Programmheft Nr. 42 zum 27.01.2010

»Gesang der Gefühle«


Die Erneuerung des portugiesischen Fado

Fado war nach der portugiesischen Nelkenrevolution 1974 als populäre Musik diskreditiert. Zu lange hatte diese Musik der Salazar-Diktatur als Symbol nationaler Kultur gedient oder war zu kitschigem Gesang über Liebesschmerz und Eifersucht verkommen, die Zensur hatte politische oder sozialkritische Texte verhindert. Auf den Festivais de Canções der 1980er-Jahre wurden portugiesische Liedermacher gefeiert, die in ihren Texten die neu gewonnene Freiheit genossen und vor allem Rocksongs schrieben. Auch Katia Guerreiro sang in einer Rockband als sie Ende der 90er-Jahre in Lissabon studierte. Da gab es allerdings auch schon »modernen Fado«. Im Jahr 2000 trat Katia Guerreiro erstmals bei einem Fado-Konzert zu Ehren von Amália Rodrigues auf. Schon ein Jahr später erschien ihr Fado-Debut auf CD: Fado Maior.

Die Geschichte des heutigen Fado beginnt 1990 mit Mísia. Auch sie ist keine typische Fado-Sängerin, wenngleich sie in einem der älteren Viertel Lissabons aufgewachsen ist, wo bis heute in Restaurants zu später Stunde Fado gesungen wird, in der Regel von der Besitzerin, ihrer Tochter oder mit dem Haus verbundenen Sängerinnen. Fado Vadio - unprofessioneller Fado - wird er gerne genannt, wobei diese Negativbezeichnung häufig weder den musikalischen Fähigkeiten noch dem Wissen dieser Fado-Sängerinnen gerecht wird - Auch ihr Fado-Repertoire umfasst hunderte von Songs in unterschiedlichen Stilen: vom schnellen, vergnüglichen Fado Corrido, bis zum traurigen Fado Menor; in der Mouraria, dem berühmtesten Fado-Viertel Lissabons, hat sich ein eigenes Castiço-Repertoire herausgebildet und einzelne Fadistas haben neue Fado-Stile kreiert, beispielsweise einen Fado-Tango. Nach einer Sängerinnenkarriere in Barcelona und Paris, wo Mísia Popsongs und Chansons, in Musicals und Revuen sang, kehrte sie mit 35 Jahren nach Lissabon zurück und begann Fados mit Texten moderner portugiesischer Lyriker zu singen, sehr professionell und hoch emotional. 1990 war das ein risikoreiches Experiment, denn es gab noch gar kein Publikum für diese Art von Fado.

Die Hochzeiten von Amália Rodrigues, die in den 1950er- und 60er-Jahren international mit Fado begeistert hatte, waren längst Vergangenheit und selbst Amália Rodrigues hatte nie ausschließlich Fado gesungen, sondern immer auch populäre Songs im Programm ihrer Konzerte und Plattenaufnahmen. Aber auch sie hat nicht nur mit der außergewöhnlichen Innigkeit ihres Gesangs begeistert, sondern schon ein zeitgemäßes Repertoire gepflegt, das sie sich u. a. von dem portugiesischen Komponisten Alain Oulman schreiben ließ. Als Textvorlagen benutzte er Poesie der berühmtesten portugiesischen Dichter unterschiedlicher Epochen: von Luis de Camões, der im 16. Jahrhundert lebte und als einer der größten portugiesischen Poeten aller Zeiten verehrt wird oder von David Mourão-Ferreira, einem Zeitgenossen von Oulman und Rodrigues.

Mísia und andere junge Fado-Sängerinnen suchten sich Texte von aktuellen Dichtern. Musikalisch erweiterten sie das Fado-Repertoire, in unterschiedliche Richtungen. Mísia zelebrierte den dramatischen Fado der ungehemmten Gefühle, andere dagegen, wie Mariza und auch Katia Guerreiro integrieren auch vergnügliche, tänzerische Fados in ihre Konzerte. Damit erinnern sie daran, dass Fado-Gesang ja auch als Musik in den Vergnügungsvierteln der Hafenstadt Lissabon fungiert hatte und betonen die rhythmische Seite des Fados, und zwar so weit, dass sie auch Folklore-Tanzstücke in ihren Konzerten präsentieren. Junge Fado-Stars wie Mariza verbinden ihre Konzerte mit glamourösen Auftritten in auffälliger Garderobe. Darüber hinaus wird die traditionelle Gitarrenbegleitung mal mit einer Violine, mal mit einem Piano oder auch durch expressive Perkussion ergänzt. Vor allem aber faszinieren die neuen Stimmen des Genres, die den Fado nicht nur wieder salonfähig gemacht, sondern ihn zur international gefeierten Kunstform erhoben haben.

