Programmheft Nr. 26 zum 02.12.2009

Wie der Laut des Windes


Die japanische Bambusflöte Shakuhachi und ihre Solomusik

Wie der Laut des Windes

Die Flöte zählt zu den ältesten Musikinstrumenten der Menschheit; erste Belege stammen schon aus der Steinzeit. Dass ihr Klang unmittelbar durch den Atem entsteht, macht sie zu einem bevorzugten Medium für den Ausdruck von Emotionen. Diese enge Beziehung von Atem und Klang hat auch dazu geführt, dass der Flöte übernatürliche, geradezu magische Kräfte mit positiven wie negativen Wirkungen zugeschrieben wurden. In Japan sind solche Vorstellungen vor allem mit der Bambusflöte Shakuhachi verknüpft, und die traditionelle Solo-Musik für dieses Instrument zeichnet sich in der Tat durch besondere Merkmale aus. Der Spieler produziert Klänge, die aus dem Atemstrom gleichsam aufblühen und wieder vergehen, langgezogene Einzeltöne und wenige Intervalle, die nur lose miteinander verknüpft sind und weder eine eindeutige Tonalität, noch eine feste metrische Ordnung erkennen lassen - von einer fasslichen Melodie ganz zu schweigen. Viele Stücke dieser mit »Honkyoku« (grundlegende, eigentliche Musik) bezeichneten Musik muten geradezu modern und avantgardistisch-klangexperimentell an. In Wirklichkeit sind sie vor mehr als 300 Jahren entstanden.

Die Shakuhachi ist eine beidseits offene Längsflöte aus Bambus. Ihr Name gibt die Standardlänge des Bambusrohres wieder, die nach traditionellem Maß »isshaku hachi-sun« einen Fuß und acht Zoll (rund 54 cm) beträgt und den Grundton D erzeugt. Allerdings ist für ein primär solistisch gespieltes Instrument eine solche Normung bedeutungslos, daher sind Shakuhachi-Flöten sehr unterschiedlicher Größe, d. h. mit unterschiedlichem Grundton und Tonumfang in Gebrauch, die je nach Charakter des Musikstücks ausgewählt werden. In allen Fällen besitzt das Instrument fünf ungewöhnlich große Grifflöcher, die eine pentatonische Skala ergeben. Für die Praxis ist diese Tonleiter jedoch kaum relevant. Der Spieler bedient sich verschiedenster Fingertechniken und nutzt die Veränderungen von Anblaswinkel, Lippenstellung und Blasdruck, um eine Vielzahl anderer Tonstufen, Klangfarben, Glissandi und Geräusche hervorzurufen.

Wie viele andere Musikinstrumente Japans ist auch die Shakuhachi nicht japanischen Ursprungs, sondern im 8. Jahrhundert vom asiatischen Festland importiert und zunächst am japanischen Kaiserhof verwendet worden. Erst im 13. Jahrhundert taucht sie als Instrument wandernder Bettelmönche auch in der Volksmusik auf. Die Legende schreibt diese Einführung dem Mönch Kakushin (1207 - 1298) zu, der der ebenfalls aus China übernommenen zen-buddhistischen Rinzai-Schule angehörte. Und es waren Zen-Mönche, die nun die weitere Entwicklung der Shakuhachi in Japan bestimmten. In der Fuke-Sekte, einem Zweig der Rinzai-Schule, wurde die Shakuhachi sogar zu einem »Hôki«, einem Werkzeug und Symbol des Dharma-Gesetzes, des (nach buddhistischer Auffassung) Urgrunds aller Phänomene. So heißt es etwa in den Statuten der Fuke-Sekte von 1811: »Bläst man die Shakuhachi, wird das eigene Selbst mit diesen Phänomenen verschmelzen - Licht und Dunkel werden eins mit dem Herzensgrund.« Als Hilfsmittel der Meditation wurde das Flötenspiel nun als Blas-Meditation (»Sui-zen«) verstanden, die dem Geist eine Brücke zur Erleuchtung bereitet. Diese Funktion hat die ungewöhnliche, formal freie Gestaltung solistischer Shakuhachi-Musik geprägt - Musik, die nicht als Unterhaltung eines zuhörenden Publikums verstanden werden wollte, sondern dem Spieler selbst genügte und seinem Erleuchtungsstreben diente.

