Programmheft Nr. 2 zum 08.09. / 09.09.2009

»Erblicke deines Lebens Bild«


Joseph Haydns Oratorium »Die Jahreszeiten«

Als 1791 in der Westminster Abbey die jährliche Händel-Gedächtnisfeier zelebriert wurde, befand sich auch Joseph Haydn im Publikum, und die monumentalen Londoner Darbietungen der Oratorien Messiah und Israel in Egypt beeindruckten ihn so tief, dass er sich wie an den Beginn seiner Studien zurückgeworfen fühlte. Jede Note dieser Partituren las er mit wachsender Bewunderung nach. Der Impresario Johann Peter Salomon versuchte Haydns Enthusiasmus in schöpferische Bahnen zu lenken, indem er ihm zuriet, ein Oratorium in der händelschen Tradition zu komponieren, das in London uraufgeführt werden sollte. Salomon legte sogar ein fertiges englisches Libretto vor, das auf John Miltons religiösem Epos Paradise lost basierte und einst für Georg Friedrich Händel bestimmt gewesen, von diesem jedoch nie vertont worden war. Haydn erbat Bedenkzeit, er bezweifelte, dass sein Verständnis der englischen Sprache für ein solches Vorhaben ausreiche, und reiste schließlich mit dem Textbuch im Gepäck zurück nach Österreich.

In Wien tauschte er sich mit dem Baron Gottfried van Swieten über seine Bedenken aus, die der gelehrte Gesprächspartner durchaus einsah. »Indem ich aber zugleich erkannte«, berichtete van Swieten, »dass der so erhabene Gegenstand Haydn die von mir längst erwünschte Gelegenheit verschaffen würde, den ganzen Umfang seiner tiefen Kenntnisse zu zeigen, und die volle Kraft seines unerschöpflichen Genies zu äussern; so ermunterte ich ihn, die Hand an das Werk zu legen, und um den ersten Genuss davon unserm Vaterlande zu verschaffen, beschloss ich, dem englischen Gedichte ein deutsches Gewand umzuhängen. So entstand meine Uebersetzung, bey welcher ich der Hauptanlage des Originals zwar im Ganzen treulich gefolgt, im Einzelnen aber davon so oft abgewichen bin, als musikalischer Gang und Ausdruck, wovon das Ideal meinem Geiste schon gegenwärtig war, es zu fordern, mir geschienen hat.« Diese »Uebersetzung«, von der van Swieten spricht, war die deutsche Textfassung des Oratoriums Die Schöpfung, das Haydn im Frühjahr 1798 vollendete. Ehre, wem Ehre gebührt. Als Librettist, Auftraggeber und Mäzen gab Gottfried van Swieten den Anstoß zu einem Werk, das die große händelsche Oratorienkunst zu neuem Leben erweckte, und dieses Verdienst dürfte ihm die schönste Genugtuung bereitet haben. Er war der Urheber, der Schirmherr und der Zeuge eines beispiellosen künstlerischen Triumphes, den Haydns Komposition schon bei den euphorischen Zeitgenossen errang.

Diplomat mit musikalischen Neigungen

Gottfried Bernhard van Swieten (1733 - 1803), Sohn des bedeutenden Mediziners und Leibarztes der Kaiserin Maria Theresia, Gerard van Swieten, war 1755 in den diplomatischen Dienst eingetreten und hatte nach Stationen in Brüssel, Paris und Warschau die für seine Zukunft wegweisenden Jahre als außerordentlicher Gesandter am preußischen Hof Friedrichs des Großen erlebt. In Berlin kam van Swieten durch den Bach-Schüler Johann Philipp Kirnberger und durch den Kreis um die Prinzessin Anna Amalia, die Schwester des Königs, in folgenreiche Berührung mit dem Schaffen Händels und den Werken der Bach-Familie, als deren sachkundiger und tatkräftiger Fürsprecher der Baron nach seiner Heimkehr in Wien auftreten sollte. 1777 wurde van Swieten die Leitung der k. k. Hofbibliothek übertragen; 1782 folgte die Berufung zum Präses der Studien- und Bücherzensur-Hofkommission: Damit war der Baron zu einer Schlüsselfigur der josephinischen Reformpolitik avanciert.

