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Berliner Philharmoniker

Konzert zur Saisoneröffnung in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bank

Berliner Philharmoniker

Sir Simon Rattle Dirigent

Wolfgang Amadeus Mozart

Symphonie Nr. 39 Es-Dur KV 543

Wolfgang Amadeus Mozart

Symphonie Nr. 40 g-Moll KV 550

Wolfgang Amadeus Mozart

Symphonie Nr. 41 C-Dur KV 551 »Jupiter«

Termine

Fr, 23. Aug. 2013 19 Uhr

19:00 | Philharmonie

Sonderkonzert

Live-Übertragung

Programm

»Kein Auftrag mehr, keine unmittelbare Absicht, sondern Appell an die Ewigkeit«, so Alfred Einstein, habe Mozart zur Komposition seiner letzten drei Symphonien veranlasst, mit denen die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Sir Simon Rattle die neue Spielzeit eröffnen werden. Das verklärende Bild des auf die Ewigkeit abonnierten »Götterlieblings«, der sich und der Musikgeschichte ein symphonisches Denkmal setzen wollte, hielt sich hartnäckig.

Dabei ist es wahrscheinlich, dass Mozart sie für drei »Academien im Casino« komponierte, die er in einem Brief an den Freund und Logenbruder Michael Puchberg erwähnte. Auf jeden Fall schuf er mit ihnen Gipfelwerke der klassischen Symphonik, wobei es den Anschein hat, als hätte Mozart die ganze Bandbreite dessen zeigen wollen, was ihm an künstlerischen Mitteln zur Verfügung stand, da sich die drei Stücke bis in die Besetzung hinein voneinander unterscheiden.

Die Es-Dur-Symphonie KV 543 führt in den Worten E. T. A. Hoffmanns »in die Tiefen des Geisterreichs«, da die Musik ungeachtet ihrer erstaunlichen Strahlkraft und ihres Temperaments auch den Bereich des Düsteren und Dämonischen berührt. Die populäre g-Moll-Symphonie KV 550 erweist sich demgegenüber als ein Musterbeispiel architektonischer Ausgewogenheit, wobei das Andante zwischen den dramatisch aufgeladenen Moll-Sätzen wie eine lyrische Insel wirkt. Und die Jupiter-Symphonie KV 551 wartet mit einer formalen und satztechnischen Meisterschaft auf, die wie die Quintessenz all dessen anmutet, was zu Mozarts Lebzeiten in der Instrumentalmusik überhaupt möglich erschien.

Über die Musik

Sechs Wochen für die Ewigkeit

Anmerkungen zu Mozarts letzten drei Symphonien

»Liebster, bester freund! – «, schreibt Wolfgang Amadeus Mozart vor dem 17. Juni 1788 an den Wiener Tuchhändler und Freimaurer-Logenbruder Michael Puchberg: »Die überzeugung daß Sie mein wahrer freund sind, und daß Sie mich als einen ehrlichen Manne kennen, ermuntert mich ihnen mein Herz aufzudecken, und folgende bitte an Sie zu thun. – Ich will ohne alle Zierereynach [sic!] meiner angebohrnen Aufrichtigkeit zur sache selbst schreiten. – Wenn Sie die liebe und freundschaft für mich haben wollten, mich auf 1 oder 2 Jahre, mit 1 oder 2 tausend gulden gegen gebührenden Intereßen zu unterstützen, so würden Sie mir auf acker und Pflug helfen! – Sie werden gewiß selbst sicher und wahr finden, daß es übel, Ja ohnmöglich zu leben sey, wenn man von Einnahme zu Einnahme warten muß! – wenn man nicht einen gewissen, wenigstens den nöthigen vorath hat, so ist es nicht möglich in ordnung zu kommen. – mit nichts macht man nichts; – wenn Sie mir diese freundschaft thun, so kann ich […] mit sorglosern gemüth und freyern herzen arbeiten, folglich mehr verdienen. – «

Rund zehn Tage später, am 26. Juni, notiert Mozart zusammen mit dem Incipit der Adagio-Einleitung im Verzeichnüß aller meiner Werke: »Eine Sinfonie. – [...]«, die Es-Dur-Symphonie KV 543.

