Berliner Philharmoniker

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Education

Zukunft@BPhil Familienkonzert

Matthew Hunter Viola und Moderation

Stefan Koncz Violoncello

Simone Bernardini Violine

Christophe Horak Violine

Stefan Litwin Klavier

David Moss Vocalist

1. Familienkonzert – Vom Kaiserreich zur Insel-Hütte

Robert Schumann

Klavierquintett Es-Dur op. 44 (1. Satz: Allegro brillante)

Johann Sebastian Bach

Die Kunst der Fuge BWV 1080 (Auszüge für Klavier, Streichquartett oder Streichquartett mit Vokal-Improvisation)

Arnold Schönberg

Ode to Napoleon Buonaparte op. 41

Robert Schumann

Klavierquintett Es-Dur op. 44 (4. Satz: Allegro ma non troppo)

Termine und Tickets

So, 31. Okt. 2010 16 Uhr

Kammermusiksaal

Über die Musik

Zukunft@BPhil ist die von der Deutschen Bank ermöglichte Initiative der Berliner Philharmoniker mit dem Ziel, die Arbeit des Orchesters und seine Musik einem möglichst breiten Publikum zugänglich zu machen.

Von Politik, Liebe und hoher Kunst

Eine musikalische Spurensuche

Freilich würden wir, wenn wir Könige wären
Handeln wie Könige, aber indem wir wie Könige handelten
Würden wir anders handeln als wir.
Bertolt Brecht

Wer von Euch hat schon einmal eine gezackte Papierkrone getragen oder sogar eine echte Krone aus Gold und Edelsteinen gesehen? Habt Ihr Euch schon mal vorgestellt, selbst ein König oder eine Königin zu sein? Wie es sich wohl anfühlt, über Reichtum und Macht zu verfügen?

Ja, groß und stark und mächtig, so fühlen sich Könige – normalerweise. Und um dieses Sich-mächtig-Fühlen, um die Macht geht es in diesem Familienkonzert. Wie bitte, werdet Ihr fragen, in einem Konzert? Wie kann es in einem Konzert um Macht gehen, wo man doch nur Musik hört? Das stimmt, aber eins dürft Ihr nicht vergessen: alle Komponisten reagieren mit ihren Werken auf ihre Lebensumstände, auf die Politik ihrer Zeit, ihre Familienverhältnisse oder die künstlerische Epoche, in der sie leben. Und immer ging es und geht es bis heute dabei auch um das Thema Macht. Der Einfluss von Macht auf das Schaffen der Komponisten interessiert die beiden Künstler Matthew Hunter (Viola) und David Moss (Sprecher) brennend. Und von ihren ganz unterschiedlichen Formen, nämlich der öffentlichen oder der persönlichen Macht und schließlich von der Macht der Kunst werdet ihr heute etwas erfahren. Wo? In der Musik.

Die erste Komposition, die Euch heute vorgestellt wird, wurde zu einer Zeit geschrieben, in der die politischen Verhältnisse sehr düster waren. Ihr Komponist Arnold Schönberg wurde am 13. September 1874 in Wien geboren. Schon als achtjähriger Junge erhielt er Violinunterricht und fing bald darauf an kleine Stücke zu komponieren. Aber auch in der Werkstatt seines Vaters, dem Schuhmachermeister Samuel Schönberg, soll es ihm gefallen haben. Dort roch es so außerordentlich gut nach Leim und Leder, und viel Werkzeug zum Spielen gab es auch. Ob hier seine Freude am Erfinden entstanden ist? Schönberg hat später nämlich nicht nur ein neues Kompositionsverfahren, die sogenannte Zwölftontechnik entwickelt, sondern auch über solche Dinge wie eine Notenschreibmaschine oder über eine praktische Halterung für Cremetuben nachgedacht.

Nach dem frühen Tod seines Vaters begann der 17-jährige Arnold eine Banklehre, um seine Familie, also die Mutter Pauline und seine Geschwister Ottilie und Heinrich, finanziell zu unterstützen. Gemocht hat Arnold Schönberg diesen Beruf aber nie, und fünf Jahre später beschloss er, fortan seinen Lebensunterhalt als Musiker zu bestreiten. So nahm seine Komponistenlaufbahn ihren Anfang. Abwechselnd wohnte er in Wien und Berlin und führte ein turbulentes Leben: Mal konnte der Tonkünstler große Erfolge feiern, mal löste seine Musik Skandale aus. Bald war er auch ein angesehener Kompositionslehrer. Aber dann, in den 1930er-Jahren, kamen die Nationalsozialisten an die Macht, ein gewisser Adolf Hitler wurde zum Reichskanzler ernannt.