Trotz der Verantwortungslast seiner offiziellen Ämter nahm sich van Swieten weiterhin die Zeit, seine in Berlin erwachte Neigung zur »Alten Musik« planmäßig zu pflegen und zu vertiefen. Nach dem Vorbild der preußischen Prinzessin Anna Amalia konstituierte er einen elitären Zirkel aristokratischer Musikfreunde, lud allsonntäglich zu seinen Bach- und Händel-Matineen (die Mozart regelmäßig besuchte) und baute überdies eine kostbare und umfangreiche Musikaliensammlung auf. Gemeinsam mit illustren Vertretern des Hochadels rief Baron van Swieten 1786 in Wien die exklusive und finanzkräftige »Gesellschaft der Associirten (Cavaliers)« ins Leben, die in den kommenden Jahren in der Fasten- und Weihnachtszeit ambitionierte Konzerte veranstaltete, mit den besten Sängern und Instrumentalisten Oratorien von Johann Adolf Hasse, Carl Philipp Emanuel Bach und Georg Friedrich Händel einstudieren ließ und die schließlich um die Jahrhundertwende die Uraufführungen der Schöpfung und der Jahreszeiten von Joseph Haydn ermöglichte.

Auch Haydns Oratorium Die Jahreszeiten geht auf eine englische Quelle zurück, auf den pastoralen Gedichtzyklus The Seasons des Schotten James Thomson (1700 - 1748), der den Kreislauf des Jahres mit Naturbeschreibungen, Landschaftsbildern, zeitgeschichtlichen Seitenblicken, moralischen Reflexionen und philosophischen Betrachtungen ausschreitet. Der Hamburger Ratsherr Barthold Hinrich Brockes, dessen Passionsdichtung Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus von Händel und Telemann vertont wurde, schuf eine deutsche Übersetzung der Seasons. Sie erschien 1740 im Druck und diente nun beinahe sechs Jahrzehnte später dem Baron van Swieten als Grundlage für sein Libretto, das Thomsons Zyklus strafft, vereinfacht, bearbeitet und natürlich in Rezitative, Arien, Duette und Chöre unterteilt. Wie schon im Falle der Schöpfung versah Gottfried van Swieten auch diesmal sein Manuskript mit Marginalien, in denen er Haydn Ratschläge zur musikalischen Behandlung des Stoffes erteilte.

Diese Kommentare und Fingerzeige waren dem Komponisten keineswegs lästig, eher im Gegenteil: »Ich habe nötig, oft mit dem Baron zu sprechen, um Änderungen an dem Texte machen zu können, und außerdem ist es für mich ein Vergnügen, ihm verschiedene Nummern zu zeigen, weil er ein tiefer Kenner ist, der selbst gute Musik gesetzt hat.« Im Textbuch zur Schöpfung findet sich am Beginn des ersten Teils die zu musikhistorischer Berühmtheit gelangte Randbemerkung: »In dem Chore könnte die Finsternis nach und nach schwinden; doch so, dass von dem Dunkel genug übrig bliebe, um den augenblicklichen Übergang zum Lichte recht stark empfinden zu machen: Es werde Licht etc. darf nur einmahl gesagt werden.« Ähnlich glückliche Einfälle notierte Swieten auch im Libretto der Jahreszeiten: »Bei dem Ewiger etc. [die Worte des Chores ›Ewiger, mächtiger, gütiger Gott!‹ am Ende des Frühlings] meine ich, daß ein von der Tonart des vorhergehenden Freudenlieds auffallend verschiedener Ton gute Wirkung hervorbringen und das Feyerlich-Andächtige des Ausrufs ungemein erheben würde.«

Andächtiges Staunen

Niemand jedoch hätte diese Anregung genialer in die musikalische Tat umsetzen können als Joseph Haydn. Am 24. und 27. April sowie am 1. Mai 1801 fanden die ersten Aufführungen der Jahreszeiten im Wiener Stadtpalais des Fürsten Schwarzenberg statt. »Stumme Andacht, Staunen und lauter Enthusiasmus wechselten bey den Zuhörern ab«, hieß es in der Leipziger Allgemeinen musikalischen Zeitung; »denn das mächtige Eindringen kolossalischer Erscheinungen, die unermeßliche Fülle glücklicher Ideen überraschte und überwältigte die kühnste Einbildung.«

