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Familienkonzert – Der »Nussknacker« für Kinder

Bläser der Berliner Philharmoniker

Sarah Willis

Peter Tschaikowsky

Der Nussknacker op. 71 (als Harmoniemusik für Bläsernonett und Kontrabass eingerichtet von Andreas N. Tarkmann, Auszüge)

Dieses Konzert wird kostenlos in der Digital Concert Hall übertragen.

Termine und Tickets

Sa, 11. Dez. 2010 16 Uhr

Philharmonie

Live-Übertragung

Über die Musik

Von Prinzen, Plätzchen und Musik

Die Nussknacker-Suite op. 71a von Peter Tschaikowsky in einer Fassung für Bläser und Kontrabass

Wie ein Ballett entstehen kann

Wunderbar klar und kalt ist die Luft. Die Erde von weißem Raureif bedeckt, der Himmel blauviolett. Eine eigenartige Lichtstimmung ist das; eine, wie man sie nur im Winter sieht. Der Schnee knirscht unter den Füßen. Der russische Komponist Peter Tschaikowsky schlingt den Schal enger um den Hals; in seinem weißen, sorgfältig gestutzten Bart gefriert ihm der Atem zu kleinen Eisblumen. Eine elegante Erscheinung ist er, wie er da so einsam am Flussufer entlangspaziert. Man erzählt sich, dass er immer Bonbons dabei hat, um sie den Kindern zu schenken. Vielleicht erinnert er sich auch mit seinen 51 Jahren noch zu gut daran, wie gern er selbst als Kind Süßigkeiten aß. Mag sein. Jedenfalls spürt er, dass er sehr müde ist, erschöpft von seinen vielen Reisen ins Ausland, die ihn bis nach Amerika führten, und wo seine sechs Symphonien, seine Solo-Konzerte und Opern aufgeführt und teilweise auch von ihm dirigiert wurden. Jetzt tut ihm diese winterliche Ruhe gut, ganz klar wird sein Kopf. Und bald schon, während er die köstlichen Süßigkeiten in der Manteltasche spürt, beginnt dieser Peter Tschaikowsky an seinen neuen Auftrag zu denken.

Der Grund liegt auf der Hand: Auch die Oper in Sankt Petersburg will an seinem Ruhm teilhaben und wünscht von ihm – nachdem er mit seinen Balletten Dornröschen und Schwanensee große Erfolge gefeiert hat – ein weiteres Werk dieser Gattung: das Ballett Der Nussknacker. Das Märchen, das Tschaikowsky in Klänge verwandeln soll, spielt an Weihnachten. In ihrem Zauberschloss zwischen Konfitürenbergen gibt die Zuckerfee ein rauschendes Fest. Und die Vorstellung, wie dem Komponisten im pelzigen Wintermantel beim Gedanken an die zuckersüßen Bonbons die schönsten Melodien einfallen, ist in der Tat herrlich.

Wer die Handlung zum Ballett Der Nussknacker erfand

Dem Ballett Der Nussknacker von Tschaikowsky liegt die märchenhafte Erzählung Nussknacker und Mausekönig von E. T. A. Hoffmann zugrunde. Ernst Theodor Amadeus Hoffmann war ein romantischer Dichter und lebte viele Jahre in Berlin. Weil er den genialen Komponisten Mozart sehr verehrte, legte er sich als junger Mann den Vornamen Amadeus zu. Außerdem liebte er ganz besonders das Absonderliche, das Gruselige, Fantastische und Unglaubliche. Sein Geld verdiente er meistens mit der Juristerei, brach aber auch immer wieder aus seinem geregelten, bürgerlichen Leben aus, um zu dichten, zu komponieren, zu dirigieren – und stolperte dabei nicht nur einmal über seinen übermütigen Schalk, der ungemein scharf gewürzt war mit großem künstlerischen Können.

Ein anderer, nämlich der französische Schriftsteller Alexandre Dumas der Ältere, veränderte das hoffmannsche Märchen ein wenig, und diese Fassung diente dem Ballett schließlich als Grundlage für das sogenannte Libretto, das Textbuch.

Worum es im Ballett Der Nussknacker geht

Es ist Weihnachten. Der Weihnachtsbaum ist geschmückt, die Kerzen brennen. Klärchen, die Tochter des Hauses, bekommt von ihrem Patenonkel Drosselmeyer einen Nussknacker geschenkt. Habt Ihr schon einmal einen Nussknacker gesehen? Das ist ein bunt bemalter, hölzerner Mann, dessen Mund sich am Rücken mit einem Hebel öffnen lässt. In den geöffneten Mund kann man eine Nuss hineinlegen und dann per Hebel die hölzernen Zähne runterdrücken, um die Nuss zu knacken. Was für ein Spaß! Auch Klärchen ist begeistert. So sehr, dass sie den Nussknacker am Abend mit ins Bett nimmt. In der Nacht träumt sie, wie der Nussknacker die Pfefferkuchensoldaten in eine Schlacht gegen das Heer des Mausekönigs führt. Klärchen springt helfend herbei, das Mauseheer wird vertrieben – und der Nussknacker verwandelt sich in einen Prinzen. Klärchen und der verwandelte Prinz machen sich auf und reisen in das Land der Schleckereien. Im Schloss Zuckerburg werden die beiden von der Zuckerfee begrüßt. Ihnen zu Ehren wird ein rauschendes Fest veranstaltet.

