Zum Spielplan 2010/2011

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Berliner Philharmoniker

Berliner Philharmoniker

Herbert Blomstedt Dirigent

Juliane Banse Sopran

Claudia Mahnke Mezzosopran

Dominik Wortig (anstelle von Christian Elsner) Tenor

Markus Butter Bass

Rundfunkchor Berlin

Simon Halsey Einstudierung

Paul Hindemith

Nobilissima visione, Orchestersuite nach der Musik der Tanzlegende

Anton Bruckner

Messe Nr. 3 f-Moll

Termine

Fr, 04. Mär. 2011 20 Uhr

Philharmonie

Sa, 05. Mär. 2011 20 Uhr

Philharmonie

So, 06. Mär. 2011 20 Uhr

Philharmonie

Live-Übertragung

Über die Musik

Auf der Suche nach Seelenfrieden

Glaubensvisionen bei Paul Hindemith und Anton Bruckner

Das deutsche Musikleben war von 1933 an durch die Vorlieben der neuen Machthaber geprägt; Adolf Hitler spielte dabei die ausschlaggebende Rolle. Anton Bruckner stand damals besonders hoch im Kurs, weil dieser Komponist aus der Heimat des »Führers« stammte. Dass dagegen Werke Paul Hindemiths trotz der Fürsprache Wilhelm Furtwänglers kaum noch im Konzert erklangen, dürfte sich in Analogie dazu wohl aus persönlichen Aversionen Hitlers erklären. Nachdem Hindemith die Aussichtslosigkeit aller Bemühungen erkannt hatte, kündigte er im März 1937 seine Stelle an der Berliner Hochschule und trat ausgedehnte Reisen an, bevor er im August 1938 Deutschland endgültig verließ.

Zu den Reisen, die der Komponist in dieser Übergangszeit unternahm, gehörte im Mai 1937 ein Besuch des Maggio Fiorentino. In Florenz wollte er den russischen Tänzer und Choreografen Léonide Massine treffen, der ihn im Vorjahr um eine Musik für die Ballets Russes de Monte Carlo gebeten hatte. Allerdings fehlte noch ein geeigneter Stoff. Auf diesen stieß Hindemith, als er in Florenz die große Kirche Santa Croce besuchte, die Giottos Fresken mit Szenen des heiligen Franz von Assisi enthielt. Der Komponist, der sich schon für seine Oper Mathis der Maler von Gemälden hatte inspirieren lassen, war von diesen Fresken stark beeindruckt. Er lud Massine ein, sie sich ebenfalls anzusehen. »Auch ich war von ihrer spirituellen Schönheit betroffen gewesen und hatte mir gut vorstellen können, warum sie Hindemith so tief bewegt hatten«, erinnerte sich der Choreograf. Für die Idee, daraus ein Ballett zu machen, konnte er sich allerdings erst erwärmen, nachdem er ein französisches Buch über Franz von Assisi gelesen und dort den lateinischen Titel Nobilissima Visione (edelmütige Einsicht) gefunden hatte.

Als sich die beiden Künstler im September in Positano am Golf von Salerno zu einer Arbeitswoche trafen, brachte Hindemith bereits ein ausführliches Szenarium mit. Im Zentrum sollte, ähnlich wie im Mathis, eine Traumszene stehen, die die Hauptfigur bewegt, ihr prosaisches Leben zu ändern. Der junge Mann aus gutem Hause, der sich zunächst nach militärischen Ehren gesehnt hatte, kommt zur Umkehr, als ihm drei symbolische Frauengestalten erscheinen. Er verlässt sein Elternhaus, geht zum Beten in die Berge und feiert dort eine mystische Hochzeit mit Frau Armut. Damit hat er den Franziskaner-Orden gegründet. Das Ballett endet mit dem Lob Gottes durch alle Kreatur.

Während dieses Arbeitsaufenthalts entstanden bereits erste musikalische Ideen. So berichtet Massine von einem Ausflug nach Amalfi, wo auf der Piazza eine Militärkapelle spielte. »Hindemith hatte seine Freude an den glänzenden Blechinstrumenten, und er führte mich langsam um das Musikpodium herum, zeigte auf die Trompeten, Tuben, Posaunen und Hörner und prahlte lachend damit, dass er sie alle spielen könne.« Es kam zur Begegnung mit Igor Strawinsky, der damals in Positano an seinem Concerto in Es-Dur (Dumbarton Oaks) arbeitete. Die Komponistenkollegen unternahmen eine gemeinsame Fahrt nach Paestum und freundeten sich an. Dieses Zusammentreffen mag Hindemith zur Verwendung historischen Klangmaterials angeregt haben. Massine zufolge hatte sich der Komponist entschlossen, »seine Partitur hauptsächlich auf der frühen geistlichen Musik Frankreichs aufzubauen, vor allem auf jener des großen, aus dem 14. Jahrhundert stammenden Komponisten Guillaume de Machaut.«