Tags darauf, am 27. Juni, der nächste Brief an Puchberg: »Meine Laage ist so, daß ich unumgänglich genöthigt bin Geld aufzunehmen. – aber Gott, wem soll ich mich vertrauen? Niemanden als ihnen, mein Bester! – Wenn Sie mir nur wenigst die Freundschaft thun wollen, mir durch einen andern Weg Geld zu verschaffen! – ich zahle ja gerne die Intereßen – und derjenige der mir lehnte, ist ja durch meinen Charakter u. meine Besoldung glaub ich gesichert genug. […] Wenn Sie werthester Br:[uder] mir in dieser meiner Laage nicht helfen, so verliere ich meine Ehre und Credit, welches das einzige ist, welches ich zu erhalten wünsche. – «

Anfang Juli ein weiterer Brief: »Meine sachen habe mit mühe und sorge so weit gebracht, daß es nur darauf ankömmt mir auf diese 2 versatzzettel etwas geld vorzustrecken. – Ich bitte Sie bey unserer freundschaft um diese gefälligkeit, aber es müsste augenblicklich geschehen. – «

Am 25. Juli wird die g-Moll-Symphonie KV 550 in das Verzeichnüß eingetragen.

Dann wieder ein Brief – in der Ausgabe der Briefe und Aufzeichnungen Mozarts mit dem mutmaßlichen Datum »Juni 1788« versehen, tatsächlich aber wohl Anfang August geschrieben: »Liebster Bruder! Ihre wahre Freundschaft und Bruderliebe macht mich so kühn, […] daß ich Sie zu bitten wage, mir nur bis künftige Woche (wo meine Academien im Casino anfangen) mit 100 fl. auszuhelfen; – […] Ich nehme mir die Freyheit Ihnen hier mit 2 Billets aufzuwarten, welche ich Sie (als Bruder) bitte, ohne alle Bezahlung anzunehmen, da ich ohnehin nie im Stande seyn werde, Ihnen Ihre mir bezeugte Freundschaft genugsam zu erwiedern.«

Und schließlich am 10. August: »Eine Sinfonie.– 2 violini, 1 flauto, 2 oboe, 2 fagotti, 2 corni, 2 clarini, Timpany, viole e Baßi. – «; die C-Dur-Symphonie KV 551, deren bis heute geläufiger Beiname Jupiter erstmals 1823 auf einer in London von Muzio Clementi edierten Ausgabe für Klavier, Flöte, Violine und Violoncello erscheint – eine Erfindung des 19. Jahrhunderts.

Was für ein merkwürdiger »Kontrapunkt«: Auf der einen Seite die Bettelbriefe an Michael Puchberg (der Mozart zwischen Juni 1788 und Juni 1791 mit Darlehen von insgesamt rund anderthalbtausend Gulden aus der Geldnot half) – die drei letzten, in einem Zeitraum von nur sechs Wochen entstandenen Symphonien auf der anderen. Nimmt man noch den Umzug in die Vorstadt Alsergrund (am 17. Juni) hinzu – in eine kleinere Wohnung im Haus Zu den drei Sternen in der Währingerstraße – und den Tod der sechs Monate alten Tochter Theresia (am 29. Juni), so waren diese Sommermonate des Jahres 1788 für Mozart wohl alles andere als eine glückliche Zeit.

Meisterwerke ohne Markt?

Für den Absturz des so lange erfolgreichen und überdurchschnittlich gut verdienenden Komponisten in die Verschuldung gab es verschiedene Gründe. Einerseits hatte sich Mozarts musikalische Sprache immer weiter vom Geschmack seines Publikums entfernt – zum Glück für uns, zum Unglück für ihn und sein Auskommen. Bezeichnend ist etwa die Tatsache, dass es für die Ausgabe der drei Streichquintette KV 406, 515 und 516, die er im April 1788 zur Subskription angeboten hatte, kaum Interessenten gab. Am 25. Juni – einen Tag vor dem Werkverzeichnis-Eintrag der Es-Dur-Symphonie – veröffentlichte er in der Wiener Zeitung die Musikalische Nachricht: »Da die Anzahl der Herren Subscribenten noch sehr geringe ist, so sehe ich mich gezwungen, die Herausgabe meiner 3 Quintetten bis auf den 1. Jänner 1789 zu verschieben.« Vergebens: Es kamen nicht genug Subskribenten zusammen, um die Ausgabe zu realisieren. Andererseits gab es für das Desinteresse des Publikums auch gewichtige äußere, politische Gründe, wie Volkmar Braunbehrens in seiner Studie Mozart in Wien überzeugend nachgewiesen hat. 1788 »ist das Jahr, in dem der [sogenannte Achte Österreichische] Türkenkrieg auf einem Höhepunkt ist, das gesellschaftliche Leben in der Hauptstadt Wien fast zum Erliegen kommt, da ein großer Teil des männlichen Adels zum Militär eilt, die anderen sich auf ihre Güter zurückziehen. […] Mozart hat offensichtlich versucht, durch Verschuldung seinen Lebensstandard zu halten. Man wird wohl davon ausgehen können, dass Mozart ständig kurzfristig Schulden hatte, mit denen er die Unregelmäßigkeiten seiner Einkünfte auszugleichen suchte.« Dabei scheint er trotz des – wohl eher aus rhetorischen Gründen – oft geradezu verzweifelten Tonfalls der Bettelbriefe an Puchberg seine Geldnöte nicht allzu schwer genommen zu haben: Anfang September 1788 entstehen seine berühmt-berüchtigten Scherz-Kanons, die mit Texten wie »G’rechtelt’s enk, wir gehen im Prater«(KV 556), »Difficile lectu mihi mars« (KV 559) oder »Bona nox, bist a rechter Ox […] schlaff fei g’sund und reck’ den Arsch zum Mund« (KV 561) alles andere als sorgengequält scheinen.

