Programmheft Nr. 12 zum 14.10.2009

Melodiöser und weicher als anderswo


Die Geschichte des Tangos in der Türkei

Die Geschichte des ersten türkischen Tangos ist in der Türkei berühmt geworden. »Es war im Juli 1928«, erzählte Necip Celâl Andel später in einem Zeitschrifteninterview. »Ich war ein Schüler von 18, 19 Jahren. Im Taksim-Gazino traf ich ein deutsches Mädchen und wir verliebten uns ineinander. Sie war die Tochter eines Fabrikanten und ihr Vater wollte sie gegen ihren Willen mit einem Mann verheiraten. Um dieser Zwangsheirat zu entfliehen, war sie nach Istanbul gekommen. Eines Tages, wir waren gerade seit 15 Tagen zusammen, sah sie mir mit ihren blauen Augen lange in die Augen, und sagte: ›Necip, ich fühle, ich werde dich nie wieder sehen.‹ Ihre Worte erschienen mir sinnlos, ich tröstete sie und wir verabredeten uns für drei Tage später. An diesem Tag aber wartete ich stundenlang, niemand kam. Wie wahnsinnig lief ich zu ihrer Pension: Ihr Vater und ihr Verlobter waren gekommen und hatten sie mitgenommen. Spät in der Nacht kam ich nach Hause, nach Istinye am Bosporus. Das Mondlicht stieg von den gegenüberliegenden Hügeln auf, aus dem dahinströmenden Wasser sprangen mattgelbe Flecken auf und fielen zurück ins Wasser. Nicht einmal zwei Zeilen hatte sie mir zurückgelassen. Ich weinte, und in meinem Kopf hörte ich das Echo einer Melodie. Ich setzte mich ans Klavier und komponierte meinen ersten Tango: Mazi Kalbimde bir yaradır (Die Vergangenheit ist eine Wunde in meinem Herzen).«

Der Tango war Ende des 19. Jahrhunderts in den übelsten Männer-Spelunken von Buenos Aires entstanden. Hunderttausende strömten damals, vor allem aus Italien und Spanien an den Río de la Plata. An den Rändern der wachsenden Metropole entstand eine Männergesellschaft mit Machismo, Bordellen, Bars, Gewalt und Sehnsucht. Auch die Tänze und Lieder der Einwanderer verschmolzen zu einer höchst eigenen Melange: andalusische Volksmusik, italienische Lieder, kubanische Habanera-Tänze, afroamerikanische Rhythmik, Polkas, Mazurkas, sowie Milónga, die Lieder der argentinischen Gauchos. Ab 1900 dominierte das Bandoneon, erfunden Mitte des 19. Jahrhunderts im Erzgebirge. Noch vor dem Ersten Weltkrieg eroberte der neue Tanz Paris, weltweit bekannt wurde er spätestens mit dem Film Die vier Reiter der Apokalypse (1921), wo Rudolph Valentino als Gaucho einen leidenschaftlichen Tango tanzt. In Argentinien entstand dann, ab etwa 1917 der Tango canción, melodische Tango-Lieder, die nicht nur als Begleitung zum Tanzen gesungen wurden, sondern zum reinen Zuhören. Gleichzeitig bildete sich das klassische Tangoensemble, das Sexteto típico mit zwei Bandoneons, zwei Violinen, Klavier und Bass.

In der Türkei war 1923, nach langen Kriegsjahren, mit der Türkischen Republik ein neuer Staat entstanden. Begierig nahm die städtische Gesellschaft alles auf, was modern und europäisch - alafranga - erschien: Justiz, Schrift, Kalender, Schulsystem, alles bis hin zur Kleidung. Die alte, osmanische Kultur - alaturka - galt als rückständig. Paartänze, im Osmanischen Reich weitgehend undenkbar, galten nun als modern und ein Foto von Atatürk, wie er mit seiner Adoptivtochter Nebile Bayyurt 1929 während deren Hochzeit tanzt, wurde zu einer Ikone der neuen Türkei.