Längst nicht alles kann zur Sprache kommen. Gleichwohl soll mit ausgewählten Beispielen ein erster Eindruck der »unermeßlichen Fülle« dieses Oratoriums vermittelt werden. Das pastorale Genre ist, fast möchte man sagen »naturgemäß«, prominent vertreten: Der G-Dur-Chor des Landvolkes, »Komm, holder Lenz!«, huldigt mit dem 6/8-Takt, den sanft wiegenden Rhythmen, der Dreiklangsmelodik und den Borduntönen dieser musikalischen Sphäre ebenso wie die F-Dur-Arie des Simon, »Der munt're Hirt versammelt nun«, mit konzertierendem Horn und der in Terz- und Sextparallelen begleiteten Gesangslinie. Wenn Simon, der Pächter (gesungen vom Bass), zuvor die allererste Arie des Werkes anstimmt, »Schon eilet froh der Ackersmann / zur Arbeit auf das Feld, / in langen Furchen schreitet er / dem Pfluge flötend nach«, erklingt dazu im Orchester ein Zitat aus dem Andante der Symphonie Nr. 94, Haydns berühmter Londoner Symphonie Mit dem Paukenschlag, die nach wenigen Jahren schon eine solche Beliebtheit errungen hatte, dass sich der Komponist diese Anspielung erlauben durfte. In einem glücklichen musikhistorischen Moment war es Joseph Haydn vergönnt, höchste Kunst und Popularität, Anspruch und Erfolg, Tiefe und Effekt zu versöhnen.

Entfesselte Elemente, urwüchsige Lebensfreude, bäuerliche Geselligkeit

Eine thematische Verwandtschaft - Zitat wäre wohl zu viel gesagt - wurde auch zwischen dem Adagio der haydnschen Symphonie Nr. 98 in B-Dur und dem Bittgesang aus dem Frühling der Jahreszeiten bemerkt. Beiden ist eine stille, hymnische Feierlichkeit eigen, ein tief empfindungsreicher Gesang, ruhig, heiter und friedvoll. Suchte man in Haydns Oratorium nach einem Gegenpol in Ausdruck und Atmosphäre, käme rasch der Sommer mit der beklemmenden Kavatine des Lukas (»Dem Druck erlieget die Natur«) und natürlich die entfesselte Sturmmusik des Chores (»Ach, das Ungewitter naht!«) in Betracht. Elementare, urwüchsige Lebensfreude feiert die Herbst-Kantate. Die Arie des Simon, »Seht auf die breiten Wiesen hin!«, zeigt mit zweifacher Tempoverschärfung den im Jagdfieber voraneilenden Hund, der dann jäh in seinem Lauf stockt - auch die Musik hält inne -, ehe ein Paukenschlag den trefflichen Gewehrschuss des Jägers knallen lässt. Mit Hörnerschall, Jagdsignalen, Hundegebell und markigem Chor wird das waidmännische Vergnügen der Hatz auf den Hirsch kraftvoll besungen. Dieses urwüchsige Hochgefühl übertrumpft noch bei weitem das anschließende Winzerfest, das sich mit dem Tanzschritt des »Deutschen« und einer, wie Haydn sie nannte, »besoffenen Fuge« schließlich zum fröhlich-jauchzenden Trinkgelage steigert.

Dann wird es still in der Welt. Der Winter legt ein eisiges Schweigen über die Landschaft. Der junge Bauer Lukas (Tenor) klagt über die Gefahren, die Ängste und Irrwege, die den Wanderer in der Schneewüste bedrohen. Doch anders als bei James Thomson, der den Unglücklichen in der Kälte erfrieren lässt, weist ihm van Swieten ein warmes Obdach in einer behaglichen Hütte. Wer dächte bei dieser Arie nicht an Schuberts Winterreise, an den namenlosen Wanderer, der sich den Weg bahnt durch Nacht und Eis. Doch er gehört einer anderen Generation, einem anderen Zeitalter an: Die Heimat- und Hoffnungslosigkeit der schubertschen Lieder, ihre inständige Todessehnsucht, finden in Haydns musikalischem Kosmos keinen Widerhall. In der traulichen Stube trifft Lukas auf eine gesellige und fleißige Runde. Die Worte des Spinnerlieds, das die Frauen intonieren, stammen aus der Feder des deutschen Balladendichters Gottfried August Bürger.

