Berliner Philharmoniker

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Orchester-Akademie

Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker

Akademie III - Neue Welten

György Ligeti

Kammerkonzert

Steve Reich

Duet für zwei Violinen und Streicher

Bernd Alois Zimmermann

Rheinische Kirmestänze

Igor Strawinsky

Bläseroktett (Fassung von 1923)

Steve Reich

Nagoya Marimbas

György Ligeti

Mysteries of the Macabre drei Arien aus der Oper Le Grand Macabre (Fassung für Solo-Trompete in C und Kammerorchester von Elgar Howarth)

Termine

Mi, 04. Mai 2011 20 Uhr

Kammermusiksaal

Über die Musik

Neue Welten

Werke des 20. Jahrhunderts von György Ligeti, Steve Reich, Bernd Alois Zimmermann und Igor Strawinsky

Stets auf der Suche nach neuen Welten

»Ich habe die Neigung, meine Arbeitsweise zu ändern, sobald eine Vorstellung verwirklicht ist.« Diesem Arbeitsanspruch und dem Wunsch nach ständiger Erneuerung konnte György Ligeti (1923 – 2006) in seiner ungarischen Heimat jedoch nur schwer gerecht werden. Die kulturelle Zwangsisolation im stalinistischen Ungarn gab keinen Raum für die unerschöpfliche Neugier und Wissbegierde des jungen Komponisten. Die Zeugnisse der aktuellen kompositorischen Entwicklung der Nachkriegsavantgarde waren nicht regimekonform und somit verboten, weggeschlossen und unzugänglich.

Seine Ankunft in Köln im Jahre 1957 stellte daher den Aufbruch in eine neue Welt dar. Nach der Flucht aus Ungarn in eins der Zentren Neuer Musik fand er sogleich Aufnahme im Kreis derjenigen Komponisten, die als Vorreiter die Entwicklung der seriellen Musik vorantrieben. Daneben hatte auch die Beschäftigung im elektronischen Studio des Westdeutschen Rundfunks großen Einfluss auf Ligetis kompositorisches Schaffen, war er doch schon immer fasziniert von einer technisierten und maschinellen Klangsprache. Das 1969/70 komponierte Kammerkonzertfür 13 Instrumentalisten birgt eine Vielzahl der von Ligeti bis dahin verwendeten Kompositionstechniken. Die traditionell anmutende Bezeichnung des Werks als »Konzert« rechtfertigt Ligeti so: »Das viersätzige Werk ist insofern ein Konzert, als alle 13 Spieler gleichberechtigt sind und virtuose solistische Aufgaben haben. Es handelt sich also nicht um ein Wechselspiel von Soli und Tutti, sondern um ein konzertantes Miteinander aller Spieler. Die Stimmen verlaufen stets gleichzeitig, doch in verschiedenen rhythmischen Konfigurationen und meist in verschiedenen Geschwindigkeiten.«

Wie die Satzbezeichnungen schon anzeigen, beinhalten die vier Sätze unterschiedliche Bewegungscharaktere. Der erste Satz, überschrieben mit Corrente(fließend), demonstriert die von Ligeti entwickelte Satztechnik der Mikropolyfonie. Durch seine kanonische Struktur und die kleinsten schnellen Figuren mit geringem Tonumfang, entsteht der Höreindruck eines undurchsichtigen, netzartigen Gewebes. Calmo, sostenuto(ruhig, getragen)erscheint der zweite Satz. Im Gesamtklang eher ruhig und statisch, stechen nun einzelne Instrumente mit melodischen Linien hervor. Ligetis Affinität zu Maschinen und Mechanik drückt sich im dritten Satz aus, Movimento preciso e meccanico(präzise und mechanisch). Die Instrumente »ticken« durch Tonrepititionen im Stakkato wie ein Uhrwerk, jedes jedoch ganz individuell. Es laufen also 13 verschiedene Tempi nebeneinander her. Das rhythmische Chaos – die überstrapazierte Mechanik – endet im Totalzusammenbruch und kommt nach ein paar letzten Akzenten zum Stillstand. Als Modell diente Ligeti hier sein Poéme Symphonique für 100 Metronome aus dem Jahr 1962. Der vierte Satz, das Presto,fordert von den einzelnen Instrumentalisten ein enormes Maß an Virtuosität. In wahnwitzig schnellen Kadenzen tun sie sich (sogar der Kontrabass) in Einzelvorträgen hervor. »Die Musik wird gleichsam in Fetzen zerrissen und gerät schließlich ganz aus den Fugen. Teile von Melodien tauchen auf, doch führen sie zu nichts und nirgendwohin. Es ist, als ob die Musik mit Schlingpflanzen durchwachsen wäre.« (György Ligeti)

Virtuosität wird auch dem Solisten der Mysteries of the Macabre abverlangt. Schon Mitte der 1960er-Jahre hegte Ligeti den Gedanken, einen Schritt in die für ihn bis dahin neue Welt der Oper zu wagen. Nach mehreren gescheiterten Anläufen begegnete ihm 1973 der geeignete Stoff für seine musikalisch-dramatischen Ideen: La Balade du Grand Macabre des belgischen Dramatikers Michel de Ghelderode. Das Stück entsprach genau seinen Vorstellungen, die »um irgendein tragikkomisches, übertrieben schreckliches und doch nicht wirklich gefährliches ›Jüngstes Gericht‹ kreisen«. Bühnengeschehen und Musik sollen »gefährlich bizarr, ganz übertrieben, ganz verrückt, hyperfarbig und comicartig sein«.So präsentierte sich die Oper Le Grand Macabre bei ihrer Uraufführung 1978 in Stockholm in der »kaputten und doch glücklich gedeihenden, versoffenen, verhurten Welt des imaginären Breughelland«,der der Untergang droht. Überbringer dieser Katastrophennachricht ist der Chef der Geheimen Politischen Partei, Gepopo. (Eine deutliche Anspielung auf Ligetis erlittene Regimeerfahrungen). In drei Koloratursopran-Arien stottert und spukt Gepopo hysterisch-grotesk in unverständlichen Wortfetzen, dass der große Makabre kommen wird.

Der mit Ligeti befreundete britische Dirigent und Komponist Elgar Howarth hat die drei Arien als Mysteries of the Macabre im Jahr 1991 für die Konzertbühne bearbeitet und sah hierfür zwei verschiedene Besetzungsmöglichkeiten vor. Er machte so aus der Not eine Tugend: Als 1987 bei einer konzertanten Aufführung des Macabre auf seinen Vorschlag hin der Trompeter Håkan Hardenberger kurzfristig den anspruchsvollen Solopart für die erkrankte Sopranistin übernommen hatte, fand Ligeti diese Lösung interessant und autorisierte Howarth daraufhin, die Szenen auch für Trompete und Ensemble zu bearbeiten. Das Orchester begleitet den Solisten auf grotesk-komische Weise, etwa durch zischende Vokallaute, Trillerpfeifen und das kreischende Zählen eines Countdowns. So beinhaltet die Besetzungsliste auch ein äußerst ungewöhnliches Klangwerkzeug: ein Blatt festes Packpapier. Man darf gespannt sein!

Sophia Pick

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