Berliner Philharmoniker

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Berliner Philharmoniker

Berliner Philharmoniker

Valery Gergiev Dirigent

Denis Matsuev Klavier

Rodion Schtschedrin

Symphonisches Diptychon Deutsche Erstaufführung

Sergej Rachmaninow

Klavierkonzert Nr. 3 d-Moll op. 30

Modest Mussorgsky

Termine

Di, 21. Dez. 2010 20 Uhr

Philharmonie

Mi, 22. Dez. 2010 20 Uhr

Philharmonie

Live-Übertragung

Über die Musik

Auf der Suche nach der russischen Seele

Kompositionen von Schtschedrin, Rachmaninow und Mussorgsky-Ravel

Die drei Komponisten dieses Konzerts verbindet nicht nur ihre Herkunft und die Verwurzelung in der russischen Kultur, sondern auch das Klavier als Ausgangspunkt und besonderes Ausdrucksmittel des Komponierens. Der Zeitgenosse Rodion Schtschedrin ist »gelernter« Pianist (er studierte bei dem über Russlands Grenzen hinaus bekannt gewordenen Pianisten und Klavierpädagogen Jakow Flier). Sergej Rachmaninow war einer der bedeutendsten Klaviervirtuosen des 20. Jahrhunderts, der Anerkennung jedoch vor allem als Komponist suchte. Modest Mussorgsky, der ungewöhnlichste unter den dreien, erhielt als Sechsjähriger von seiner Mutter Klavierunterreicht, eignete sich seine musikalischen Kenntnisse aber im Wesentlichen autodidaktisch an.

Rodion Schtschedrin, 1932 in Moskau geboren, ist einer der bekanntesten und profiliertesten russischen Komponisten der Gegenwart. Er lernte früh Klavier spielen, besuchte die Staatliche Chorschule in Moskau und studierte am Moskauer Konservatorium Komposition und Klavier. Schtschedrin schrieb Werke für fast alle musikalischen Gattungen. Für die Primaballerina des Moskauer Bolschoitheaters, Maja Plissezkaja, mit der er seit 1958 verheiratet ist, verfasste er mehrere Ballette: Carmen-Suite (1967), Anna Karenina (1971), Die Möwe (1979), Dame mit dem Hündchen (1985). Von 1964 bis 1969 lehrte Schtschedrin Komposition am Moskauer Konservatorium. Mehr als ein Jahrzehnt lang war er als Nachfolger von Dmitri Schostakowitsch Vorsitzender des Komponistenverbands der Russischen Föderation. Seit 1992 lebt er abwechselnd in München und in Moskau.

Schtschedrin gelingt es in seinem umfangreichen Œuvre, traditionelle und neue musikalische Formen miteinander zu verbinden. Zunächst folgte er den Modellen von Prokofjew, Schostakowitsch und Strawinsky. Mit den Werken der 1960er-Jahre etablierte er sich dann als »moderner« Komponist in der Sowjetunion: Er bediente sich serieller und aleatorischer Techniken, nutzte das Prinzip der Collage, schrieb auch atonal. In den späten 1960er-Jahren experimentierte er mit Jazz und sogar mit Popmusik und verfocht als »dritten Weg« eine Aufweichung der Grenzen zwischen E- und U-Musik. Vor allem geprägt durch Ferienaufenthalte in der ländlichen Gegend, aus der sein Vater stammte, interessierte Schtschedrin sich schon immer für die musikalische Folklore. »Tschastuschka«-Melodien, kurze expressive, komische Lieder, die von Generation zu Generation mündlich weitergeben werden, spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Die große Affinität zur Volksmusik und zur Literatur seines Landes weist Schtschedrin als typisch russischen Komponisten aus. Der heute 78-Jährige bezeichnete sich selbst als »Post-Avantgardist«, schloss sich nie einer Schule an und unterwarf sich auch nicht bestimmten Moden. Zu Zeiten des Sowjetkommunismus wurde er wegen seiner kosmopolitischen Haltung kritisiert, provozierte mit Werken, agierte aber auch »politisch« als Sekretär des russischen Komponistenverbands.