Seit Mozart im Sommer 1781 seine Heimatstadt Salzburg verlassen und sich als »freischaffender« Komponist in Wien angesiedelt hatte, waren nur drei Symphonien entstanden, die allesamt nicht für die Kaiserstadt bestimmt gewesen waren: im Juli 1782 die Haffner (D-Dur KV 385) für die Nobilitierung seines alten Salzburger Freundes und Förderers Sigmund Haffner, im Oktober/November 1783 die Linzer (C-Dur KV 425), und im Dezember 1786 die dreisätzige Prager (D-Dur KV 504). Dabei hätte er in seinen Wiener Akademien durchaus Gelegenheit gehabt, sich als Symphoniker zu präsentieren. Warum also jetzt die gleich dreifache Rückkehr zu dieser Gattung? Eine Frage, die sich ebenso wenig beantworten lässt wie diejenige nach dem Anlass des Entstehens der drei Werke. Vermutlich waren sie für jene »Academien im Casino« bestimmt, die Mozart im letzten seiner zitierten Briefe an Puchberg ankündigt, und die wohl im Saal des neuen, von Philipp Otto gegründeten Casinos in der Spiegelgasse stattfinden sollten. Verschiedene Indizien sprechen dafür, diese Konzerte auf Ende August/Anfang September zu datieren – was die Eile erklären würde, mit der die drei Symphonien zu Papier gebracht wurden. Und wenn auch oft (zugunsten der Legende vom armen, verkannten Genie) behauptet wird, diese »Academien« hätten – wie schon die Quintette – nicht genug Subskribenten gefunden und seien ausgesetzt worden, so lassen doch sowohl die beiden Billette, die Mozart seinem Brief an Puchberg beigelegt hat, als auch das Verstummen der Bettelbriefe (zumindest bis Ende März 1789) darauf schließen, dass diese Konzerte vielleicht doch stattgefunden und offenbar Geld genug eingebracht haben, um die drückendsten Verbindlichkeiten einzulösen. Jedenfalls ist keine andere Einnahmequelle bekannt, aus der sich Mozart hätte finanzieren können – wobei wir allerdings über diese Zeit ohnehin nur sehr karge Informationen besitzen: »Die Konzertsaison des Winters 1788/89 markiert einen ›blinden Fleck‹ in Mozarts Vita als ausübender Künstler«, so der Mozart-Forscher Ulrich Konrad.

Immerhin spricht einiges dafür, dass KV 550 jene »große Sinfonie von der Erfindung des Hrn. Mozart« war, die am 16. und 17. April 1791 das Programm einer Konzertakademie der Wiener Tonkünstler-Sozietät »zum Vortheil ihrer Wittwen und Waisen« eröffnete. Die im Autograf nachträglich eingetragenen Änderungen des Bläsersatzes – unter anderem wurden zwei Klarinetten hinzugefügt – dürfte Mozart wohl im Hinblick auf diese konkreten Aufführungen vorgenommen haben, die (ausgerechnet!) Antonio Salieri im Burgtheater dirigierte.

Als Trias geschlossen oder offen vernetzt?