»Honkyoku«-Solostücke lassen sich daher nicht nach herkömmlichen musikalischen Parametern beschreiben. Vielmehr gestaltet der Spieler auf seinem Instrument Ketten komplexer Tongebilde, bei denen die subtilen, auch mikrotonalen, klangfarblichen Veränderungen von Einzeltönen im Vordergrund stehen. Klang wird zum »geistigen Atem«, der den »Absoluten Ton« (»Tettei-on«) zu treffen sucht, in dem sich das Ziel der Zen-Meditation, die Erleuchtungserfahrung manifestiert. Und so lautete die Maxime für jeden Flöte spielenden Fuke-Mönch: »Ichion jôbutsu«, »mit jedem einzelnen Ton Buddha werden« bzw. »Erleuchtung erstreben«. Die Shakuhachi-Flöte wird in diesem Zusammenhang zum »tönenden Bambus« und der durch ihn »klanggewordene Atem« zum Laut der Natur, der die Erfahrung des Einswerdens mit dem Absoluten vermittelt. »Was den Shakuhachi-Meister auszeichnet, ist, dass er wie die Natur spielt und nicht seine Kunstfertigkeit zur Schau stellt. Wie die Natur spielen heißt: Das Ich wird zum Bambus, der Bambus wird zum Ich.« So schrieb der Fuke-Mönch Fûyô Hisamatsu im Jahre 1823.

Bambus gehörte schon im antiken China zu »Bayin«, den »Acht Klangmaterialien« aus denen Instrumente hergestellt werden, und ist noch heute das bevorzugte Material für Blasinstrumente in ganz Ost- und Südostasien. Das ist nicht weiter verwunderlich, prägt doch der Bambus mit seinen vielen Arten in diesen Regionen die Vegetation. Die Hochachtung der asiatischen Kulturen vor der Natur macht es verständlich, dass die Shakuhachi ausgesprochen schlicht gebaut ist. Man verwendet idealerweise eine gut gewachsene Bambuspflanze von etwa vier bis fünf Jahren und schneidet das Rohr nahe der Wurzel heraus. Knoten und Ansätze der abgeschnittenen Zweige bleiben beim fertigen Instrument ebenso deutlich erkennbar wie die Reste der Wurzeln an der unteren Öffnung des Rohres. Gleichwohl ist die Shakuhachi das Ergebnis eines hochkomplexen Herstellungsprozesses, der viel Know-how eines erfahrenen Instrumentenbauers verlangt und die Ursprünglichkeit des Materials gleichsam auf einer höheren Ebene bewahrt. Etwa vier Jahre dauert es, bis sich ein Bambusrohr für die Herstellung einer Shakuhachi eignet und angeblasen den typischen Bambusklang hervorruft. Es ist, wie der japanische Komponist Tôru Takemitsu (1930 - 1996) einmal bemerkt hat, »jener Klang, der dem Laut des Windes gleicht, wenn er durch welkes Bambuslaub streicht. Dabei löst sich der herkömmliche musikalische Ton auf, wird komplexer und raffinierter und lässt so etwas wie einen natürlichen Ton entstehen, wie ihn eben welker Bambus hervorruft, einen Ton, der zur Natur selbst, zum Absoluten, zum (buddhistischen) Nichts wird.«

Der Spieler bläst das Instrument unmittelbar an der oberen Öffnung des Bambusrohrs an. Auf ein Mundstück, das - wie bei der Blockflöte - den Atemstrom lenkt, wird verzichtet. Einzige Hilfe: Das Rohr ist auf einer Seite der Öffnung schräg abgeschnitten, so dass eine scharfe Anblaskante entsteht. Es ist eine besondere Herausforderung, dieses einfach gebaute Instrument differenziert zum Klingen zu bringen; ein Umstand, der dem traditionellen japanischen Konzept des »Shugyô«, einer ganzheitlichen geistig-körperlichen Schulung entgegenkommt. »Shugyô« bedeutet Anstrengung, sich abarbeiten an hartnäckigen Widerständen, die nur durch Konzentration aller Kräfte zu überwinden sind. Der Weg zur Meisterschaft ist zunächst ein Weg der persönlichen Reifung. Die Vollendung im Musikalischen wird dann als deren natürlicher Ausdruck empfunden.

In neuerer Zeit wurde die vormals exklusiv-religiöse Funktion des Shakuhachi-Spiels in den Hintergrund gedrängt. Die Shakuhachi-Flöte wurde zu einem Musikinstrument wie jedes andere auch und als solches in vielen Bereichen eingesetzt (auch in Jazz, Pop und Rock). Die meisten japanischen Shakuhachi-Spieler der Gegenwart verstehen sich auch nicht mehr als Zen-Mönche, sondern als Musiker und Künstler. Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich der Zen-Buddhismus über die rituelle Praxis der Klöster hinaus zu einer alltäglichen, alle Lebensbereiche durchdringenden japanischen Geisteshaltung entwickelt hat. Er wird von vielen daher gar nicht mehr als Religion im engeren Sinne, sondern als eine allgemeine Weltanschauung und Methode betrachtet, die Arbeit am Selbst zu fördern. Vor diesem Hintergrund werden Religion, Ethik und Ästhetik letztlich eins.

Fûyô Hisamatsu (Fuke-Mönch)

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