2002 komponierte Schtschedrin für das New York Philharmonic Orchestra und dessen damaligen Chefdirigenten Lorin Maazel das Bühnenwerk Der verzauberte Pilgerfür drei Solisten, Chor und Orchester. Als Vorlage dieser »Oper für den Konzertsaal« diente der gleichnamige Roman von Nikolai Leskow (1831 – 1895). Im Mittelpunkt von Leskows Roman steht der junge Iwan Sewerjanowitsch Fljagin. Ihn verfolgt der Geist eines Mönchs, den er seinerzeit zu Tode gefoltert hat. Nach Jahren ziellosen Umherwanderns stellt Iwan sich in den Dienst eines Fürsten und verliebt sich an dessen Hof in die schöne Zigeunerin Gruscha. Diese liebt schon den reichen, launischen Fürsten, der sich jedoch nach kurzer Zeit von ihr wegen einer anderen Frau abwendet. In ihren Liebesqualen bittet Gruscha Iwan, sie zu töten. Weil er Gruschas Leiden nicht ertragen kann, erfüllt er schließlich ihren Wunsch und bringt sie um. Am Ende wird er von ihrem Geist in ein Kloster geführt, um Buße zu tun und wird Mönch. Lorin Maazel, der seit den 1990er-Jahren immer wieder Uraufführungen schtschedrinscher Werke dirigiert hatte, bat den Komponisten um eine Oper, die den russischen Nationalcharakter spiegeln und die Tiefen der »russischen Seele« ausloten sollte. Er hatte »etwas Russisches mit alten Gesängen, Glockengeläut, Polowetzern, Zigeunern und einer volltönenden Stimme« im Sinn, und das bekam er auch – mit der Ausnahme, dass die Polowetzer durch Tataren ersetzt wurden. Die Uraufführung am 19. Dezember 2002 in der New Yorker Avery Fisher Hall wie die konzertante und die szenische Premiere im Juli 2007 in St. Petersburg – beide unter Leitung von Valery Gergiev – waren große Erfolge.

Schon 2004 hatte Schtschedrin auf Bitten des finnischen Pianisten Olli Mustonen eine Szene der Oper für Mezzosopran und Klavier arrangiert: Die Zigeunerin Gruscha. 2008 folgte das Symphonische DiptychonBroken songfür großes Orchester. Es enthält Motive der Oper und wiederum das zentrale Thema der Gruscha. Das rund 10 Minuten dauernde Stück besteht aus vier Abschnitten unterschiedlichen Charakters, wobei die drei ersten zusammen etwa so lang sind wie der folgende vierte. Charakteristisch für Schtschedrins Stil sind Anlehnungen an die Zigeunermusik mit raschem Wechsel von langsam und schnell, ein tänzerischer 2/4-Takt, aber auch das plötzliche Abbrechen einzelner Abschnitte sowie die Verwendung thematischer Bruchstücke.

Sergej Rachmaninow, der als Klaviervirtuose und Komponist in der Nachfolge Franz Liszts steht, verstand sich in erster Linie als Komponist – von Klaviermusik, Liedern, symphonischen Werken, Kammermusik und Opern. Nach der Oktoberrevolution von 1917 verließ er seine Heimat und ging nach Amerika, wo er als Pianist zu Weltruhm gelangte. Aus Rachmaninows Feder stammen fünf Werke für Klavier und Orchester: vier Konzerte und eine Rhapsodie. Das für sein amerikanisches Debüt komponierte Klavierkonzert Nr. 3 d-Moll op. 30brachte er am 28. November 1909 in New York mit dem New York Symphony Orchestra unter Leitung von Walter Damrosch zur Uraufführung. Am 16. Januar 1910 gab es mit Gustav Mahler eine zweite Aufführung in der Carnegie Hall. In Russland war das Konzert zum ersten Mal am 4. April 1910 in Moskau zu hören.

Vom Standpunkt des Pianisten aus äußerte sich der Komponist zu seinem Opus 30 folgendermaßen: »Ich glaube fest an das, was man klaviereigene Musik nennen könnte. [...] So viel ist bereits für dieses Instrument geschrieben worden, das nicht seiner Natur entspricht. [...] Rimsky-Korsakow ist wahrscheinlich der größte russische Komponist; doch niemand spielt heute jemals seine Konzerte, da sie nicht klaviermäßig sind. Auf der anderen Seite werden die Konzerte Tschaikowskys sehr oft aufgeführt, da sie gut von Hand zu spielen sind. Von meinen eigenen Konzerten bevorzuge ich das dritte, da mein zweites so unbequem zu spielen ist.«