Für Arnold Schönberg, der jüdischer Herkunft ist, wird es lebensbedrohlich. Gemeinsam mit seiner Frau und seinen Kindern verlässt er 1933 Deutschland und gelangt über Paris nach New York. »Vertrieben ins Paradies«, so bezeichnet Schönberg sein Exil, in dem er sich nie heimisch fühlen wird. Als am 7. Dezember 1941 japanische Bomber den amerikanischen Hafen Pearl Harbor angreifen, treten die USA in den Zweiten Weltkrieg ein. Man kann sich die Angst der amerikanischen Bevölkerung vorstellen, deren Heimatland plötzlich auch an dem grauenvollen Blutvergießen beteiligt ist. Vor allem die Menschen, die aus Europa nach Amerika geflohen sind, um Verfolgung und Krieg zu entkommen, geraten in große Sorge.

Die Entwicklungen lassen aus dem eigentlich unpolitischen Menschen Schönberg immer mehr einen politischen Komponisten werden, der schreibt, dass »es eine moralische Pflicht der Intellektuellen ist, gegen die Tyrannei Stellung zu beziehen«. Schönberg reagiert mit Musik auf die politischen Ereignisse und Schreckensnachrichten. 1942 nimmt er sich die Gedichte des englischen Dichters Lord Byron mit dem Titel Ode to Napoleon Buonaparte vor, um sie zu vertonen. Grund genug bietet der Text, denn er ist, so sagt der Komponist, »voller Andeutungen auf Hitler und unsere heutigen Ereignisse«. Mit seiner Musik für Streichquartett, Klavier und Sprechstimme will er »all jene Verbrechen zum Ausdruck bringen, die diesen Krieg hervorrufen«. Im November 1944 wird Schönbergs Ode to Napoleon Buonaparteop.41 in New York im Rahmen der zahlreichen Feiern zu seinem 70. Geburtstag uraufgeführt.

Die Textvorlage von Lord Byron sei »ein Appell gegen Krieg, gegen Macht«, findet auch David Moss, ein Aufruf »gegen Napoleon und Hitler; es ist ein sehr poetischer, sehr starker Text«. Zwar gab es zu Lord Byrons Zeiten – er lebte von 1788 bis 1824 – noch keinen Adolf Hitler, aber Napoleon Bonaparte (1769 – 1821). Der Franzose war ein erbarmungsloser Feldherr, der sich selbst zum Kaiser krönte und in seinem Größenwahn und seiner Selbstherrlichkeit durchaus an Hitler erinnern könnte. Die auf Napoleon gemünzte Passage der Ode mit dem Vers »Ist das der Herr von tausend Reichen / der alle Welt besät mit Leichen?« passt ebenso gut auch auf den deutschen Diktator.

Nicht nur mit dem Text greift Schönberg in seinem Werk das Thema Macht auf. Denn in der neuen, von ihm erfundenen Kompositionstechnik, der Zwölftonmusik, sind alle zwölf erklingenden Töne gleichberechtigt und gleich wichtig. Die Musik ist nicht mehr der Macht einer bestimmenden Tonart unterworfen. Und auch für die Sprechstimme hat sich der Komponist etwas ganz besonderes ausgedacht, denn sie überlässt dem Interpreten viel Handlungsspielraum. David Moss beschreibt diese Freiheit so: »Was Schönberg mit der Sprechstimme macht, ist unglaublich: Er gibt dem Sänger viel Freiheit, allerdings innerhalb festgelegter Grenzen. Mit diesen Freiheiten und Grenzen zu spielen, bedeutet Verantwortung und macht die Musik kraftvoll. Denn die Melodie der Sprechstimme ist nicht genau festgelegt, sondern nur in hohe, mittlere und tiefe Töne eingeteilt. Das heißt, Schönberg hatte eher die Vorstellung von einem bestimmten gefühlsmäßigen Ausdruck. Diesen aber zu gestalten, überlässt er dem Interpreten der Sprechstimme. Das ist eine große Freiheit. Man wird aufgefordert, mit seiner Stimme eine Geschichte zu erzählen, in der alle Gefühle, wie zum Beispiel Wut oder Verzweiflung, zum Ausdruck kommen sollen. Würde man das Stück aber falsch, zum Beispiel so wie ein Opernsänger singen, dann würde es klingen, als wolle man sich darüber lustig machen und die Idee des Textes – nämlich gegen die tödliche Macht anzukämpfen – ginge verloren.«

Die Macht der Liebe

Von einer ganz anderen Art der Macht ließ sich fast genau 100 Jahre früher ein anderer Komponist anregen. Tief empfundene Zuneigung zu einem anderen Menschen hat Robert Schumann zu seiner Musik beflügelt. Und wie um das zu unterstreichen, widmete er sein Klavierquintett Es-Dur op. 44 seiner Gattin, der berühmten Pianistin Clara Schumann. Uraufgeführt wurde es am 8. Januar 1843 vom Leipziger Gewandhausquartett – mit Clara am Klavier. Es zählt bis heute mit Recht zu den populärsten Kammermusikwerken Schumanns.

