Programmheft Nr. 51 zum 21.02.2010

Wie ein Tanz auf Schnittlinien


Elisabeth von Rumänien alias Carmen Sylva

Die Geschichte kennt zahlreiche Herrscherinnen, die Künste und Künstler förderten, die selbst auch dichteten, komponierten oder malten. Allein unter den europäischen Herrscherinnen sind dabei klangvolle Namen: Christina von Schweden etwa, die Bibliotheken gründete, Universitäten förderte, Gemäldesammlungen unterhielt, Gelehrte unterstützte und als Mäzenin von Künstlern und Musikern auftrat. Oder Wilhelmine von Bayreuth, die Schwester Friedrichs des Großen, die selbst komponierte, Opern inszenierte, malte und sich auch der Architektur zuwandte. Weitere Namen wären zu nennen, und so individuell jeder davon für eine Mischung aus Kunstverstand, Gelehrten- und Mäzenatentum steht, immer ist es eine besondere Liaison zwischen weltlicher Macht und Kunst, zwischen realem Herrschen und der ästhetischen Aneignung der Welt.

Diese Liaison ist es auch, die das Leben der Prinzessin zu Wied, der späteren Elisabeth von Rumänien prägte, einer Herrscherin, die sich selbst einen Künstlernamen gab: Carmen Sylva. Dass sie in Rumänien, ihrer neuen Heimat, eine künstlerische Aneignung der ihr zunächst fremden Welt suchte, dass sie in eigenem künstlerischen Tun und in der Förderung der nationalen Kultur ihre Aufgabe als Königin auch sah, macht den schillernden Charakter dieser Frau aus. Weit entfernt von Fragen der literarischen Qualität - der Vorwurf der Vielschreiberei begleitet ihr dichterisches Œuvre bis heute - ist es just diese Melange von Macht und Kunst, die den Salon der Elisabeth von Rumänien zu einem Brennspiegel der Kultur(en) der Jahrhundertwende machte.

Fraglos ist dabei die Biografie der Elisabeth von Rumänien durchtränkt von Momenten der Selbstinszenierung. Wie könnte es anders sein? Als Prinzessin, deren Leben in der europäischen Hocharistokratie vorgezeichnet war und die sich doch lange einer Heirat widersetzte - als künstlerisch ambitionierte Frau, die sich der Musik ebenso verbunden fühlte wie der Dichtkunst - als Königin eines höchst fragilen Reiches, das in den Turbulenzen europäischer Machtpolitik hart um Identität und Unabhängigkeit rang. Jede dieser drei Facetten ihrer Existenz forderte eine Strategie, sich selbst zu inszenieren, die nicht nur eine Verortung des eigenen Ichs, sondern vor allem auch Halt in den Unwägbarkeiten der Zeitläufte bieten musste. Dass für diese drei Hauptlinien drei Namen stehen - Elisabeth zu Wied - Carmen Sylva - Elisabeth von Rumänien - scheint daher nur konsequent, ebenso wie die zum Teil gelingenden, zum Teil scheiternden Versuche, die drei Hauptlinien zu einem homogenen Ganzen zu verschmelzen. Drei Namen - drei Identitäten, zusammengefasst in einer Biografie, die einem Tanz auf Schnittlinien gleicht.

