Berliner Philharmoniker

In meinen Kalender übernehmen merken gemerkt drucken

Berliner Philharmoniker

Berliner Philharmoniker

Andris Nelsons Dirigent

Baiba Skride Violine

Alban Berg

Violinkonzert »Dem Andenken eines Engels«

Dmitri Schostakowitsch

Symphonie Nr. 8 c-Moll op. 65

Termine

Do, 14. Okt. 2010 20 Uhr

Philharmonie

Fr, 15. Okt. 2010 20 Uhr

Philharmonie

Sa, 16. Okt. 2010 20 Uhr

Philharmonie

Live-Übertragung

Über die Musik

Subjektive und kollektive Leidenserfahrungen aus dem 20. Jahrhundert

Alban Bergs Violinkonzert und Dmitri Schostakowitschs Achte Symphonie

Zwischen Alban Berg und Dmitri Schostakowitsch gibt es bei allen – gewiss gravierenden – Unterschieden doch Gemeinsamkeiten, die sich erst auf den zweiten Blick erschließen. Der »Neutöner« Berg berief sich in seinen Kompositionen immer wieder auf klassische Formen. Schostakowitsch war einer der letzten Komponisten des 20. Jahrhunderts, der noch Symphonien im großen Stil schrieb. Berg und Schostakowitsch hatten ein großes Vorbild: Gustav Mahler. Bergs Wozzeck, mehr noch Lulu und Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk sind »Seelenverwandte«. Berg geht mit der Wahl des wedekindschen Sujets (Lulu) abgründigen Seiten der bürgerlichen Gesellschaft des Fin de Siècle nach. Schostakowitsch macht in seiner Oper nach Nikolai Leskows Novelle eine Ehebrecherin und Gattenmörderin zur »Heldin«. Er wählt bewusst ein Sujet aus dem 19. Jahrhundert, interessiert sich nicht für die neue sozialistische Persönlichkeit (wie sie die Politik propagiert), sondern für Individuen, die von Leidenschaften und Trieben gesteuert werden. Schließlich haben Bergs Violinkonzert und Schostakowitschs Achte eine besondere Gemeinsamkeit. Sie entstanden aufgrund gravierender Erfahrungen mit individuellem Leid (bei Berg: Tod eines geliebten Menschen) und kollektiver Deprivation (bei Schostakowitsch: Leiden eines Volkes im Zweiten Weltkrieg).

Leicht verständlich und hoch kompliziert

Mit dem Violinkonzert von Alban Berg verhält es sich eigentümlich paradox. Einerseits gilt es als »leicht verständlich«, erschließt sich dem Hörer fast unmittelbar – nicht der Normalfall für ein Werk der Neuen Wiener Schule. Andererseits handelt es sich um eine hoch komplizierte Komposition, minutiös durchorganisiert, und nicht leicht aufzuführen. Zur Ambivalenz trägt ein Weiteres bei: Dieses erste streng zwölftönig komponierte Solokonzert steht unüberhörbar in der klassischen Tradition. Berg bezieht tonale Reminiszenzen in die Komposition mit zwölf Tönen ein, darin unterscheidet er sich von Schönberg und Webern.

Der äußere Anlass zur Komposition war ein Auftrag des aus der Ukraine stammenden amerikanischen Geigers Louis Krasner (1903 – 1995), der Berg kurz vor dessen 50. Geburtstag im Frühjahr 1935 bat, ein Konzert für ihn zu schreiben. Zum äußeren Anlass kam ein innerer: Am 22. April 1935 starb Manon Gropius, Alma Mahlers 19-jährige Tochter aus der kurzen Ehe mit Walter Gropius, an Kinderlähmung. Berg, ein Freund des Ehepaars Mahler-Werfel, war tief erschüttert; er unterbrach die Arbeit an seiner Oper Lulu und begann wenige Tage später am Wörthersee die Komposition des Violinkonzerts – mit dem Vorsatz, »Wesenszüge des jungen Mädchens [Manon] in musikalische Charaktere umzusetzen«. Er schrieb wie im Fieber, ja »wie ein Rasender« (Mitteilung an Anton Webern) und vollendete das Konzert nach nur vier Monaten am 15. Juli 1935, vier Wochen später lag die Partitur in Reinschrift vor. In einem Brief vom 28. August an den Freund Schönberg berichtet Berg, das Violinkonzert sei bereits seit 14 Tagen »fix [und] fertig: Es ist zweiteilig geworden: jeder Theil zwei Sätze: I a) Andante (Präludium) b) Allegretto (Scherzo) II a) Allegro (Kadenz) b) Adagio (Choralbearbeitung).«