Am 4. Februar 1938, unmittelbar vor einer Amerikareise, stellte Hindemith Partitur der Nobilissima Visione fertig. Von den elf Nummern, die er für die sechs Bilder der Tanzlegende komponiert hatte, bedeutete die Nr. 5 – die Erscheinung der drei Frauen – den Wendepunkt und die große Passacaglia »Incipiunt laudes creaturarum« (Lobgesänge der Geschöpfe beginnen) den Schluss. Nachdem Hindemith im Mai in Monte Carlo an den Tanzproben teilgenommen hatte, übernahm er am 21. Juli bei der Londoner Uraufführung des Balletts die musikalische Leitung. Zwei Monate später, am 13. September 1938, dirigierte er in Venedig zum ersten Mal die dreisätzige Orchestersuite, die er allein unter musikalischen Aspekten zusammengestellt hatte. Aus den elf Musiknummern des Balletts bilden Nr. 8 (Meditation) und Nr. 10 (Hochzeit zwischen Franz und Frau Armut) den ersten Satz, der Marsch (Nr. 4) und die Nr. 5 (Erscheinung der drei Frauen: Demut, Keuschheit, Armut) den zweiten. Wie das Ballett, endet auch die Suite mit der Passacaglia.

Obwohl Hindemith schließlich auf Machaut-Zitate verzichtete, behielt er in seiner durchweg tonalen Komposition Anklänge an mittelalterliche Musik bei. Im ersten Satz schreitet der Bass »sehr langsam« und in feierlicher Bewegung mehrere Stufen abwärts, während die von Klarinetten und Violinen gespielte Melodie verschiedene tonale Zentren durchwandert. Mit einem Streicherunisono beginnt das »mässig schnelle« Rondo, in dem nach einer weitgeschwungenen Melodie der Soloflöte schließlich Holzbläser und Streicher ein Fugato beginnen. Piccoloflöte, Triangel und Rührtrommel bilden den charakteristischen hellen Klang für den schnellen Marsch. Im Ballett begleitet er einen Trupp von Soldaten, denen Franz sich angeschlossen hat. Die Musik wird grob und lärmend, wenn die Soldaten einen Reisenden überfallen. Dem über diese Brutalität entsetzten Franz erscheinen in einer Vision drei Frauengestalten, Repräsentantinnen der Tugenden Keuschheit, Gehorsamkeit und Armut. Nachdenklich stimmende Streicherklänge werden hier gekrönt vom Melos der Flöte und dann dem der Oboe. Blechbläser stellen im Schluss-Satz das sechstaktige Passacaglia-Thema mit seinen charakteristischen Quartsprüngen und Überbindungen vor, das sich zweimal von der Einstimmigkeit zu vielstimmiger Klangpracht entfaltet. Diese verkörpert hier den Sonnengesang des Franz von Assisi. Nicht anders als vor ihm Bach und Bruckner und nach ihm Olivier Messiaen vereinte Hindemith in dieser Komposition seine satztechnischen Künste zum Lobe Gottes.

Auch die große Messe Nr. 3 f-Moll von Anton Bruckner entstand in einer Übergangsperiode. Schon seit Jahren wollte der Komponist die ihm immer unerträglicher werdende Provinzstadt Linz verlassen, um eine Position im weltläufigeren Wien zu übernehmen. Verbunden damit war sein Wunsch, den Kirchendienst zu quittieren. Schon 1861 beklagte sich Bruckner bei seinem Freund Rudolf Weinwurm über die »Krähwinkler Charaktere« in Linz. »Ich bin hier oft sehr mißmutig und traurig«, gestand er im März 1864. »Falsche Welt – jämmerliche Pagage.« Unterstützung beim Wechsel nach Wien erhoffte sich der Komponist nicht nur von Weinwurm, dem Musikdirektor der Wiener Universität, sondern auch vom Wiener Hofkapellmeister Johann Herbeck, den er 1861 in Nürnberg kennengelernt hatte. Im Februar 1867 führte Herbeck Bruckners d-Moll-Messe mit einhelligem Erfolg in der Wiener Hofkapelle auf. Dies führte dazu, dass das Obersthofmeisteramt bei dem Komponisten eine weitere Messe in Auftrag gab.

Ausgerechnet in diesem Moment, als er seinem Ziel so nahe war, erlitt Anton Bruckner im Frühjahr 1867 einen Nervenzusammenbruch. Zu dessen Ursachen gehörte neben Überarbeitung wohl auch sein unglückliches Privatleben. Nachdem mehrere Heiratsversuche gescheitert waren, kam es zur schweren Krise. Am 8. Mai wurde der Komponist zur Behandlung in die Kaltwasserheilanstalt Bad Kreuzen eingeliefert. Von dort schrieb er an Weinwurm: »Es war gänzliche Verkommenheit u. Verlassenheit – gänzliche Entnervung u Überreiztheit!!! Ich befand mich in dem schrecklichsten Zustande – […] Noch eine kleine Spanne Zeit, und ich bin ein Opfer – bin verloren.« Doch die Therapie half: Im August fühlte sich Bruckner schon wieder so stabil, dass er aus der Behandlung entlassen werden konnte. Aber zur wirklichen Heilung brauchte er die Musik, musste er wieder komponieren. Am 14. September, zwei Tage nach der Beerdigung seines Lehrers Simon Sechter in Wien, setzte er die Arbeit an der f-Moll-Messe fort, die er in Bad Kreuzen trotz strenger Verbote begonnen hatte. Bruckner fühlte sich noch krank, machte aber rasche Fortschritte. Am 19. Oktober hatte er das Kyrie beendet, am 27. November das Credo. Für gewachsenen Lebensmut spricht auch die Tatsache, dass er sich im Oktober um die Hoforganistenstelle bewarb. Am Weihnachtstag, »nach einer Stunde brünstiger Andacht«, kam es plötzlich zur Eingebung des Benedictus sowie zur Genesung.