Das rund 46 Minuten lange Konzert hat einen ausgesprochen symphonischen Zuschnitt. Rachmaninow selbst war der Meinung, es sei zu lang. In den späten 1920er- und frühen 1930er-Jahren spielte er es deshalb in einer gekürzten Fassung. Das dreisätzige Werk ist »klassisch« angelegt, es besticht durch Kantabilität, Eleganz, Farben und Kontraste, auch Stimmungsbilder. Im Kopfsatz, Allegro ma non tanto, wird das kurze erste Thema zunächst vom Klavier vorgetragen und dann an das Orchester weitergegeben. Diesem einfachen Thema stellt Rachmaninow später ein zweites, weniger fließendes, dafür rhythmisch akzentuiertes gegenüber. Die Durchführung bringt stärkere Bewegung in den sonst eher ruhigen Satz. Das mal elegische, mal schwelgende Intermezzo mündet ohne Übergang ins bewegte Finale (Alla breve), an dessen Ende Klavier und Orchester in einen dramatischen Dialog treten. Die Bezeichnung »Konzert für Elefanten«, die der Komponist selbst seinem Werk gab, bezieht sich auf die enormen technischen Anforderungen des Klavierparts. Der berühmte Józef Hofmann, den Rachmaninow nach Anton Rubinsteins Tod für den besten Pianisten hielt, lehnte es ab, das Werk zu spielen – angeblich, weil es zu schwer sei. Doch spätestens seit den 1930er-Jahren gehört dieses Konzert zum Standardrepertoire der meisten Pianisten.

Modest Mussorgsky hinterließ bei seinem Tod einige unvollendete Orchesterwerke. Sie wurden zumeist von seinem Freund Nikolaj Rimsky-Korsakow aufführungsreif gemacht, d. h. bearbeitet, jedoch nicht immer zum Vorteil des Originals, denn Mussorgskys eigenwilliger und unkonventioneller Stil blieb dabei nicht selten auf der Strecke. Das lässt sich beispielhaft an der Symphonischen Dichtung Johannisnacht auf dem Kahlen Berge verfolgen, die im Original weitaus wilder, ja schauriger klingt als die glättende Bearbeitung von Rimsky-Korsakow. Anders verhält es sich indes mit den Bildern einer Ausstellung. Sie scheinen in der Orchesterfassung von Ravel das Musterbeispiel für die ungebrochene Popularität eines symphonischen Stückes zu sein. Ravel brachte mit seiner Orchestrierung des Klavierzyklus Mussorgskys Modernität einem breiten Publikum nahe. Das gilt insbesondere für die Kombination von Farbendarstellung und Expressionismus sowie den damals neuen musikalischen Realismus. Zugleich wird durch die brillante Orchesterbearbeitung das Interesse für das Original immer wieder neu geweckt.

Mussorgsky war ein problematischer Charakter, ein Einzelgänger, der vor allem durch seinen Alkoholismus am Rande der damaligen Gesellschaft lebte. Mit seinen Freunden Mili Balakirew, Nikolai Rimsky-Korsakow, Alexander Borodin und Cesar Cui bildete er das »Mächtige Häuflein«, jene Komponistengemeinschaft, die eine nationale Schule russischer Musik begründete und die sich von der zentraleuropäischen Tradition zu befreien suchte. Unter diesen Neuerern war Mussorgsky sicher der kühnste.

Am 23. Juli 1873 starb in Moskau Mussorgskys Freund Viktor Hartmann. Hartmann war Architekt, Bildhauer und Maler, er zeichnete Kostümentwürfe für Oper und Ballett, verfasste Gedichte und kleinere Theaterstücke. Ein Jahr nach seinem Tod fand in Petersburg eine Gedächtnisausstellung mit seinen Werken statt. Zehn der später größtenteils verloren gegangenen Bildern beeindruckten Mussorgsky ganz besonders und als musikalisches Epitaph für den Freund verfasste er die Bilder einer Ausstellung, einen Zyklus von Klavierstücken, mit denen zugleich das Interesse an den Bildern Hartmanns geweckt werden sollte.

Die einzelnen Stücke des Zyklus sind durch musikalische Einleitungs- und Zwischenteile verbunden. Diese insgesamt fünf Promenaden variieren in Länge und Charakter. Sie beruhen auf einem kirchentonähnlichen Thema, dessen freie Struktur und rhythmische Wechsel an den liturgischen Gesang Russlands erinnern. Mussorgskys Freund Victor Stassow kennzeichnete die Promenaden so: »Hier hat sich der Komponist selber dargestellt, wie er bald links, bald nach rechts geht, bald unschlüssig herumstreicht, bald eilig einem Bild zustrebt; oft auch verdüstert sich sein freudiges Gesicht: dann denkt er traurig an seinen verstorbenen Freund.« Nach der Einleitung, der ersten Promenade, folgen zehn Bilder von sehr unterschiedlichem Charakter:

Gnomus ist ein kleiner, hässlicher Zwerg mit kurzen, krummen Beinen und linkischen Bewegungen. Mussorgsky zeichnet ihn grotesk – mit hüpfenden Phrasen, gebrochener Melodie, jähen Wechseln von Akzenten und Dynamik. Il vecchio castello verbreitet die wehmütige Stimmung in den Ruinen eines alten Schlosses, in denen ein Troubadour sein elegisches Lied (Saxofon) singt. Tuileries ist das kurze Porträt zankender Kinder in den Tuilerien von Paris. Byd?o heißt ein alter polnischer, von Ochsen gezogener Karren, man hört, wie stampfende Hufe sich nähern, vorbeiziehen und wieder entfernen. Die Gangart der Tiere ist »naturalistisch« rhythmisiert, zwei Achtel bedeuten jeweils einen Schritt des Gespanns. Das Ballett der Küchlein in ihren Eierschalen wurde von einer Dekorationsskizze Hartmanns für das Ballett Trilbyinspiriert: Eben geschlüpfte Küken laufen piepsend und tapsig durcheinander (vivo leggiero) und finden nur selten Ruhe, wie die schleppenden Trillerketten im Trio verraten. Im folgenden Bild Samuel Goldenberg und Schmuyle werden zwei polnische Juden charakterisiert: Der reiche, selbstgefällige Goldenberg schreitet bedeutungsvoll (Unisonopassagen), während der arme Schmuyle hektisch bettelnd um ihn herumspringt (gestopfte Trompete). Beide reden aufeinander ein – mit dem Ergebnis, dass der Reiche genug hat und den Armen wegjagt. Der Marktplatz von Limoges ist ein pralles Genrebild. Keifende Marktweiber schreien so sehr durcheinander, dass am Ende nur schierer Lärm bleibt. Auf dem Bild Catacombae stellte Viktor Hartmann sich mit einer Laterne in der Hand durch die Katakomben von Paris gehend dar. Assoziationen an römische Katakomben weckt der Untertitel Sepulcrum Romanum (römisches Grab) des Largo-Teils. Das folgende Andante, ein Dialog des Komponisten Cum mortuis in lingua mortua (»mit den Toten in einer toten Sprache«) ist Mussorgskys eigentliches Memento für den toten Freund. Dem vorletzten Bild – Die Hütte der Baba Yaga – liegt Hartmanns Zeichnung einer holzgeschnitzten Tischuhr in Form einer Hütte auf Hühnerfüßen, ein altrussisches Sagenmotiv, zugrunde. Hier haust Baba Yaga, die berühmt-berüchtigte Hexe der russischen Sage. Sie wird in ihrem wilden Ritt durch die Lüfte gezeichnet. Ohne Übergang folgt als Finale Das große Tor von Kiew, nach einem Bild des großen Kiewer Stadttores (zu einem Entwurf Hartmanns für einen Architektenwettbewerb), durch das Fürsten und andere Würdenträger feierlich in die Stadt einziehen. Es ist eine heroische Szene. Archaische Kultgesänge werden beschworen, der majestätische Umzug steigert sich unter großem orchestralen Aufwand und heftigem Glockengeläut – man fühlt sich an die Krönungsszene in Mussorgskys Oper Boris Godunow erinnert – zu einem prunkvollen Schluss.

Vermutlich gibt es von keinem anderen Werk der Musikgeschichte so viele Bearbeitungen in den verschiedensten Besetzungen: von der Orgel und dem Gitarrenduo bis zum großen Orchester. Schon Nikolai Rimsky-Korsakow orchestrierte zwei Stücke, sein Schüler Michail Tuschmalow instrumentierte 1891 sieben Stücke des Zyklus. 1922 fertigte Maurice Ravel auf Anraten des Dirigenten Sergej Kussewitzky seine Orchesterfassung an, in der nur die fünfte Promenade fehlt. Der Dirigent Leopold Stokowski, selbst ein Meister der Klangfarbenerzeugung und Orchestrierung, verfasste 1938 eine opulente Instrumentation (ohne Tuileries und Der Marktplatz von Limoges). Weitere Fassungen legten z. B. Sergej Gortschakow (1955) und der Pianist und Dirigent Vladimir Ashkenazy (1982) vor. Die englische Rockgruppe Emerson, Lake and Palmer ließ sich 1971 zu einer Popversion mit dem Titel Pictures at an Exhibition anregen, Isao Tomita arrangierte den Zyklus 1975 für Synthesizer, Oskar Gottfried Blarr und Jean Guillou schrieben 1977 bzw. 1988 Versionen für Orgel. 1993 wurde das Werk in der Fassung von Wilhelm Plate auf 44 Flügeln und einem präparierten Klavier musiziert. Mussorgskys Original hat so immer wieder musikalische Bearbeiter unterschiedlicher Couleur interessiert und wird wohl auch weiterhin Musiker zu eigenen Fassungen inspirieren.

Helge Grünewald

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