Zum Zeitpunkt der Komposition war Berg bereits gesundheitlich angeschlagen. Ende August verursachte dann ein Insektenstich im unteren Teil des Rückgrats einen Abszess, aus dem sich eine Blutvergiftung entwickelte, an deren Folgen er am 24. Dezember 1935 in einem Wiener Krankenhaus starb. Die Arbeit am dritten Akt der Lulu konnte er nicht mehr abschließen. So wurde das Violinkonzert, sein letztes vollendetes Werk, nicht nur Requiem für Manon Gropius, sondern auch für den Komponisten. Es kam erst einige Monate nach seinem Tod am 19. April 1936 in Barcelona mit Louis Krasner zur Uraufführung. Die großen Geiger des 20. Jahrhunderts nahmen das Ausnahmewerk bald in ihr Repertoire auf. Nach 1945 war es das meistgespielte Werk von Berg.

Das Konzert besteht aus zwei Sätzen, die ihrerseits zweiteilig gebaut sind (Andante – Allegretto, Allegro – Adagio). Das dreiteilige Andante kann als Charakterisierung der jungen Manon Gropius gedeutet werden. Eigentümlich, fast irritierend ist der Beginn: Der Solist streicht sehr zart und zögernd über die leeren Saiten der Geige, als ob er sich und sein Instrument einstimmen wolle. Ohne Unterbrechung folgt ein Scherzo mit zwei Trios (Allegretto) – mit Walzer- und Ländler-Anklängen (Reminiszenzen an Mahler) und der Kärntner Volksweise »Ein Vogerl auf’m Zwetschgenbaum«, freundlich, heiter gestimmt. Der zweite Satz »schildert« Krankheit und Tod der Manon Gropius. Im Allegro kulminiert das Geschehen, erreicht das Konzert überhaupt seinen dramatischen Höhepunkt mit einem fast brutalen Ausbruch des Orchesters, unterbrochen von der Kadenz der Violine. Daran schließt sich das Adagioan mit dem zunächst in den Holzbläsern intonierten Bach-Choral, der zweimal variiert wird. Am Ende schwingt sich die Violine in gleichsam transzendente Höhen, ins Immaterielle auf, ist noch einmal der Beginn des Konzerts zu hören – es herrscht ein traurig-schmerzlicher Ton, man hört ein »Bild des Abschieds« (Willi Reich) mit vielleicht doch auch versöhnlichen Zügen.

Die dem Werk zugrunde liegende Zwölftonreihe besteht aus aufsteigenden Dreiklangfolgen von g-Moll (g-b-d), D-Dur (d-fis-a), a-Moll (a-c-e) und E-Dur (e-gis-h), – wobei der Endton des jeweiligen Dreiklangs der Grundton des folgenden ist – sowie drei Ganztonschritten (cis-dis-f) am Ende. Diese bilden auch den Beginn des Chorals »Es ist genug« aus Bachs Kantate »O Ewigkeit, du Donnerwort«, den Berg in das Finale des Werks aufnahm. Die ersten vier Töne des Chorals entsprechen den letzten vier Tönen der Zwölftonreihe. Die Reihe wiederum wurde so konzipiert, dass sie sich auf die vier leeren Saiten der Geige – g, d, a, e – stützt. Berg hat in der Partitur unter den Choralzitaten die entsprechende Textpassage aus der Kantate eingetragen: »Es ist genug! / Herr, wenn es Dir gefällt, / So spanne mich doch aus! / Mein Jesus kömmt: / Nun gute Nacht, o Welt! / Ich fahr‘ ins Himmelshaus. / Ich fahre sicher hin mit Frieden, / Mein großer Jammer bleibt darnieden. / Es ist genug. Es ist genug.«

Die Stimmung von Abschied, Resignation und Trauer führt häufig zu der Schlussfolgerung, Berg habe bei der Komposition bereits seinen eigenen Tod vorausgeahnt. Der Ton des Violinkonzerts erklärt sich aber eher aus seinen schwierigen Lebensumständen: 1933 wurde er genötigt, seine Ämter im Allgemeinen Deutschen Musikverein niederzulegen. Bald darauf wurde seine Musik als »entartet« gebrandmarkt und in Deutschland mit Aufführungsverbot belegt. Sein Freund Schönberg war bereits in die USA emigriert. Der befreundete Dirigent Erich Kleiber brachte 1934 – erheblichen Widerständen zum Trotz – an der Berliner Staatsoper noch die Lulu-Suite zur Uraufführung und verließ Deutschland aufgrund der darauf folgenden Diffamierungen Anfang 1935. Berg war isoliert. In seinem letzten Lebensjahr befand er sich in keiner guten Verfassung, wie aus einem Brief an Arnold Schönberg vom 30. November 1935 hervorgeht. Trotz positiver Ereignisse, Aufführungen seiner Werke und Fertigstellung des Violinkonzerts, gehe es ihm nicht gut: »Pekuniär nicht [...] Gesundheitlich nicht [...] auch moralisch nicht [...], was Dich von Einem, der plötzlich entdecken musste, dass er in seinem Vaterland nicht bodenständig ist u. auf die Weise überhaupt heimatlos, nicht wundernehmen wird umsomehr als solche Dinge ja nicht reibungslos u. nicht ohne tiefgehende menschliche Enttäuschungen vor sich gehen konnten u. eigentlich fortdauern. Aber es ist gewiß nicht angebracht, daß ich Solches gerade Dir erzähle, der all dies ja in einem gigantischen Ausmaß erlebt hat u. wogegen meine Erfahrungen nur von Taschenformat sind. Schließlich lebe ich in meiner Heimat u. darf meine Muttersprache sprechen.«

