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Concerto Köln

Philippe Jaroussky Countertenor

Arien von Antonio Caldara nach Libretti von Pietro Metastasio sowie Werke von Evaristo Felice Dall'Abaco, Giovanni Battista Sammartini und Antonio Vivaldi

Termine

So, 28. Nov. 2010 20 Uhr

20:00 | Philharmonie

Über die Musik

Die »preiswürdige Musik« des kaiserlichen Vizekapellmeisters

Der italienische Opernkomponist Caldara und seine Zeitgenossen Dall’Abaco, Sammartini und Vivaldi

Am Karlstag des Jahres 1719, dem 4. November, berichtete das Wienerische Diarium von den Zeremonien zum Namenstag Kaiser Karls VI.: »Diesen Vormittag haben sich die Römisch-Kaiserlich und Königlich-Catholische Majestäten / in Begleitung des Päbstlichen Nuntius / Monsignor Spinola, [...] in die Kaiserliche Pfarr-Kirche bey St. Michael erhoben [...] darauf Dieselbe das Mittagsmahl in der Kaiserlichen Burg unter einer herrlichen Tafel-Music öffentlich eingenommen / so dan des Abends / nebst den Durch-leuchtigsten Erz-Herzoginnen / der Opera beygewohnet; In der sich auch der hier anwesende Türkische Herr Groß-Botschafter / Ibrahim Bassa etc. eingefunden.«

Nach dem Friedensschluss mit den Türken hatten sich die Beziehungen zwischen der Hohen Pforte und Wien normalisiert. So kam es an jenem Novemberabend zu einer kuriosen interkulturellen Begegnung: Der Türke Ibrahim Bassa erlebte am Wiener Hof des katholischen deutschen Kaisers eine italienische Oper über die Geschichte des römischen Konsuls Lucius Papirius, gedichtet und vertont von zwei kaiserlichen Hofkünstlern aus Venedig: dem Hofpoeten Apostolo Zeno und dem Vizekapellmeister Antonio Caldara.

Karriere zwischen Rom, Barcelona und Wien

Anno 1719 war der Name Caldara der Wiener Zeitung noch keine Erwähnung wert, denn der Venezianer war ein relativer Neuling am Kaiserhof. Lucio Papirio dittatorewar seine fünfte große Oper für Wien, erst im Mai 1716 hatte ihn sein römischer Dienstherr Francesco Maria Ruspoli ziehen lassen. Acht Jahre lang hatte Caldara dem sagenhaft reichen römischen Adligen gedient, und zwar als Nachfolger des jungen Georg Friedrich Händel. Seit 1709 behauptete sich der Venezianer im römischen Musikleben mit Oratorien und Kantaten, die seinen Ruhm bald weit über die Mauern der Ewigen Stadt hinaustrugen. Dieser römische Ruhm und die Feldzüge des Spanischen Erbfolgekrieges ebneten ihm den Weg nach Wien. Der habsburgische Erzherzog Karl trotzte als spanischer Gegenkönig den Ambitionen der Bourbonen auf der iberischen Halbinsel, bis er 1711 überstürzt nach Wien aufbrechen musste, um seinem plötzlich verstorbenen Bruder Joseph I. auf den Kaiserthron zu folgen. Fortan wurde er als Kaiser Karl VI. Caldaras eifrigster Förderer, was mit zwei Opern aus den spanischen Jahren zusammenhing. Um seinen Machtanspruch zu untermauern, gab Karl 1708 bei Caldara eine Huldigungsoper zu Ehren seiner Gemahlin in Auftrag: Il più bel nome. Sie wurde in Barcelona aufgeführt wie das Gegenstück zu Karls eigenem Namenstag: Il nome più glorioso. Dieses Opernpaar muss das Herrscherpaar so tief beeindruckt haben, dass es später versuchte, Caldara an seinen Wiener Hof zu ziehen.