Dass die Methoden der Selbstdarstellung von Künstlerinnen und Herrscherinnen im 19. Jahrhundert durchaus einander ähnelten, zeigte Janina Klassen jüngst in ihrer Clara-Schumann-Biografie: Die Inszenierungen von weiblicher Macht, wie sie für Luise von Preußen (1838 - 1913) charakteristisch waren, standen etwa für die junge Pianistin Clara Wieck als Identifikationsfolie zur Verfügung, die von Queen Victoria für die ältere Clara Schumann. Insofern ist eine Überlagerung dieser beiden künstlerisch-majestätischen Imagestrategien bei Elisabeth von Rumänien alias Carmen Sylva geradezu naheliegend, zumal die junge Elisabeth zu Wied Clara Schumann gut kannte, bei ihr Unterricht nahm und sie als Pianistin hoch verehrte. Carmen Sylvas Biografin Mite Kremnitz, eigentlich Marie von Bardeleben, Vorleserin und Hofdame Elisabeths von Rumänien, beschrieb beispielsweise das Auftreten der Königin - kaum zufällig - auch mit musikalischen Metaphern: »Was [die Fürsten] persönlich erleben, tun und denken hat eine einen doppelten Resonanzboden, den eigenen und den der Allgemeinheit. Ausserdem spielt sich ihr ganzes Leben wie auf einer Bühne ab. Eine grosse Achtsamkeit auf sich selbst, eine stete Aufmerksamkeit auf die Art, wie sie wirken, ein unaufhörliches Bewusstsein ihrer Wichtigkeit bleiben nicht ohne Einfluss auf ihren Charakter.« Und für ihre Selbstinszenierung als Dichterin wählte Elisabeth von Rumänien eine Strategie, die man als eine der romantischen Überhöhung bezeichnen könnte, die sich letztlich aber auch als politischer Brückenschlag einer Deutschen in Rumänien lesen lässt. Erkennbar ist dies etwa an jenen Gedichtzeilen, die über den Grundgedanken ihres Pseudonyms Auskunft geben:

Carmen das Lied und Sylva der Wald.
Von selbst gesungen das Waldlied erschallt.
Und wenn ich nicht am Wald geboren wär',
Dann säng ich die Lieder schon selbst nicht mehr.
Den Vögeln hab' ich sie abgelauscht,
Der Wald hat sie mir zugerauscht,
Vom Herzen tät ich den Schlag dazu,
Mich singen der Wald und das Lied dazu!

Die Überhöhung der eigenen Person durch gleichsam überpersönliche Metaphern spielt dabei geschickt mit der Aura des Ursprünglichen und der Naturverbundenheit. Zugleich griff Elisabeth von Rumänien mit »Lied« und »Wald« Metaphern auf, die zu den zentralen, dabei transnationalen der Romantik gehörten, und machte sie zu ihrem Namen und damit zum Kern der Darstellung der eigenen Persönlichkeit. Als Dichterin trat sie damit in einen pantheistischen Hintergrund, zugleich konnte sie über die gewählten Metaphern alte und neue Heimat durch das Band der Naturhaftigkeit verweben. Und mit der Selbstinszenierung einer aus der Natur schöpfenden Dichterin war zudem der politische Brückenschlag zu meistern: im Sinne sowohl einer nationale Grenzen überschreitenden Naturphilosophie als auch der ästhetischen Aneignung einer neuen und fremden Welt.

Bei der Frage, aus welchen Ideen Carmen Sylva diese Strategien zu einer transnationalen Identität entwickelte, fällt immer wieder der Hinweis auf ihre »Liebe zum Wald [...] als inspirierende Quelle ihrer Dichtung« und ihre Herkunft: Aufgewachsen in den Wäldern um Monrepos, den fürstlichen Besitzungen der Familie zu Wied in der Nähe von Neuwied, galt die junge Elisabeth als wildes, kaum zu bändigendes, quasi naturhaftes Kind, das das zügellose Spiel im Freien liebte. Auch nach ihrer Heirat mit Karl von Hohenzollern-Sigmaringen und dem damit verbundenen Umzug nach Rumänien, einem ihr fremden Land, dessen Sprache sie nicht sprach, waren es die Wälder der Karpaten, die ihr ein Heimatgefühl vermittelten. Auf diese Weise scheint ihre Liebe zur Natur tatsächlich ein Bindeglied zwischen alter und neuer Heimat gewesen zu sein.