Bergs Violinkonzert ist zwar sehr virtuos, aber kein Solistenkonzert im klassischen Sinne, bei dem der Solist das Geschehen stark dominiert und sich selbst gebührend in Szene setzt. Die Solovioline wird oft ins orchestrale Geschehen einbezogen, geht im Orchester auf. Der Orchestersatz ist ebenbürtig, hat nie nur »begleitende« Funktion. Die Komposition ist keine Symphonische Dichtung à la Liszt oder Strauss, aber doch eine Tondichtung bzw. ein dramatisches Konzert, das allein durch den Titel Dem Andenken eines Engels programmatisch bezeichnet ist. Arnold Schönberg bemerkte 1936, nachdem er das Violinkonzert »in einer sehr unvollkommenen Grammophonaufnahme« gehört hatte, über Berg: »Der Ton seiner Musik [gemahnte mich] an den kummervollen Ausdruck seines Gesichtes, den es zeigte, wenn sein freundschaftliches Mitgefühl erregt wurde. Wie leicht war es, dieses Mitgefühl hervorzurufen! Ich hatte stets den Eindruck, als ob er dem Erleben seiner Nahestehenden vorausgelebt habe, als ob er bereits mit ihnen gelitten habe, als sie litten, so dass der eigentliche Bericht ihm nicht unerwartet kam, sondern im Gegenteil alte Wunden aufriss, Wunden, die er sich durch sein Mitfühlen im Voraus selbst zugefügt hatte. ›Dem Andenken eines Engels gewidmet‹: Dieses Kind war ein Engel für ihn, ehe es einer auch für andere wurde. Denn dieser Engel war in ihm.«

Requiem für die Opfer des Kriegs

Programmatisch darf man auch die Symphonie Nr. 8 c-Moll op. 65verstehen, die Dmitri Schostakowitsch in nur 40 Tagen im Sommer des Jahres 1943 während eines Arbeitsaufenthaltes im Haus des sowjetischen Komponistenverbandes in Iwanowo schrieb. Das Werk entstand zu einem Zeitpunkt, da sich die Wende im Krieg abzeichnete: Stalingrad war freigekämpft, die Rote Armee hatte mit der entscheidenden Offensive gegen die deutschen Truppen begonnen. Ist die größtenteils im belagerten Leningrad komponierte Siebte Symphonie, die Leningrader, ein Werk des Protestes gegen die deutschen Invasoren, das siegesgewiss endet, so »handelt« die Achte überwiegend von den Auswirkungen des schrecklichen Kriegs, dem großen Leid, dass er über die Menschen in der Sowjetunion brachte. Doch hat sie neben unüberhörbar traurigen und resignativen Zügen auch verhalten positive und visionäre. Schostakowitsch betonte in einem Interview, das Werk spiegle seine Gedanken, Gefühle und Seelenzustände in Verbindung mit den freudigen Nachrichten über die ersten Siege der Roten Armee. Zugleich habe er versucht, die Nachkriegsepoche vorwegzunehmen. Die ideell-philosophische Konzeption seiner Symphonie charakterisierte er mit den Worten: »alles Dunkle und Schändliche wird vergehen; alles Schöne wird triumphieren.«