Die populäre Musik dieser Zeit war eine eigenartige Mischung aus Operette, Foxtrott, Marsch und Tango. Muhlis Sabahattin Bey (1889 - 1947) damals »König der türkischen Operette« nahm 1928 den ersten (instrumentalen) türkischen Tango für die Schallplatte auf. Das bereits zuvor komponierte Tangolied Mazi Kalbimde von Necip Celâl Andel erschien dagegen erst 1932, gesungen von Seyyan Hanım. Seyyan Hanım (1913 - 1989), der erste Tango-Star der Türkei war zuvor, mit gerade 16 Jahren, von Muhlis Sabahattin Beys Rivalen Kaptanzade Ali Riza Bey entdeckt worden. Seyyan Hanım sang bald in den großen Kasinos von Istanbul, dem Tepebasi Gazinosu und dem Istanbuler Moulin Rouge. Als sie jedoch 1933 den Offizier Tegmen Sait Oskay heiratete, endete ihre Karriere. Seyyan folgte ihrem Mann nach Anatolien und kam nur noch gelegentlich für Plattenaufnahmen nach Istanbul.

In dieser »klassischen« Zeit waren Tangos in der Türkei ausschließlich Lieder, anders als in Argentinien allerdings zunächst überwiegend von Frauen gesungen, etwa Mahmure Hanım, Birsen Hanım oder Seyyide Poroy. Erst Ende 1930er-Jahre trat der erste männliche Tango-Sänger in Erscheinung: Ibrahim Özgür, geboren 1910, ein Saxofonist und Klarinettist, der 1931 immerhin bis nach Java, Sumatra und England gereist war, und seit seiner Rückkehr nach Istanbul den Klub Ateş Böcekleri (Glühwürmchen) betrieb. In Rundfunksendungen sang er, begleitet vom Fehmi-Ege-Orchester, mit weicher, Schmelz behafteter Stimme romantische Tangos und wurde umschwärmt von zahllosen Frauen. Selbst der berühmte Sänger osmanisch-türkischer Kunstmusik, Münir Nurettin Selçuk, sang in dieser Zeit gelegentlich Tangos, Anfang der 1950er-Jahre auch Zeki Müren.

Ein ganz eigener Tango-Stil war entstanden, melodiöser, weicher als anderswo, ohne die scharfen Staccati und Dynamik-Wechsel. Der Rhythmus blieb einfach; charakteristisch war der gleichmäßige Puls auf dem Klavier und die markante Tango-Schlussformel, dazu schmachtende Geigen. Vor allem aber fehlte das Bandoneon, das in Istanbul nur schwer aufzutreiben und erst recht zu lernen war. Türkische Tangomusiker verwendeten fast immer das schwerfälligere Akkordeon, und auch dies kaum solistisch. Echte Mehrstimmigkeit blieb die Ausnahme, das Orchester verhielt sich wie ein klanglich erweitertes Klavier. Selbst der Tanz war anders als in Argentinien: Die Paare hielten höflichen Abstand voneinander, man tanzte weniger leidenschaftlich, sondern kultiviert und »anständig«. Anstelle der komplizierten und wechselnden Schritte, wurden in der Türkei oft nur Grundschritte wiederholt.

Einige der Komponisten solcher Tangolieder waren ausgebildete Profis. Necip Celâl Andel komponierte später immerhin auch jeweils ein Violinen-, Oboen- und Cellokonzert. Aber es gab auch eine Vielzahl von Amateuren. Kadri Cerrahoğlu (1903 - 1983) etwa, hauptberuflich Zahnarzt, schrieb für seine langjährige Ehefrau, die Sängerin Zehra Eren, so berühmte Lieder wie Sarhoşum sarhoş (Ich bin betrunken, betrunken) oder Anneme (An meine Mutter).