Doch das Selbstverständnis, mit der sich die 26-Jährige in das neue Land einfand, zeugt noch von Anderem: Ihre Familie war seit Generationen einer Idee verpflichtet, bei der Toleranz, Bildung und Multikulturalität im Zentrum standen. Die Stadt Neuwied, 1653 durch Graf Friedrich zu Wied, einen Vorfahren Elisabeths, gegründet, war eine der ersten Kommunen Deutschlands, in der Pressefreiheit herrschte, daneben garantierte der Graf seinen Untertanen Gewerbe-, Steuer- und Religionsfreiheit. Und zahlreiche Vorfahren Carmen Sylvas betätigten sich neben ihren politischen Ämtern als Mäzene und Förderer von Wissenschaften und Künsten. Damit entstammte Elisabeth von Rumänien einer Familie, in der Kultur und Bildung als maßgebliches Bindeglied einer Gesellschaft galten und in der die Fürsorge für aus politischen, religiösen oder anderen Gründen Vertriebene prägend war. Auf diese Weise konnte schließlich die Residenzstadt Neuwied gleichsam den »›Modellfall‹ für ihre Aktivitäten in dem neugegründeten Staat Rumänien« (Hildegard Emilie Schmidt) abgeben.

Carmen Sylva war übrigens zeitlebens stolz darauf, aus einer solchermaßen toleranten Familie zu stammen. Es käme, so schrieb sie, nicht auf die Macht an, sondern auf die »geistigen Erbschaften [...], die man mitträgt.« Daraus, so betonte sie immer wieder, erwachse aber auch die Pflicht, für das Weitertragen dieses »geistigen Erbes« Verantwortung zu übernehmen. Dass sie bis zu ihrer Heirat den Plan verfolgte, als Lehrerin zu arbeiten, dass sie sich in Rumänien besonders auch um Volkserziehung und Bildung bemühte und dass sie vor allem nicht müde wurde, die rumänische Volkskultur bewahren zu helfen - all dies lässt sich auf jene wiedsche Familien-Tradition zurückführen, für die das Bewahren überkommener Werte und Toleranz keine Gegensätze darstellten, und für die Bildung und Kultur zum zentralen Movens einer aufgeschlossenen Gesellschaft gehörten.

Es wäre ein allzu idealistisches Bild der Carmen Sylva, zöge man an dieser Stelle einen Schlussstrich. Es hieße, die Schnittlinien zu glätten, würde man nicht auch die Um- und Abbrüche in ihrer Biografie wahrnehmen - jene Schnittstellen, die zu überbrücken Elisabeth von Rumänien nicht immer gelang. Zu diesen zählt ihre Heirat mit Karl von Hohenzollern-Sigmaringen. Glaubt man ihrer Erzählung, entschloss sich Elisabeth zu Wied im Oktober 1869 sehr spontan zu dieser Verlobung: Sie befand sich auf dem Weg zu einem Konzert der von ihr verehrten Clara Schumann, als Karl von Hohenzollern-Sigmaringen um ihre Hand anhielt. Ohne Bedenkzeit sagte sie zu, wohl wissend, dass mit dieser Heirat eine schwere Aufgabe verbunden sein würde: Karl hatte drei Jahre zuvor den rumänischen Fürstenthron bestiegen, aus europäisch-machtpolitischen Gründen eingesetzt nach der Abdankung Alexandru Ioan Cuzas, der erst 1861 das souveräne Fürstentum Rumänen proklamiert, bei dessen Stabilisierung nach innen und außen aber keine glückliche Hand bewiesen hatte. Rumänien befand sich in einer politisch äußerst instabilen Lage; als deutschstämmiges Fürstenpaar hatten Karl und Elisabeth zunächst vor allem um Vertrauen bei der Bevölkerung des Vielvölkerstaats zu kämpfen. »Wenn man es bequem haben will, so muß man heute keinen Thron besteigen«, kommentierte Elisabeth lapidar. Und die Sehnsucht nach der Heimat blieb trotz allen Akkulturationswillens existenzbestimmend: »Das Heimweh bleibt dennoch der Lebenskeim«, heißt es in einem Gedicht Carmen Sylvas.