Die Moskauer Uraufführung der Achten Symphonie durch das Staatliche Symphonieorchester der UdSSR unter Leitung von Jewgenij Mrawinskij am 3. November 1943 im Rahmen der Feierlichkeiten zum Jahrestag der Oktoberrevolution war ein großer Erfolg. Die Meinungen der Kritiker waren indes geteilt. Die einen warfen dem Komponisten neben konstruktiven Mängeln programmatische vor – wie »expressionistische Verschrobenheit«, das »Überwiegen düsterer Farben« und die Zeichnung des Bildes »eines müden, vom Krieg gebrochenen Menschen« im Finale. Andere betonten die Größe des Werks. Es sei »ein großartiges Dokument, das von unseren komplizierten und schweren Zeiten erzählt« (Schostakowitsch-Biograf Iwan Martynow), ein »episches Lied von tragischem Inhalt und von der grenzenlosen Fähigkeit des menschlichen Herzens, Leid zu ertragen« (Komponist Boris Assafjew). Die neue Symphonie wurde rasch auch weltweit gespielt. Ihre erste Aufführung außerhalb der Sowjetunion fand am 2. April 1944 in New York unter Leitung von Artur Rodzinski statt. Nach Kriegsende war sie in den europäischen Musikzentren – in Paris, Wien, Budapest, Prag, Brüssel und Amsterdam – zu hören, beim Festival Prager Frühling 1947 wurde sie zweimal in Anwesenheit des Komponisten aufgeführt.

In der Form erinnert Schostakowitschs Achte an Symphonien Gustav Mahlers. Sie besteht aus drei symmetrisch angelegten »Abteilungen«. Dem ersten Satz entsprechen in ihrer zeitlichen Ausdehnung die ineinander übergehenden Sätze 3 bis 5. In der Mitte steht das kurze (etwa 7 Minuten dauernde) Allegretto. Den Beginn der Symphonie bildet ein ausgedehntes Adagiomit einem rufartigen Motto der Streicher, auf das ein dunkel getöntes Geigenthema antwortet. Die Exposition ist größtenteils den Streichern und Holzbläsern anvertraut, sie symbolisieren den Ton des Leids. Die dramatische Durchführung ist polyfon, am Ende des Satzes wird es sehr dissonant. Das folgende Allegrettoist ein Scherzo in Rondoform, marschartig, aggressiv, mit grotesken Zügen. »Hinter der effektvollen Exzentrik verbirgt sich ein tiefer Sinn: Die Bilder des Bösen werden auf einen grotesken, satirischen Hintergrund projiziert.« (Lew Danilewitsch). Vor allem der Mittelsatz Allegro non troppomit seiner »Marcatissimo«-Figur steht für die Unmenschlichkeit des Kriegs. Rhythmisch erinnert er an die Form der Toccata, die Melodik ist bewusst einfach und – nicht erst durch das Gassenhauer-Thema der Trompete – banal. Auf seinem gewaltigen Höhepunkt mündet er in das Largo, einen ruhig-friedvollen, meditativen Satz, für den Schostakowitsch die Form der Passacaglia wählte. Das Finale Allegrettosteht zwar in der lichten Tonart C-Dur, verbreitet aber keine affirmativ-positive Stimmung. Dagegen sprechen unter anderem die kammermusikalischen Passagen, der Einbruch der »kriegerischen« Thematik aus dem Kopfsatz sowie der Schluss – klein besetzt und pianissimo.

Natalja Lukjanowa betonte 1982 in ihrem Schostakowitsch Buch: »Man muss hindurch durch die zornigen Schreie, den Kampf und den Schmerz des ersten Satzes, hindurch durch die Schrecken der ›psychologischen‹ Marsch-Attacke des zweiten und dritten Satzes, man muss den Tod erleben, wenn man den Gefallenen im vierten Satz das Requiem singt, man muss erneut durch viele Etappen ungestümen Kampfes im Finale hindurch, um es endlich in der Coda zu erblicken: das zaghafte und vorläufig noch schwach schimmernde Licht – das Licht der Hoffnung, der Liebe und des Siegs.«

Platter Jubel und naiver Optimismus lagen dem scheuen und introvertierten Dmitri Schostakowitsch fern. Selbst wenn er der sowjetischen Kulturpolitik immer wieder Tribut zollen musste, wusste er sich gleichzeitig zu verweigern. Vermeintliche Affirmation in seinen Werken kann immer wieder auch als ihr genaues Gegenteil, ja als Karikatur verstanden werden – das lässt sich exemplarisch beobachten am Ende der Fünften Symphonie, das nur scheinbar jubelnd ist. Im Übrigen überraschte der Komponist nicht nur mit der Achten, sondern auch mit der folgenden Neunten Symphonie. Ursprünglich als Abschluss einer Trias von Kriegs- bzw. Kriegsgedenkensymphonien geplant, entsprach Schostakowitsch nicht den Erwartungen an eine triumphale Neunte. Er griff auch nicht die Tradition auf, die mit einer Neunten Symphonie verbunden ist, sondern komponierte 1945 gegen alle Erwartungen ein klassizistisches, fast heiteres Werk – eine Art »Symphonie classique«.

Helge Grünewald

Newsletter-Service Regelmäßig informiert über das aktuelle Programm und Highlights aus der Welt der Philharmoniker.

Alle Veranstaltungen in der Philharmonie finden Sie auch auf:

Berliner Bühnenzu berlin-buehnen.de