Doch zuerst musste die innige Liebe der beiden Künstler noch große Hindernisse überwinden: Jahrelang hatte der junge Komponist bei seinem berühmten Klavierlehrer Friedrich Wieck, Claras Vater, vergeblich um Claras Hand angehalten. Kraft seiner Macht als Familienoberhaupt hatte Wieck die Einwilligung zur Hochzeit seiner Tochter mit dem mittellosen Komponisten stets verweigert. Erst durch einen Gerichtsbeschluss wurde die Vermählung möglich. Wenn man sich das Klavierquintett genau anhört, wird man leicht dazu verleitet, in der Musik biografische Hintergründe zu vermuten. Aber das sind nur Vermutungen, denn Schumann hat Wert darauf gelegt festzustellen, dass in seinen Kompositionen keine »wahren« Erlebnisse geschildert werden. Und so bleibt das Quintett das, was es ist: »ein herrliches Werk [...], dabei äußerst brillant und effectvoll«, wie es Clara Schumann nach dem ersten Durchspielen in ihrem Tagebuch notierte.

»Nicht Bach, sondern Meer sollte er heißen«, sagte schon Ludwig van Beethoven

»Die Macht der Kunst der Fuge ist überwältigend. Diese Musik ist nicht nur Musik, sondern sie ist so, dass man nach dem Hören wie verwandelt ist. Man taucht in sie ein, und wenn man wieder auftaucht, ist man an einem anderen Ufer. Das ist der Grund, warum wir Menschen Musik hören.« So beschreibt David Moss die Wirkung, die dieses große Werk von Johann Sebastian Bach, dem bedeutendsten Komponisten des Barockzeitalters, der von 1685 bis 1750 lebte, auf ihn ausübt.

Bachs Zyklus Die Kunst der Fuge besteht aus 14 Fugen und 4 Kanons, die alle auf ein einziges Thema gründen. Dieses Thema – in der Tonart d-Moll – wird in der ersten Fuge vorgestellt und in den folgenden Fugen und Kanons mit unterschiedlichen Besetzungen und vielfältigen musikalischen Gestaltungsmitteln bearbeitet und verändert. Der Arzt und Musiker Albert Schweitzer beschrieb das Hauptthema in seiner Bach-Biografie mit den Worten: »Es ist eine stille, ernste Welt, die es erschließt. Öd und starr, ohne Farbe ohne Licht, ohne Bewegung liegt sie da; sie erfreut und zerstreut nicht, und dann kommt man nicht von ihr los.« Auch David Moss war von den Stücken von Anfang an gefesselt: »Bach war meine erste musikalische Erleuchtung. Als ich im Alter von 15 Jahren das erste Mal die Kunst der Fuge gehört habe, war ich überwältigt. Ich habe die Notwendigkeit dieses musikalischen Ausdrucks gespürt, obwohl ich noch keine Erfahrung mit klassischer Musik hatte. Alles in der Kunst der Fuge muss so sein, wie es ist: die Noten, die Energie, die Struktur. Alles ist kristallklar. Ich habe alles Gehörte gesehen, wie eine Architektur in meinem Kopf. Von dieser Zeit an liebte ich Bach.« Damit steht David Moss allerdings nicht allein. Max Reger etwa, ein anderer berühmter Komponist, notierte über Bach einmal, er sei »Anfang und Ende aller Musik«.

In der letzten Fuge des Zyklus’ verwendet Bach die Töne seiner Initialen: B-A-C-H. Leider blieb sie unvollendet, denn der große Komponist starb, bevor er sie beenden konnte. Im heutigen Konzert wird diese Fuge aber nicht abrupt abbrechen, sondern in der Stimme von David Moss weiterleben, wenn der Stimmkünstler zu improvisieren beginnt. »Man improvisiert über etwas, das man kennt und mit dem Bekannten macht man dann etwas Neues. Ich spiele mit den musikalischen Elementen. Dieses Spielen ist für mich das Wichtige und ich tue es zum Beispiel auch mit Bachs Kunst der Fuge. Eigentlich ist Improvisieren ein reines Spiel mit der eigenen Intelligenz und der eigenen Liebe zur Musik.«

Moss liebt das Werk nicht nur, er kennt es auch sehr gut. »Ich improvisiere mit den Melodien und den Rhythmen. Mit meiner Improvisation will ich Bach auch ein Stück weit erklären und lebendig machen. Viele Leute meinen, dass man nicht in seine Musik eindringen kann, weil sie so vielschichtig und kompliziert ist. Aber ich sage: Nein, schaut Euch die Stimme hier an, und dann diese und diese und so weiter. Die Schönheit von Bachs Kompositionen versteht jeder.«

Christine Mellich

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