So ungewiss also Entstehungs- und Aufführungsgeschichte dieser drei letzten Symphonien sind, so viele Fragen ranken sich auch um ihre Konzeption. Trotz des kurzen Zeitraums, in dem sie komponiert wurden, spricht allein schon ihre unterschiedliche Besetzung dagegen, dass Mozart sie als Triptychon geplant hat: In KV 543 fehlen die Oboen, in KV 550 die Klarinetten, Trompeten und Pauken, in KV 551 die Klarinetten. Insofern ist auch Peter Gülkes These, dass die Adagio-Einleitung der Es-Dur-Symphonie »nicht weniger als Introduktion zur Trias insgesamt werden kann wie das Finale der Jupiter-Sinfonie als Finale für alle drei«, sehr spekulativ. (Übrigens wurde die Reihenfolge der drei Werke in mehreren Kammermusik-Bearbeitungen des frühen 19. Jahrhunderts vertauscht: Die Jupiter-Symphonie rückte an den Anfang, und die Es-Dur-Symphonie erhielt als Schlussstück den Beinamen Schwanengesang.)

Merkwürdig sind die – kaum zufälligen – Anklänge an andere Werke. Das Kopfthema der g-Moll-Symphonie etwa scheint metrisch und melodisch der Arie des Cherubino »Non so più cosa son, cosa faccio« aus dem ersten Akt von Le nozze di Figaro (KV 492) nachgebildet, das zweite Thema im Kopfsatz der C-Dur-Symphonie klingt wie ein Zitat aus der Bass-Ariette »Un bacio di mano«(KV 541), die Mozart im Mai 1788 – wenige Wochen vor der Symphonie – als Einlage-Nummer für eine Oper von Pasquale Anfossi komponiert hatte. Und auch das berühmte Vierton-Motiv c – d – f – e , mit dem das Finale der Jupiter-Symphonie beginnt, ist das Quasi-Zitat einer Formel, »die zum melodischen Urbestand der Kontrapunktlehre gehört«, so Volker Scherliess, und die der acht- oder neunjährige Mozart selbst schon in seiner allerersten Symphonie (Es-Dur KV 16) verwendet hat. Andererseits nehmen die letzten Takte dieses Finales fast notengetreu den Schluss des ersten Aktes der drei Jahre später entstandenen Zauberflöte (KV 620) vorweg.

Entführungen »in die Tiefen des Geisterreiches«?

Dem Geflecht der Bezüge entspricht ein Geflecht der Formen und Ideen, das zu den verschiedensten Deutungsperspektiven geführt hat. Dabei schwingt fast immer die Aura des Endes mit, die Idee eines symphonischen »Vermächtnisses zu Lebzeiten«, umweht vom Hauch der Ewigkeit. So schreibt zum Beispiel E. T. A. Hoffmann im Juli 1810 (in seiner berühmten Rezension der Fünften von Beethoven für die Allgemeine Musikalische Zeitung) über die Es-Dur-Symphonie KV 543: »In die Tiefen des Geisterreiches entführt uns Mozart. Furcht umfängt uns; aber, ohne Marter, ist sie mehr Ahnung des Unendlichen. Liebe und Wehmut tönen in holden Stimmen, die Nacht der Geisterwelt geht auf in hellem Purpurschimmer, und in unaussprechlicher Sehnsucht ziehen wir den Gestalten nach, die freundlich uns in ihre Reihen winkend, im ewigen Sphärentanz durch die Wolken fliegen.« In demselben Jahr 1810 erscheint in London eine Partitur-Ausgabe der C-Dur-Symphonie KV 551, die das Werk als »the highest triumph of Instrumental Composition« feiert. Am widersprüchlichsten sind die Urteile über KV 550. Robert Schumann spricht (1837) von ihrer »griechisch schwebende[n] Grazie«, der schwäbische Theologe Christian Palmer (1865) sieht in ihr »Lust und Leben« in reinster Schönheit verwirklicht; für Hermann Abert (1921) dagegen »bildet diese Sinfonie den schärfsten Ausdruck jenes tiefen, fatalistischen Pessimismus, der, in Mozarts Natur von Anfang an begründet, in den letzten Jahren seines Lebens besonders stark nach künstlerischer Gestaltung rang«. Und um noch eines der absurdesten Beispiele zu zitieren: Der Physiker Gunthard Born behauptete (1985) in seinem Buch über Mozarts Musiksprache, im Kopfsatz der Symphonie werde »ein Flüchtling zu Tode gehetzt«.

Mit Verlaub, aber wahrscheinlich war alles ganz anders, ganz einfach. Mozart brauchte Geld, plante eine Reihe von Akademien – ob sie nun stattgefunden haben oder nicht – und wollte das Wiener Publikum mit drei neuen Symphonien überraschen. Keine Spur von Tod und Ewigkeit, sondern die alltägliche condition humaine eines Komponisten. Bloß dass dieser Komponist eben Mozart war, und das Alltägliche Vollkommenheit atmet.

Michael Stegemann

Sir Simon Rattle

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