Die Wurzeln des Fado sind bis heute umstritten. Während die einen arabische Elemente, (insbesondere in den von oben nach unten verlaufenden Gesangslinien) zu erkennen meinen, sehen andere die Entstehung des Fado eng mit der portugiesischen Kolonialgeschichte verbunden und führen ihn auf Liedgattungen wie Lundum oder Modinha zurück, die aus Brasilien nach Portugal kamen. Für letztere Meinung spricht u. a. die rhythmische Begleitung auf der portugiesischen Gitarre und der Viola. Selbst der melancholischste Fado wird mit einer tänzerischen Würde begleitet, die an den schwungvollen Gang afrikanischer Frauen im unfreiwilligen Exil erinnert, die übrigens seit dem 16, Jahrhundert auch das Bild Lissabons prägten. Die portugiesische Gitarre ähnelt übrigens eher einer dickbauchigen Mandoline mit zwölf Saiten (je sechs Doppelsaiten), während die Viola unserer Gitarre gleicht und eine begleitende Bassfunktion übernimmt.

Sicher ist, dass Fado im 19. Jahrhundert in den älteren Vierteln Lissabons, beispielsweise der Mouraria, die Landgänge der zahlreichen Matrosen begleitete. In Fados wurden Abschied und Sehnsucht besungen, Lebensgeschichten in Moritatenform erzählt, Liebeserklärungen bezeugt oder einfach Neuigkeiten ausgetauscht. Ähnlich wie Tango oder Rembetiko war Fado verschrien, stigmatisiert als Vergnügen der Unterschicht, bis Maria Severa, eine Fado-Sängerin und Prostituierte aus der Mouraria, die Geliebte des Grafen Vimioso wurde. Ende des 19. Jahrhunderts gehörten Fados zur musikalischen Literatur in den Salons von Lissabon. Der Ruf des Fado blieb umstritten und ist es bis heute. Zu den Anliegen der neuen Generation engagierter Fado-Sänger und -Sängerinnen gehört nicht zuletzt den Fado von seinem ausschließlich sehnsuchtsvollen Image zu befreien und ihm das Recht auf unterschiedliche Gefühle zurückzugeben.

Katia Guerreiro hat sich vor allem mit Fados zu Gedichten von Antonio Lobo Antunes einen Namen gemacht. Antunes ist einer der bekanntesten portugiesischen Schriftsteller, ein Arzt, der in seinen Romanen u. a. seine Erfahrungen in den späten portugiesischen Kolonialkriegen verarbeitet hat. Auch die heute 33-jährige Katia Guerreiro hat Medizin studiert und ist Augenfachärztin. Erst für ihr Medizinstudium kam Katia Guerreiro nach einer Kindheit und Jugend in Südafrika sowie auf den Azoren nach Lissabon. Ihr musikalisches Talent erprobte sie auf den atlantischen Inseln in einer Folkloregruppe und später, wie schon erwähnt, in einer Rockband. Freunde haben sie überredet an dem Konzert zu Ehren von Amália Rodrigues ein Jahr nach ihrem Tod 1999 teilzunehmen. Die mit 79 Jahren verstorbene Sängerin ist bis heute ihr großes Vorbild. Nicht zuletzt singt Katia Guerreiro immer wieder Fados, die auch von Amália Rodrigues gesungen wurden, also Fados von Alain Oulman zu Texten von Luis de Camões oder Fados von David Mourrão-Ferreira, aber auch eigene Texte zu Kompositionen ihres aktuellen Gitarristen João Mário Veiga. Portugiesische Gitarre und Kontrabass werden in ihrem Trio von jüngeren Musikern gespielt, alle drei sind erfahrene und begehrte Fado-Musiker. Auch deren Kunst hat durch die jüngste Fado-Welle gewonnen, schließlich gibt es kein Fado-Konzert ohne ein Instrumentalstück, in dem die Musiker auch ihre Virtuosität zur Schau stellen können.

2009 ist ein neues Album von Katia Guerreiro erschienen: Fado. Es ist bereits ihre vierte CD. In Spanien und Frankreich tritt die portugiesische Sängerin regelmäßig auf, darüber hinaus oft auch als Botschafterin Portugals in verschiedenen europäischen oder arabischen Ländern. In Berlin wird Katia Guerreiro nicht nur beim Alla-turca-Konzert auftreten, sondern am Wochenende vorher auch einen Fado-Gesangsworkshop leiten.

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