Was in einem Ballett genau passiert

In einem Ballett wird, wie Ihr vielleicht wisst, nicht gesprochen. Tänzer, die allein, zu zweit oder zu noch mehreren tanzen, erzählen die Geschichte mit ihren Bewegungen. Die wechselnden Bühnenbilder beschreiben zusätzlich noch die Orte, an denen das Geschehen spielt. Das klingt doch spannend: erzählen, ohne den Mund aufzumachen. Diejenigen, die sich das Erzählen mit dem Körper ausdenken, nennt man Choreografen. Unser Choreograf heute ist Volker Eisenach, und der hat uns drei wichtige Fragen beantwortet:

Was es mit der Musik zu dem Ballett Der Nussknacker von Peter Tschaikowsky auf sich hat

Heute hört Ihr nicht das vollständige Ballett mit der kompletten Musik, sondern die Nussknacker-Suite. Was ist denn eine Suite, werdet Ihr vielleicht fragen. Das Wort Suite kommt aus dem Französischen und bedeutet Folge oder Abfolge. Im 19. Jahrhundert – dem Jahrhundert, in dem auch Tschaikowsky lebte – erfreuten sich Suiten großer Beliebtheit, denn sie waren wie verkürzte, kurzweilige Fassungen eines langen Balletts oder einer Oper, in der das Wesentliche zum Klingen gebracht wurde. Die Folge der einzelnen musikalischen Abschnitte wurde oft durcheinandergewirbelt. Aber immer konnte der Zuhörer die ursprünglich erzählte Geschichte nachvollziehen.

Die Nussknacker-Suite ist sicherlich die beliebteste unter Tschaikowskys Suiten. Beim Zuhören mag man gar nicht still sitzen. Seine großartigen melodischen Einfälle sprudeln einem geradezu entgegen, alles ist wunderbar instrumentiert. In der Ouverture minature spürt man eine tänzerische Leichtigkeit, die Tschaikowsky durch das Weglassen der ursprünglich beteiligten Celli und Kontrabässe erreicht hat. Es folgt ein kleiner Marsch, der ganz leisemit den Klarinetten, Trompeten und Hörnern einsetzt, die dann wiederum – und zwar sehr elegant – von den Streichinstrumenten abgelöst werden. Fast frech und vorwitzig spielen danach die Mirlitons (Rohrflöten) auf. Weil auf dem Fest der Zuckerfee natürlich ordentlich getanzt wird, spielt die Kapelle Tänze aus aller Herren Länder: Im chinesischen Tanz Le Thé erfreut man sich an hohen, beinahe schrillen Klängen. Le Café, der arabische Tanz, wirkt mit seiner besonderen Harmonik dagegen nahezu traurig, während Le Chocolat, der Tanz aus Spanien beschwingt und temperamentvoll anmutet. Der Tanz der Zuckerfee besticht durch seinen silbrigen, märchenhaften Klang, der von der damals gerade erst erfundenen Celesta herrührt, einem Instrument, das Tschaikowsky begeistert einsetzte. Spätestens beim abschließenden Walzer-Finale befindet sich auch der letzte Zuhörer inmitten der Zauberwelt – mit schmelzenden Sahnebonbon-Klängen in den Ohren und dem Geschmack von allerlei süßen Köstlichkeiten auf der Zunge.

Warum es von der Nussknacker-Suite eine Fassung für Bläseroktett, Flöte und Kontrabass gibt

Nicht nur, dass Ihr heute die Nussknacker-Suite hört: Ihr hört sie auch in einer besonderen Besetzung. Kein großes Orchester spielt hier auf, sondern ein Bläseroktett und dazu zwei Gäste, nämlich eine Flöte und ein Kontrabass. Huch, werdet ihr ausrufen: Was ist ein Bläseroktett und warum sind eine Flöte und ein Kontrabass dabei? Ein Oktett ist ein Musikstück für acht Musiker, in unserem Fall sind es acht Blasinstrumente, nämlich zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotte und zwei Hörner. Oft wurde diese Besetzung um weitere Bläser – wie im heutigen Konzert die Flöte – und einen Kontrabass, der zur Familie der Streichinstrumente gehört, ergänzt. Das nannte man auch »Harmoniemusik«.

Und wann brauchte man diese »Harmoniemusik«? Als vor etwa 200 Jahren die Könige und Kaiser ihre rauschenden Feste gaben, hatten sie kleine Orchester mit Streichern und Bläsern, die für sie spielten. Aber die Herzöge und Fürsten, die nicht so viel Gold und Edelsteine wie die Könige besaßen, wollten auch an ihren Höfen einer Musikkapelle zuhören, die ihnen am Abend nach dem Essen etwas vorspielte. Also engagierten sie einfach ein kleineres Musikensemble. So entstanden die »Harmoniemusiken«. Das Gute daran: Sie klangen wunderschön und waren bezahlbar.

Die Fürsten und Adligen hörten gern die neusten »Hits« der damaligen Zeit, und so wurden diese Werke für kleine Besetzungen bearbeitet oder eigens für diese komponiert, zum Beispiel von Wolfgang Amadeus Mozart oder Ludwig van Beethoven. Ein anderer Vorteil war, dass man mit weniger Personen besser reisen und die schönen Melodien auf dem Land, oft unter freiem Himmel, bekannt machen konnte. Außerdem eignete sich so ein kleines Ensemble auch vorzüglich, um der Geliebten ein nächtliches Ständchen zu bringen. Besonders, wenn sich noch der Gesang der Nachtigall daruntermischte.

Was Sarah Willis und Walter Seyfarth zur Nussknacker-Suite und ihren Instrumenten zu erzählen haben

Die Musiker der Berliner Philharmoniker haben sehr viel Spaß daran, bei den Familienkonzerten in der Philharmonie mitzuwirken und denken sich immer wieder tolle Themen aus. Wir haben zwei von ihnen gefragt, was für sie das Besondere an ihrem Instrument und ihrem Beruf ist: die Hornistin Sarah Willis, die auch das heutige Konzert moderiert, und den Klarinettisten Walter Seyfarth.

Christine Mellich

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