Zentrale Figur der Tangoszene war Fehmi Ege (1902 - 1978). Angefangen hatte er mit neun Jahren als Theatermusiker und Stummfilmpianist, später wurde er erster Geiger eines Operettenorchesters. Über 300 türkische Tangos soll er komponiert haben, in Istanbul und Ankara begleitete sein Tango-Orchester alle bekannten Sänger. 1936 wurde er auf persönlichen Wunsch Atatürks Assistent des Chefdirigenten beim Staatspräsidenten-Orchester (Riyaset-i Cumhur Orkestrası).

Mit der Eröffnung von Radio Istanbul 1949 entstand dort ein weiteres Tango-Zentrum. Jeden Freitag wurden auf Mittelwelle Tangos gespielt, im Wechsel zwischen Fehmi Ege und Necdet Koyutürk (1921 - 1988). Necdet Koyutürks berühmtester Tango, Papatya (den er 1943 während seiner Militärzeit komponierte), erschien, gesungen von Şecaatin Tanyerli (1921 - 1994), 1948 sogar in England - die erste türkische Komposition, die im Ausland verkauft wurde. Drei Jahrzehnte spielte Necdet Koyutürk am Rundfunk in Istanbul, 1957 sogar vor dem jugoslawischen Staatschef Tito und dem Irakischen König Faysal. Die meisten bekannten Lieder von Fehmi Ege hingegen sang Celâl Ince (ebenfalls 1921 geboren), bis er 1955 in die USA emigrierte.

Von immerhin drei Bandoneon-Spielern in Istanbul wissen wir aber doch: Zwischen 1938 und 1951 spielte das Eduardo-Bianco-Orchester im Istanbul Park Hotel mit dem argentinischen Bandoneonisten Tapia Colman. Der einzige bekannte türkische Bandoneonist Orhan Avşar (1917 - 1974) war als Kind mit seinen Eltern nach Argentinien ausgewandert und hatte dort gemeinsam mit seinem Bruder Turhan Bandoneon gelernt. Das Orhan-Avşar-Orchester mit seinen zwei Bandoneons und einem Akkordeon, spielte jahrzehntelang ebenfalls beim Rundfunk in Istanbul.

In den 1960er- und 1970er-Jahren sangen auch einige türkische Kunstsänger Tangos, etwa Ayla Büyükataman, Esin Engin oder Tülin Yakarcelik, ebenso in den 1980er-Jahren der Popsänger der Erol Büyükburç. Allmählich aber verschwand der »türkische Tango«. 1988 starb Necdet Koyutürk, im folgenden Jahr Seyyan Hanım (die immerhin noch 1978 mit dem Orchester von Necdet Koyutürk am Rundfunk in Istanbul Aufnahmen gemacht hatte), 1994 Şecaatin Tanyerli.

Stattdessen erreichte der internationale Tango erneut die Türkei. 1988 trat Astor Piazzolla beim Istanbuler Musik-Festival auf. In der Stadt entstand eine neue, junge Tangoszene, die sich am Tango Argentiniens orientierte. Ab 2000 begann ein Tangoboom mit Konzerten, Tanzperformances und Tanzschulen. 2009 fand das Internationale Tango Festival Istanbul bereits zum sechsten Mal statt.

Parallel dazu entdeckte man auch die alten Lieder neu. In den 1990er-Jahren sang die Sängerin Sema (sie hatte lange in Berlin gelebt) Tangos von Seyyan Hanım in neuer Interpretation, auf CDs erschienen historische Aufnahmen von Ibrahim Özgür, Seyyan Hanım oder Şecaatin Tanyerli.

Wie eine späte Versöhnung aber erscheint es, wenn selbst Musiker der traditionellen osmanisch-türkischen Kunstmusik heute Tangos aufführen. Das erste Tango-Album von Incesaz trägt - natürlich - den Titel Mazi Kalbimde - Die Vergangenheit in meinem Herzen.

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