Dass mit der Heirat letztlich auch ein Abbruch ihrer künstlerischen Freiheiten verbunden war, legt die anekdotenhafte Erzählung vom verhinderten Konzertbesuch ebenfalls nahe. Ein Abbruch ihres künstlerischen Tuns aber bedeutete die Ehe nicht, im Gegenteil: Überzeugt von der Idee, dass es gerade die Kultur und der Kulturaustausch seien, die nationale Identitäten (und damit Stabilität) schaffen könnten, ergriff Elisabeth von Rumänien jede Gelegenheit, sowohl den künstlerischen Austausch in Bukarest zu befördern, indem sie zahlreiche reisende Musikerinnen und Musiker, Komponisten und Dichter an ihren Hof und in ihren Salon einlud, als auch die Identitäten der verschiedenen Volkskulturen zu stärken. Da sie überdies selbst dichtete (und gelegentlich komponierte), war die Trennung zwischen eigener Produktivität und Mäzenatentum fließend, was mit Blick auf die Qualität ihrer Werke oft kritisiert wurde. Auch hier bleibt eine Schnittstelle zwischen künstlerischem Tun und Kunstanspruch, zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung.

Nicht immer glücklich war zudem Elisabeths Einfluss auf die Realpolitik. Das einzige Kind, die Tochter Marie, hatte das Fürstenpaar 1874 im Alter von nur drei Jahren verloren, so dass, vor allem nach der Königskrönung 1881, die Frage der Thronfolge von zentraler politischer Bedeutung war. Karl, nunmehr Carol I. von Rumänien, setzte seinen Neffen Ferdinand als Nachfolger ein. Elisabeth versuchte ihrerseits, die junge Dichterin Elena Vǎcǎrescu, die sie an ihrem Hof förderte, als Ehefrau Ferdinands zu lancieren, was ihr nicht gelang. Der Eklat zeitigte sogar eine temporäre Exilierung Elisabeths; sie verließ Rumänien und ging nach Neuwied zurück. Ferdinand heiratete 1893 Prinzessin Marie von Edinburgh, die eine Enkelin sowohl von Queen Victoria als auch vom russischen Zaren Alexander II. war.

Dass sich Carmen Sylva dieser Bruchlinien und Schnittstellen nicht bewusst gewesen sei, dass sie, die die zeitgenössischen Strömungen des Naturalismus und Realismus ablehnte, in ihrer geradezu hymnischen Naturverehrung und romantischen Idealisierung einen Fluchtpunkt gefunden habe, ist wiederum nur eine einseitige Wahrnehmung. Vom Bewusstsein des Scheiterns sprechen vielmehr einige ihrer Gedichte, so etwa jenes, das sie unter dem Titel Mißlungen veröffentlichte. Es erzählt von dem Unverständnis, das ihr als Person entgegenkam, und vom Versuch, die Schnittlinien ihres Lebens zu überbrücken.

Mein ganzes Leben wollt' ich
Nur Freude machen;
Doch unverstanden sollt' ich
Zu anderen Sachen.

Sie wollten mich nicht haben,
Als der ich geboren,
Die schönsten meiner Gaben
Sind ihnen verloren.

Sie sollten glücklich werden,
Die mich umgeben! -
Fahrt mich mit schwarzen Pferden
Still aus dem Leben!

Aus der Rückschau betrachtet lud sich Elisabeth von Rumänien damit wohl zuviel der Verantwortung auf: Der »Tanz über Gräben«, der sich im Ersten Weltkrieg entlud, war nicht mehr aufzuhalten. Die martialischen Töne der Militärkapellen Europas übertönten endgültig die musikalische Vielfalt, die Carmen Sylva an ihrem Hof und in ihrem Salon gepflegt hatte.

Extra