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Programmheft Nr. 6 zum 26.09.2009
von Marcus Gammel
»Für mich ist die gegenwärtige Musikwelt wie ein Fluss, der von Reichtümern und Klängen nur so überquillt«, sagt David Harrington, erster Violinist und Mastermind des Kronos Quartet. Allen Krisenwarnungen und Unkenrufen zum Trotz proklamiert er ein goldenes Zeitalter der Musikgeschichte. Die überkommenen Grenzen und Einteilungen des Musiklebens seien heute nicht mehr zeitgemäß.
Harringtons Optimismus ist Programm. Schließlich galt der Namenspatron des Kronos Quartet den Griechen und Römern als Gott der Fruchtbarkeit und Gebieter des Elysiums. Die vier in Kalifornien beheimateten Musiker sind dabei jedoch alles andere als ewig lächelnde Sunnyboys. Ihr jüngstes Album Floodplain reflektiert die Chancen ebenso wie die Gefahren der kulturellen Flut zwischen den Traditionen: »Überschwemmungsgebiete sind niedrig gelegene Landstriche am Flussufer und die Wiege der menschlichen Zivilisation«, heißt es im CD-Booklet. »Diese Wasser ernähren, erhalten und verbinden uns, aber wenn sie unsere Sicht bis zur Blindheit überfluten, drohen sie uns auch orientierungslos zu machen. Wir können unser Gefühl für die menschliche Gemeinsamkeit mit den Bewohnern des anderen Ufers verlieren.«
Eben diese Gemeinsamkeiten spürt das Kronos Quartet seit über 30 Jahren auf, um sie mit viel Fingerspitzengefühl in einen schillernden musikalischen Garten zu verwandeln. Klingendes Saatgut aus zeitgenössischer Kompositionsmusik, Rock, Pop bringt strahlende Blüten hervor, ebenso wie düsteres Unterholz. Konsonanz und Dissonanz, Licht und Dunkel liegen in der Arbeit des Kronos Quartet oft eng beieinander. Nicht von ungefähr geht der Gründungsmythos des Ensembles auf Black Angels von George Crumb zurück - eine düstere, unorthodoxe Komposition über den Vietnamkrieg - und nicht von ungefähr verschlingt der Namensgeber Kronos seine eigenen Kinder.
Gleich das Eröffnungsstück des Abends exponiert diese dramatischen Gegensätze mit großer Eindringlichkeit: »Zum ersten Mal schrieb ich A Cradle Song (Ein Wiegenlied) 1982, als meine Tochter Misia geboren wurde«, erklärt die polnische Komponistin Hanna Kulenty. »Ich schrieb eine einfache Melodie für Violine und Sopranstimme mit einem polnischen Text, und das Stück wurde ein Mal an der Warschauer Musikakademie aufgeführt. Zehn Jahre später starb Misia. Wenige Monate danach schrieb ich ein neues Wiegenlied und verwendete dabei nur einen Teil der Melodie aus der ersten Komposition. Diese Version für Violine, Cello und Klavier wurde bei der Münchner Biennale uraufgeführt. Es war ein anderes Wiegenlied. Als ich letztes Jahr mit der Arbeit an meinem Vierten Streichquartett begann, konnte ich nicht umhin, die Melodie erneut zu verwenden. Mit dieser Instrumentierung, diesem Timing und diesem Klang wollte ich dem Lied eine neue Energie verleihen und es in neuem Licht sehen. Für mich hat mein Streichquartett Nr. 4 ›A Cradle Song‹ wieder eine neue Bedeutung gewonnen. Eine positive Bedeutung.«
Hanna Kulentys frühe Arbeiten sind geprägt von mehrfach übereinandergeschichteten Spannungsbögen mit verschiedenen Startpunkten und Tempi. Im Zuge ihres Studiums bei Louis Andriessen gab Kulenty diese hochkomplexen Strukturen zugunsten von minimalistischeren Formen auf. »Europäische Trancemusik« nennt sie diesen Stil. Ihr Viertes Streichquartett verbindet Elemente aus beiden Klangsprachen zu einem hochexpressiven, aber dennoch klar strukturierten Werk, das zwischen vielschichtigen rhythmischen Überlagerungen und melodisch schwebenden Passagen changiert. Deutlich zu hören sind dabei auch Kulentys Erfahrungen als Musikdramatikerin: Ihre Opern The Mother of Black-Winged Dreams (1996 - über multiple Persönlichkeitsstörungen) und Hoffmanniana (2003 - über ein nicht realisiertes Drehbuch von Andrej Tarkowskij) bringen die Suggestivität ihrer Klangszenerien voll zur Geltung.
