes aufweist. Mahler zitiert ein Lied, das Alma komponiert hatte. Genau an dieser Stelle schrieb Mahler in das Particell die Worte »Dein Wille geschehe!«, ein Bibelzitat, das seine Schicksalsergebenheit demonstriert, aber zugleich auf seine Frau bezogen sein dürfte. Formal gesehen erfüllt das »Purgatorio« die Rolle eines Vorspiels oder einer Überleitung zu den beiden letzten Sätzen des Werks. Auch ein Großteil des dort verwendeten thematischen Materials wird hier erstmals exponiert.

Der vierte Satz beginnt zunächst als schneller Walzer, in dem Höhepunkt auf Höhepunkt folgt. »Der Teufel tanzt es mit mir / Wahnsinn, fass mich an, Verfluchten! / vernichte mich / dass ich vergesse, das ich bin! / dass ich aufhöre, zu sein / dass ich ver« [sic], vermerkt Mahler auf der Titelseite des Satzes. Doch die Bewegung des schnellen Walzers erschöpft sich im weiteren Verlauf immer mehr, bis der Tanz gegen Ende völlig zum Stillstand kommt und mit dumpfen Schlägen der großen Trommel schließt. »Du allein weißt, was es bedeutet / Ach! Ach! Ach! / Leb’ wol mein Saitenspiel! / Leb wol / Leb wol / Leb wol«, schrieb Mahler an dieser Stelle ins Particell.

Das dreiteilige Finale wird mit dunklen Klängen in den tiefsten Regionen des Orchesters eröffnet. Bruchstücke von Themen klingen an, bevor eine getragene Melodie der Flöte, die anschließend von den Violinen aufgegriffen wird, in heitere Gefilde überleitet. Auf dem Höhepunkt des Satzes ertönen noch einmal der dissonante Akkord aus dem Eröffnungssatz und das Bratschenthema des Symphoniebeginns, bevor er mit zarten Klängen versöhnlich schließt.

Martin Demmler

Biographie

Daniel Harding, in Oxford geboren, begann seine Karriere als Assistent von Sir Simon Rattle beim City of Birmingham Symphony Orchestra, das er 1994 auch erstmals selbst dirigierte. Es folgte eine weitere Assistententätigkeit bei Claudio Abbado; 1996 debütierte Harding als jüngster Dirigent der BBC Proms in London und leitete erstmals die Berliner Philharmoniker in einem Konzert der Berliner Festwochen mit Werken von Berlioz, Brahms und Dvořák. Nach Positionen als Erster Dirigent des Symphonieorchesters Trondheim (Norwegen), Erster Gastdirigent des Symphonieorchesters Norrköping (Schweden), Musikdirektor der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen (1997 – 2003) sowie als Erster Dirigent und musikalischer Leiter des Mahler Chamber Orchestra (2003 – 2011) ist Daniel Harding derzeit Musikdirektor des Schwedischen Radio-Symphonieorchesters, Erster Gastdirigent des London Symphony Orchestra und musikalischer Partner des New Japan Philharmonic. Als ein in den internationalen Musikzentren begehrter Künstler steht er am Pult bedeutender Orchester und leitet Opernproduktionen an so renommierten Bühnen wie dem Royal Opera House, Covent Garden, der Mailänder Scala, den Staatsopern in Wien und München sowie bei den Festspielen in Salzburg und Aix-en-Provence. Daniel Harding ist Mitglied der Königlich-Schwedischen Musikakademie sowie Ritter des französischen Ordens »des Arts et des Lettres«. Die Berliner Philharmoniker dirigierte Daniel Harding zuletzt Mitte Oktober 2009 in drei Konzerten mit Werken von Bartók, Britten und Strauss.

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