Der geschäftstüchtige Venezianer nutzte die nächste Gelegenheit, um sich in Erinnerung zu rufen. 1711 ließ er sich in Rom beurlauben, damit er in Mailand dem durchreisenden, zukünftigen Kaiser aufwarten konnte. Der lud ihn zwar nach Wien ein, doch zur Anstellung kam es vorerst nicht: Karl VI. ernannte zunächst den bewährten Steirer Johann Joseph Fux zum Vizekapellmeister. Caldara ging nach Rom zurück und diente weiter Ruspoli, bis endlich 1715 Fux zum Hofkapellmeister aufrückte und den Posten des Vizekapellmeisters frei machte. Schon ab Frühjahr 1716 bezog Caldara aus Wien sein Gehalt und im Herbst ließ er sich dort nieder. Fortan schuf er fast zwei Jahrzehnte lang große Opern und Oratorien zum Ruhme des Erzhauses, eingespannt in den festen Rhythmus der kaiserlichen Namens- und Geburtstage. Obwohl Caldara nominell nur Vizekapellmeister war, verraten die Gehaltslisten die wahren Sympathien des Kaisers: Der Venezianer bezog ein höheres Salär als Fux. Als er 1736 starb, munkelte man, dass dem Kaiser »nach Caldara kein anderer Komponist jemals wieder gefallen würde.« So schrieb dessen Nachfolger Lucantonio Predieri an Padre Martini.

Caldara und Metastasio

Auch in den Zeitungen avancierte Caldara mit den Jahren zur festen Größe. Im November 1734 nannte das Wienerische Diarium ehrfürchtig den Namen »Antonius Caldara« und rühmte seine »auf das preiswürdigste erfundene« Musik in der neuen Oper La clemenza di Tito. Der von Mozart her bekannte Titel dieses Werks verweist auf einen musikgeschichtlich bedeutsamen Umstand: In seinen Wiener Jahren vertonte Caldara einige der berühmtesten Libretti des kaiserlichen Hofpoeten Metastasio als erster Komponist überhaupt. Obwohl der Römer Metastasio alias Pietro Trapassi die konservative Musik des Venezianers nicht sonderlich schätzte, musste er sich damit abfinden, dass seine Libretti in der Regel zuerst von Caldara vertont wurden, darunter so berühmte Operntexte wie Demofoonte, L’Olimpiade, La clemenza di Tito oder Adriano in Siria.

Alle diese Opernpartituren sind in der Österreichischen Nationalbibliothek erhalten. Dennoch haben sich heutige Barockspezialisten bislang kaum mit dem Opernkomponisten Caldara beschäftigt, wurden doch seine Fassungen der Metastasio-Libretti bereits im 18. Jahrhundert von weitaus berühmteren Vertonungen verdrängt: den Opern von Pergolesi und Galuppi (L’Olimpiade), Gluck und Mozart (La clemenza di Tito), Jommeli und Graun (Demofoonte). An den Arien, die Philippe Jaroussky ausgewählt hat, kann man das Dilemma des Opernmaestro Caldara gut ablesen: Die Arie des Sesto »Se mai senti spirarti sul volto« aus La clemenza di Tito wurde in der Vertonung von Gluck so berühmt, dass man sich angesichts der verführerischen Klangaura dieser Arie und ihrer gewagten Dissonanzen nicht mehr an die gleichsam »steifere« Fassung von Caldara erinnerte. Ähnliches lässt sich von der berühmtesten Nummer aus Metastasios Demofoonte sagen: Timantes Klagegesang »Misero pargoletto«. Der Prinz steht am Bett seines kleinen Sohnes und beklagt dessen trauriges Schicksal. Wer schon einmal die hinreißenden Klagetöne gehört hat, die Carl Heinrich Graun 1746 in Berlin diesem Text entlockte, wird Caldaras Version als typisch barock empfinden. Sie ist zwar venezianisch üppig im Streicherklang, ausdrucksstark in der Führung der Singstimme, bachisch reich an Zwischendominanten, doch ihr fehlt jene Empfindsamkeit des Melos, mit der Metastasio für seine schönen Verse rechnen durfte.

Während sich die Arien aus Caldaras letzten Lebensjahren am Ideal des gerade entstehenden »galanten Stils« messen lassen mussten, durfte er in seinen ersten Wiener Opern noch sozusagen ungehemmt barock komponieren – auf leidenschaftliche Texte, die ihm Metastasios Vorgänger Apostolo Zeno an die Hand gab. Davon zeugen die beiden Arien aus der Ifigenia in Aulide von 1718 und dem Lucio Papirio dittatore von 1719.

Caldaras letzte Oper für Wien war der Temistocle, uraufgeführt zum kaiserlichen Namenstag 1736. Die Wiederholung dieser Oper fand am 5. Dezember statt, drei Wochen später starb der Komponist. Das Drama des athenischen Feldherrn Themistokles war ein würdiger Abgang von der Opernbühne. In dramatischen Szenen schilderten Metastasio und Caldara, wie der Sieger über die Perser in der Seeschlacht bei Salamis ausgerechnet beim früheren Feind Asyl suchte, nachdem ihn die Athener verbannt hatten.