Auf den ersten Blick könnte der Sprung zum Komponisten des folgenden Werks größer kaum sein: Glenn Branca galt lange Zeit als Außenseiter und Geheimtipp der New Yorker Avantgarde-Rock-Szene. Dennoch teilt der Komponist mit Hanna Kulenty einen idiosynkratischen Zugang zur Minimal Music und eine besondere Affinität zum Musiktheater - selbst in kammermusikalischen Werken. Branca begann seine künstlerische Laufbahn in Boston als Mitbegründer der experimentellen Theatergruppe »Bastard Theater«. 1976 nach New York übergesiedelt, konzentrierte er sich auf die kompositorische Arbeit und prägte mit seinen Bands maßgeblich die New Yorker No Wave-Szene mit. Auch der spätere Sonic Youth Gründer Thurston Moore ging aus einer dieser Formationen hervor. Seit den 1980er-Jahren nehmen Brancas Werke für bis zu 100 Gitarren immer stärker symphonische Züge an. Wichtigstes Material dieser Kompositionen ist die obertonreiche Klangstruktur der E-Gitarre, die Branca durch selbst entwickelte Veränderungen an den Instrumenten noch erweitert.
Light Field von 1980 ist ein Schlüsselwerk dieser Arbeitstechnik, geprägt von treibenden Ostinati und Glissandi, die über mehr als zehn Minuten hinweg die Energie eines großen symphonischen Finales entfalten. »Das Arrangement dieses Werks für Streichquartett war eine interessante Herausforderung«, schreibt Glenn Branca. Violine und Bratsche liegen in einem anderen Register als das Zupfinstrument. Zudem sind die Streichinstrumente nicht in Quarten, sondern in Quinten gestimmt. »Es stellte sich nun heraus, dass diese Stimmung im Modus der Komposition zahlreiche offene Saiten ergab. Dadurch konnte ich ausgiebig mit den Obertönen der offenen Saiten arbeiten und mit einer Art ›Bogenglissando‹. Diese Technik verleiht dem Stück eine ganz neue Qualität.«
Wie Glenn Branca und Hanna Kulenty, so ist auch der dritte Komponist des Abends gleichermaßen mit dem Musiktheater und dem Postminimalismus verbunden: John Adams rundete seinen Weltruhm nicht zuletzt durch die Opern Nixon in China (1987) und The Death of Klinghoffer (1991) ab. Beide entstanden in Zusammenarbeit mit der Librettistin Alice Goodman und dem Regisseur Peter Sellars. Letzterem widmete Adams sein Streichquartett Fellow Traveller (2007) zum 50. Geburtstag.
Ganz im Sinne des Minimalismus lebt Stück von kleinen melodischen Zellen, die sich permanent rhythmisch gegeneinander verschieben. Wie die Figuren eines Puppenspiels werden sie durch Instrumentierung, Harmoniewechsel und Akzente immer wieder in neues Licht gerückt. Fellow Traveller erinnert in seiner Mischung aus Leichtfüßigkeit und Schärfe deutlich an Mozarts Opern, die Sellars mit besonderer Radikalität auf die Bühne gebracht hat. Im Terzabstand pendelnde Basstöne liefern das Fundament für ein abwechslungsreiches Verwirrspiel mit einer klassischen Klimax und offenem Ende. Solch gewitzte Szenarien zwischen Tradition und Moderne prägen John Adams' Schaffen seit seiner provokanten Harmonielehre von 1985. Wo Adams in seinen Opern politische Ideologien zersetzt, nutzt er seine Instrumentalwerke für die augenzwinkernde Dekonstruktion von musikalischen Dogmen wie etwa der schönbergschen Zwölftontechnik.
Auch die serbische Komponistin Aleksandra Vrebalov geht mit musikalischen Mitteln gegen kompromisslose Glaubensbekenntnisse vor. ... hold me, neighbor, in this storm ... (2007) reflektiert den Gegensatz zwischen kriegerischen Auseinandersetzungen und traditionsreichem Miteinander in Südosteuropa. »Seltsamerweise haben die kulturellen und religiösen Differenzen, die im alltäglichen Leben tiefe Feindschaften erzeugten, nach Jahrhunderten des turbulenten Zusammenlebens in der Musik höchst erstaunliche Verbindungen hervorgebracht«, schreibt Vrebalov.