Und auch bei dem Lied mit Chor, das Hanne, die Tochter Simons, danach zum Besten gibt (»Ein Mädchen, das auf Ehre hielt«), erlaubte sich van Swieten eine literarische Anleihe. Er entnahm den Text dem Singspiel Die Liebe auf dem Lande (1768) von Johann Adam Hiller und Christian Felix Weiße, die ihrerseits auf das Libretto Anette et Lubin des Franzosen Charles Simon Favart zurückgegriffen hatten. Noch einmal schlägt die Stimmung um: »Vom dürren Osten dringt / ein scharfer Eishauch jetzt hervor«, singt Simon und ermahnt: »Erblicke hier, betörter Mensch, / erblicke deines Lebens Bild.« Zu den Worten »Schon welkt dein Herbst dem Alter zu« zitiert Haydn das Andante aus der Symphonie g-Moll KV 550 seines früh verstorbenen Freundes Mozart - eine wehmütige Erinnerung an unwiderruflich vergangene Tage. Aber geradezu fassungslos vernimmt man nach der Zeile »Verschwunden sind sie wie ein Traum« die hohen Bläserakkorde, die wie ein »Vorecho« der Sommernachtstraum-Ouvertüre Felix Mendelssohn Bartholdys anmuten. Dass Die Jahreszeiten ein unbegreifliches Geschenk des 18. an das 19. Jahrhundert waren, wird dem Hörer nicht nur in diesem Augenblick bewusst.

Urvertrauen in die Schöpfung

»Nur Tugend bleibt. / Die bleibt allein / und leitet uns unwandelbar, / durch Zeit und Jahreswechsel.« Am Ende der Jahreszeiten schlüpft der Landmann Simon in die Rolle des Weisen. Gottfried van Swieten legt ihm die Maximen einer aufklärerisch-optimistischen Moral in den Mund. Das abschließende Terzett mit Doppelchor paraphrasiert in seinem katechismusartigen Wechselgesang den 15. Psalm: »Wer darf durch diese Pforten gehen?« - »Der Arges mied und Gutes tat.« Doch gewiss fühlten sich die Zeitgenossen auch an die freimaurerischen Lehren und Riten der Zauberflöte erinnert. Es sei nicht vergessen, dass Haydn selbst sich zur Freimaurerei bekannte und in die Wiener Loge Zur wahren Eintracht eintrat.

Und der Baron van Swieten wurde 1791, als Gerüchte über eine staatsgefährdende Freimaurerverschwörung die Regierung in Aufregung versetzten, zeitweilig seiner Ämter enthoben (aber bereits wenige Monate später von Kaiser Franz II. rehabilitiert). »Uns leite deine Hand, o Gott! / Verleih uns Stärk' und Mut; / dann siegen wir, dann geh'n wir ein / in deines Reiches Herrlichkeit.» Mit diesem hochherzigen Gebet klingen Die Jahreszeiten feierlich und erhaben aus.

Haydns Geständnis, niemals so fromm gedacht und gefühlt zu haben wie in der Zeit, da er Die Schöpfung komponierte, gilt zweifellos auch für dieses Oratorium. Frömmigkeit, eine höhere Naivität, Urvertrauen in die Weisheit der Schöpfung, die Güte des Menschen, das unfehlbare Glück eines einfachen, naturgemäßen und tugendhaften Lebens sprechen aus jedem Takt dieser Musik, selbst noch im wildesten Sturm und in der schneidendsten Kälte. Joseph Haydn, so sagt der italienische Schriftsteller Claudio Magris, sei »vielleicht eine der letzten - oder einfach eine der ganz seltenen? - Manifestationen einer ungebrochenen harmonischen Totalität, einer Schöpfung ohne Schatten«. Dieser Komponist habe in einer Sicherheit gelebt, »die zugleich die eines vollkommen freien und gelösten Menschen ist: eines Menschen, der - wie Freud schreibt - unbewusst weiß, dass nichts ihn bedrohen kann«.

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