Wiener Hofmusik

Für die Ausführung seiner Opern konnte Caldara mit einigen der besten Stimmen seiner Zeit rechnen. Auch in dieser Hinsicht wird die Wiener Hofoper des Spätbarocks heute gerne unterschätzt, obwohl sie sich neben Dresden, Venedig und London spielend behaupten konnte. Farinelli und die Faustina gastierten hier für einzelne Spielzeiten, die Kastraten Carestini, Monticelli und Salimbeni begannen am Kaiserhof ihre Karrieren. Von allen diesen Sängern haben sich in zeitgenössischen Quellen enthusiastische Beschreibungen erhalten wie jene von Johann Joachim Quantz, dem Flötenlehrer Friedrichs des Großen, über den Altkastraten Gaetano Orsini verfasste: »Einer der größten Sänger, die jemals gewesen; hatte eine schöne, egale und rührende Contraltstimme von einem nicht geringen Umfange, eine reine Intonation, schönen Trillo und ungemein reizenden Vortrag. Im Allegro accentuierte er die Passagen, besonders die Triolen mit der Brust sehr schön, und im Adagio wusste er auf eine meisterhafte Art das Schmeichelnde und Rührende so anzuwenden, dass er sich dadurch der Herzen der Zuhörer im höchsten Grade bemeisterte.«

Zu den glänzenden Stimmen kam ein prachtvoll besetztes Orchester hinzu. Um 1730 verfügte die Wiener Hofkapelle über 30 Geiger und Bratschisten, acht Cellisten und drei Violone-Spieler sowie doppeltes Holz und ein Heer von virtuosen Posaunisten und Trompetern. Da dieses Orchester nicht nur in Caldaras Opern glänzen durfte, sondern auch mit so mancher »herrlichen Tafel-Music« der kaiserlichen Familie aufwartete, hat Concerto Köln drei instrumentale Intermezzi ins Programm aufgenommen. Sie stammen von oberitalienischen Kollegen Caldaras.

Evaristo Felice Dall’Abaco begann seine musikalische Karriere am Hof der d’Este in Modena – unweit von Mantua, wo damals Caldara im Dienst der Gonzaga wirkte. Die beiden Cellisten und Komponisten waren also unmittelbare Konkurrenten und dienten auch später politisch rivalisierenden Herren: Dall’Abacos bayerischer Dienstherr, Kurfürst Max Emanuel, stellte sich im Spanischen Erbfolgekrieg auf die Seite des Sonnenkönigs und wurde dafür mit der Reichacht belegt. In den Exilresidenzen seines Herrn – Brüssel, Luxemburg, Mons und schließlich auch Versailles – konnte Dall’Abaco als einer der wenigen Italiener seiner Generation den französischen Stil aus nächster Nähe studieren. Für seine kompositorische Entwicklung hatte dies Folgen. Während seine Concerti grossi op. 2 noch ganz unter dem Eindruck Corellis standen, zeichnete sich das Concerto e-Moll op. 5Nr. 3 von 1719 durch französische Suitensätze und Anleihen bei der Pariser Oper aus. Der vierte Satz des Konzerts ahmt eine »Tempête« nach, eine Sturmszene aus der französischen Oper, in der ein Naturidyll urplötzlich von einem furiosen Prestissimo unterbrochen wird. Ein Paar munterer »passepieds« beschließt dieses Concerto, in dem zwei Traversflöten auf fast telemannische Art mit den Streichern konzertieren.

Noch »galanter« wirkt die Musik von Giovanni Battista Sammartini, der im habsburgisch regierten Mailand für seine modernen Streichersinfonien berühmt wurde. In Venedig dagegen war es Antonio Vivaldi, der Kaiser Karl VI. einen Band Concerti dedizierte und auch sonst zu den Zentren des Habsburgerreichs beste Verbindungen unterhielt. Sein Cellokonzert d-Moll ist ein stürmisches Stück Barockmusik, mit rauschenden Klangflächen im ersten Satz, einem klagenden Solo über absteigenden Halbtönen im Mittelsatz und einem furiosen Finale. Es hat sich in der Musiksammlung eines kaisertreuen Adligen im fränkischen Wiesentheid erhalten, des Grafen Rudolf Franz Erwein von Schönborn. Dort ruhen noch heute 20 Cellokonzerte Vivaldis neben 17 Cellosonaten von Antonio Caldara.

Karl Böhmer

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