... hold me, neighbor, in this storm ... folgt diesen Verbindungen auf eine wechselvolle Klangreise von orthodoxen Kirchenglocken und muslimischen Gebetsrufen bis hin zu derben Trinkliedern und treibenden Tanzrhythmen. Die akustische Welt des ehemaligen Jugoslawiens wird dabei auch physisch in das Klanggefüge des Streichquartetts eingeführt: Zum einen wirken Feldaufnahmen von Glocken, Sängern und von Vrebalovs Großmutter wie eine fünfte Stimme im Ensemble. Zum anderen ergänzen die Gusla, eine südslawische Kniegeige, und die Zylindertrommel Tapan das Instrumentarium. Beeindruckend an Vrebalovs Arbeit sind vor allem die nahtlosen Übergänge, die sie zwischen höchst gegensätzlichen musikalischen Strukturen konstruiert. Sie schreibt: »Das Stück ist für mich ein Weg, unsere durch jahrhundertelange Intoleranz zerstückelten Identitäten wieder zusammenzusetzen und unser Land zu feiern, das so reich und vielfältig ist. Ein Land, das aschgrau, leer und schal wäre, wenn einer von uns, in all unserer Verschiedenheit, nicht dort wohnen würde.«
Von den kulturellen Überschwemmungsgebieten des Balkan bewegt sich das Programm des Kronos Quartet mit den folgenden beiden Werken in eine ähnlich fruchtbare wie krisengeschüttelte Region: Israel und Palästina. Dabei haben sich die Musiker um David Harrington zwei besonders kreative Exponenten der jüngeren Elektronikszene ins Boot geholt: Der israelisch-amerikanische Komponist Raz Mesinai und das palästinensische Musikerkollektiv Ramallah Underground arbeiten jeweils auf ihre Weise mit den Beats und Klängen von Hip Hop und Dub.
Raz Mesinai wurde als Teil des Duos Sub Dub bekannt und gehört seit einigen Jahren zu der New Yorker Avantgarde-Szene um den Komponisten und Produzenten John Zorn. In seiner Komposition Crossfader (2007) wollte Mesinai ursprünglich die Klänge des Kronos Quartet durch elektronische Zuspielungen ergänzen. Während der Arbeit stellte sich jedoch heraus, dass die Rhythmen und Sounds und die Energetik der elektronischen Tanzmusik auch mit den akustischen Mitteln der Streichinstrumente zu erzeugen waren. »Durch die Verwendung der zahlreichen erweiterten Spieltechniken, die ein Streichinstrument ermöglicht, simulieren die Musiker Effekte wie Echo, Phaser und Flanger, wie sie in der modernen Tanzmusik verwendet werden.«
Das Trio Ramallah Underground sucht eine experimentelle Klangwelt für das Lebensgefühl junger Araber in den politischen Wirren Palästinas. Ihre provokanten Texte beschreiben den Alltag zwischen Sicherheitskontrollen, Bomben und wirtschaftlicher Abhängigkeit. »Wir haben Ausgangssperre, sitzen jeden Tag zu Haus, unser Blut kocht und unsere Köpfe sind voller Ideen darüber wie, man Israel zerstören kann.« So textete ein Gruppenmitglied, während israelische Panzer durch Ramallah rollten. Wie die Journalistin Charlotte Misselwitz berichtet, ist die politische Haltung der Gruppe inzwischen wesentlich differenzierter. Der Sänger Boikutt studiert Wirtschaft, um seinen Künstlernamen in die Tat umzusetzen und Israel auf ökonomischem Weg zu einer Zwei-Staaten-Lösung zu zwingen. In der Komposition für das Kronos Quartet verzichten Ramallah Underground allerdings auf explizite Texte. Tashweesh (2008 - zu deutsch »Einmischung/Störung«) bettet die Streicherklänge in einen gedehnt-melancholischen Elektronik-Beat und konfrontiert sie mit rohen Alltagsaufnahmen aus der Klangwelt Ramallahs.
Ähnlich heiß umkämpft wie heute die Palästinensergebiete war nach dem Ersten Weltkrieg die türkische Stadt Izmir - ehemals Smyrna. Nach dem türkischen Sieg von 1922 musste die griechische Bevölkerung die Stadt verlassen. Viele ehemalige Einwohner emigrierten in die Vereinigten Staaten, wo sie sich in griechischen Cafés trafen und ihre musikalischen Traditionen pflegten. Eines der beliebtesten dieser »Cafés Amans« wurde in New York von dem Ehepaar Kostas und Marika Papagika betrieben.