Nachdem Bruckner im August des folgenden Jahres auch Sanctus und Agnus vollendet hatte, war seine Messe im September fertig. Zugleich erhielt er die von Herbeck unterzeichnete Ernennung zum k. k. Hoforganisten sowie zum Professor für Generalbass und Kontrapunkt am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde. Die Fron in Linz war damit beendet, der Wechsel nach Wien gesichert. Jedoch die Uraufführung der neuen Messe unterblieb, die Musiker lehnten das Werk als zu schwierig ab. Sogar Herbeck, Bruckners Freund und Förderer, sagte dem Komponisten im Januar 1869 nach einer katastrophalen Probe: »Sie wissen, dass Wagner mit seinem Tristan und ich mit meiner B-Dur-Symphonie uns geirrt haben. Können Sie nicht zugeben, dass auch Sie sich mit dieser Messe geirrt haben?« Bruckner war aber von ihrem künstlerischen Wert überzeugt und sorgte auf eigene Kosten für die Uraufführung. Sie fand am 16. Juni 1872 in der Wiener Augustinerkirche unter seiner Leitung statt und wurde zu einem beachtlichen Erfolg, der nach Herbeck sogar auch Liszt und Brahms überzeugte.

Keineswegs aus Verunsicherung, sondern mit dem Ziel einer weiteren Verbesserung hat Bruckner seine Messe nach der Uraufführung noch viermal revidiert (1876, 1877, 1881 und 1890 – 1893). Nachdem er 1877 sorgfältig das Mozart-Requiem studiert hatte, nahm er Änderungen im Credo vor: Die Violinen verdoppeln nun die Sopranstimmen. Auch die Revisionen von 1881 betrafen vor allem die Instrumentalstimmen. Bruckner ergänzte oder strich einzelne Takte und änderte die Harmonik in den Takten unmittelbar vor »Et incarnatus« und »cuius regni«. 1883 wurde seine endgültige Partitur kopiert. Als am 23. März 1893 eine erste Konzertaufführung der Messe unter Josef Schalk im Großen Saal des Musikvereins stattfand, nahm der Dirigent eigenmächtig noch weitere Änderungen vor. Ohne Rücksprache mit dem Komponisten wurden diese 1894 in den Erstdruck übernommen. Robert Haas (1944) und Leopold Nowak (1960) orientierten sich in ihren Ausgaben der f-Moll-Messe deshalb nicht am Erstdruck, sondern an der Reinschrift von 1883. In der heutigen Aufführung wird die Neuausgabe von Paul Hawkshaw (2005) verwendet; allerdings unter Hinzunahme der Orgelstimme aus der Hass-Edition. Hawkshaw nimmt die Fassung, die Bruckner selbst noch 1893 für den Erstdruck vorbereitet hatte, als Haupttext, ergänzt den Band aber um Teile des Credos aus der Fassung von 1883. Die Dirigenten können zwischen beiden Versionen entscheiden. Unterschiede zu den bisherigen Ausgaben betreffen in der Neuausgabe vor allem das Credo sowie das Ende des Benedictus, das nun nicht mehr zum Tempo primo zurückkehrt, also langsamer endet.

Bruckners f-Moll-Messe, vor der sich um 1900 sogar noch der berühmte Chorleiter Siegfried Ochs fürchtete, gehört inzwischen zu den beliebtesten Chorwerken der Romantik. In ihrer Besetzung ist sie an Beethovens Missa solemnis orientiert, in der chromatischen Harmonik am Werk Richard Wagners. Sonatenprinzipien in Kyrie, Gloria und Credo sowie die motivisch-thematische Verarbeitung stellen diese Messe in die Nähe der Gattung der Symphonie. Das zu Beginn gespielte Kernmotiv – ein demütig hinabschreitender Quartgang – erklingt an wichtigen Schnittstellen und bildet, nun aufsteigend, im »Dona nobis pacem« den Schluss. Als ganz neuartig galten theatralische Momente wie die eingeschobenen »Credo!«-Rufe und der eindrückliche Kontrast zwischen der Seufzermelodik des »passus et sepultus« und dem von Bläserfanfaren unterstrichenen »Et resurrexit«. Den innigsten und wohl auch persönlichsten Teil bildet aber das Benedictus, jene visionäre Eingebung in warmem As-Dur, die Bruckner am Weihnachtstag 1867 eigenen Angaben zufolge zur endgültigen Heilung verhalf. Seine Bitte um inneren und äußeren Frieden war erhört worden.

Albrecht Dümling

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