Die Sängerin Marika Papagika, 1890 auf der Insel Kos geboren, war in Alexandria aufgewachsen und hatte dort die Vorläufer des Rebetiko kennengelernt. Diese urbane Folklore entwickelte sich in Smyrna und anderen kleinasiatischen Städten aus anatolischen und griechischen Musiktraditionen. 1915 mit ihrem Mann in die USA emigriert, wurde Marika Papagika rasch zu einer der wichtigsten Vertreterinnen des Rebetiko im Exil. Sie war die erste, die in der Neuen Welt eine Schallplatte mit der jungen Musikform herausbrachte, und das darin enthaltene Lied Smyrneiko Minore wurde zu einem Klassiker des Genres. Der Text des getragenen Klageliedes sprach den Emigranten offenbar direkt aus dem Herzen: »Wenn Du mich liebst und ich träume / möchte ich nie wieder aufwachen / im süßen Dämmerlicht / lässt Gott mich meine Seele mitnehmen.«
Das Schicksal und die Sehnsüchte der griechischen Einwanderer in den USA wurde auch von einer weit größeren Migrantengruppe geteilt: Pogrome und bittere Armut trieben schon lange vor dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche Juden aus Osteuropa in die Vereinigten Staaten. Darunter befand sich auch die spätere Sängerin Fraydele Oysher. 1913 im heutigen Moldawien geboren, kam die Tochter eines Kantors schon als Kind nach Amerika und wurde dort von ihrem Vater in der jüdischen Musikliturgie unterwiesen. Anders als ihr Bruder, der berühmte Kantor Moishe Oysher, wählte Fraydele jedoch anstelle der Synagoge die Bühne. Sie wurde zu einem Star des Jiddischen Theaters in Amerika und tourte landesweit mit musicalähnlichen Stücken voller Volkslieder und religiöser Gesänge.
Das Lied Ov Horachamim basiert auf einem »piyut«, einem liturgischen Gedicht, das im jüdischen Gottesdienst während der Thora-Prozession rezitiert wird. Die junge Kantorin Judith Berkson aus Brooklyn, die das Lied gemeinsam mit Jacob Garchik für das Kronos Quartet arrangiert hat, ist seit einigen Jahren auch als Jazzmusikerin und Komponistin aktiv. Besonderes Aufsehen erregte sie mit ihrer Hardcore Rockband Platz Machen, die Texte und musikalische Elemente aus der hebräischen Liturgie verarbeitet.
Auch der letzte Komponist des Abends macht sich die Ästhetik des Rock zu eigen, um eine individuelle, besonders energiegeladene Kompositionssprache zu schaffen. Michael Gordons Potassium (2000) schlägt dabei den Bogen zurück zum ersten Teil des Konzerts. Wo Glenn Branca aus der Sicht des Rock auf die Minimal Music blickt, sucht Michael Gordon die umgekehrte Perspektive: Er verfremdet den Klang der Streichinstrumente mit Verzerrer- und Halleffekten. Mit Hilfe von Glissandi und harmonischen Doppelgriffen ahmt er die Spielweisen einer Bottleneck-Gitarre nach. »Als ich mit der Arbeit an diesem Streichquartett begann, wollte ich mich von allem distanzieren, was ich über Streichquartette wusste«, schreibt Michael Gordon über seine Komposition. »Das Wort ›Potassium‹ (Kalium) hatte für mich so gut wie keine Bedeutung und half mir dadurch, eine neue Seite aufzuschlagen. Kalium ist ein chemisches Element, es kann also nicht in eine andere Substanz aufgespalten werden.«
Michael Gordon bildet gemeinsam mit Julia Wolfe und David Lang das New Yorker Komponistenkollektiv Bang on a Can, das ein weltweit erfolgreiches Ensemble und ein Festival betreibt. Gordons Musik zeichnet sich durch große rhythmische Prägnanz und klangliche Intensität aus. Dabei öffnet der Komponist häufig die traditionelle Konzertsituation zugunsten von Raumexperimenten und multimedialen Aufführungskonzepten. Mit Hilfe des Kronos Quartet überträgt er seine gewaltigen Klangfluten erfolgreich in die Intimität des Kammermusiksaals.
