Programmheft Nr. 26 zum 02.12.2009

Aus dem Schilf gerissen


Die Ney-Flöte – Stimme der Gottessehnsucht

»Lausche der Ney, wie sie klagt, sie erzählt eine Geschichte der Trennung.« (Celaleddin Rumi, genannt Mevlânâ)

Kaum ein anderes Musikinstrument der Welt ist derart einfach konstruiert wie die Längsflöte Ney: ein einfaches Schilfrohr, bei dem die Kante am oberen Ende leicht angeschärft ist, ein Daumenloch, weiter unten sechs Grifflöcher. Zu spielen aber ist sie unendlich schwer. Vor etwa 5000 Jahren entstand die älteste erhaltene Flöte dieser Art. Sie liegt heute im Museum der University of Philadelphia und stammt aus einem sumerischen Grab. Abbildungen von Flöten gleichen Typs stammen aus dem alten Ägypten, auch sie sind dem dritten vorchristlichen Jahrtausend zuzuordnen. Erst in osmanischer Zeit, etwa im 16. Jahrhundert , erfuhr die Ney-Flöte durch ein aufsteckbares Mundstück (Başpâre) aus Elfenbein oder Büffelhorn eine konstruktive Weiterentwicklung. Zudem schützen seither Metallringe (Perâzvane) an beiden Enden das Rohr der Flöte vor dem Splittern.

Allein die Tonerzeugung erfordert viel Übung. Ein sauberer Klang, vor allem in der Tiefe, gelingt nur erfahrenen Interpreten. Die Ney wird beim Spielen leicht schräg gehalten, die Lippen formen einen Windkanal, der direkt auf den Rand des Rohrs treffen muss. Schon im Osmanischen Reich galt ein Ney-Ton erst dann als wirklich schön, wenn er mit viel Anblasgeräusch erzeugt wurde. Da Daumen- und Grifflöcher weit auseinanderliegen, ist das Melodiespiel außerordentlich schwierig. Der Spieler schließt die Löcher nicht mit den Fingerkuppen (wie bei europäischen Flöten) sondern etwa zwischen erstem und zweitem Fingerglied. Verbunden mit präzise abgestimmter Atmung und wechselndem Anblaswinkel sind mit dieser Grifftechnik alle Mikrotöne des türkischen Tonsystems zwar spielbar, ihre genaue Intonation allerdings ist sehr heikel. Der Tonumfang reicht bei guten Spielern über drei Oktaven. Heute sind solche offenen Längsföten in den verschiedensten Größen zwischen 30 und 80 cm Länge in allen arabischen Ländern, im Iran, in Indien und bis hinein in den zentralasiatischen Raum verbreitet. Der Name »Ney« stammt aus dem Persischen und bedeutet wörtlich Rohr, Schilf oder Bambus.

Ihre höchste Entwicklungsstufe in Spieltechnik und kultureller Bedeutung erreichte die Ney im Osmanischen Reich beziehungsweise in der heutigen Türkei. Es entstand ein neuer Klang, weicher und flexibler als bei den arabischen Instrumenten. Lange, klangvolle Töne, eine schwebende, metrisch-freie Phrasierung mit verschleppter Artikulation, vielen Glissandi und mikrotonalen Verschleifungen prägen diesen Ney-Stil. Einzelne Töne, sogar ganze Melodien können beinahe unmerklich in die höhere Oktave umklappten. Wie kein anderes osmanisches Instrument vermittelt die Ney ein Gefühl von Schwerelosigkeit.

Historisch Genaueres über das Instrument wissen wir seit der Zeit von Celaleddin Rumi, genannt Mevlânâ (1207 - 1273). Ursprünglich aus dem afghanischen Balkh stammend entwickelte dieser heute berühmteste mystische Dichter der islamischen Welt in Konya (südlich des heutigen Ankara) seine Lehre einer inneren Vereinigung mit Gott. Für Mevlânâ war Musik die Sprache Gottes und in dem Gedicht Mesnevî erläuterte er die symbolische Bedeutung der Ney. Der Anfang ist noch heute berühmt und wird häufig zitiert: »Lausche der Ney, wie sie klagt, sie erzählt eine Geschichte der Trennung.« Die Ney symbolisiert für Mevlânâ den erleuchteten Menschen (insan-ı kâmil), den Gott Liebenden, der die Bedeutung der Existenz verstanden hat: So wie der Mensch aus seiner einstigen Einheit mit Gott ins irdische Leben gerissen wurde, so wird die Ney aus dem Schilf geschnitten. Sie vertrocknet und wird gebrannt (zur Herstellung der Löcher) in der Flamme der Liebe. Erst nach diesem langen und schmerzhaften Weg erlangt sie ihre göttliche Stimme und kann ihre Sehnsucht nach dem Schilf aus dem sie kommt zum Klingen bringen - so, wie der Ney-Meister mit ihr seine Sehnsucht zurück zur Vereinigung mit Gott artikuliert. Für Mevlânâ - und die Angehörigen seines Sufi-Orden, den Mevlevî - birgt die Ney demnach das Geheimnis Gottes. In späteren Jahrhunderten entstand eine Fülle von religiösen Legenden und Geschichten um die Ney; bis heute gilt sie in der Türkei als das islamische Musikinstrument überhaupt.

Im Orden der Mevlevî entstand in der Nachfolge Mevlânâs ein festes Ritual mit Musik und Tanz, welches Sema (wörtlich »Hören«) genannt wurde. Wichtigstes Instrument darin - häufig überhaupt das einzige Melodieinstrument - war die Ney. Musikalischer Leiter eines Sema-Ensembles war allerdings der Spieler der kleinen Doppelpauke (Kudüm). Aber auch Neyzenbaşı (Leiter der Ney-Spieler einer Sema-Zeremonie) war innerhalb des Ordens ein bedeutender Rang. Hamza Dede, der Ney-Spieler Mevlânâs ist der älteste namentlich bekannte Interpret, sein Titel Dede besagt, dass er geistiger Führer der Mevlevî war. Auch von späteren Ney-Spielern der Mevlevî wissen wir die Lebensdaten, oft auch biografische Details. Viele hinterließen Kompositionen, die bis heute gespielt werden. Weit über 100 historische Ney-Meister aus osmanischer Zeit sind heute namentlich bekannt, mit Abstand die meisten von ihnen waren Angehörige der Mevlevî.

Seit dem 15. Jahrhundert lassen sich Verbindungen des Mevlevî-Ordens zum osmanischen Hof belegen. Spätestens im 17. Jahrhundert wirkten Ney-Spieler der Mevlevî gleichzeitig als Hofmusiker. Das Instrument wurde fester Bestandteil weltlicher Ensembles. Ney-Spieler galten seitdem als die besten Musiker des Osmanischen Reichs und genossen hohes Ansehen. Aus den Derwisch-Konventen brachten sie die Kunst der Improvisation in die weltliche osmanische Kunstmusik. Zwischen weltlichen Kunstliedern spielten sie lange, hochkomplexe Improvisationen. Schließlich übernahmen auch Sänger den Stil und stellten die melodischen Modi (Makam) in Gesangsimprovisationen dar.

Vor allem seit dem 19. Jahrhundert traten einige Ney-Spieler als Musiktheoretiker hervor. In ihren Traktaten sind die historischen Grifftabulaturen überliefert und die zahllosen melodischen Modi ihrer Zeit. Heute verwenden Ney-Spieler Instrumente in verschiedenen Größen, um in allen Modi und Tonlagen spielen zu können. Typische Ney-Größen sind Kız, Mansur, Şah, Davud und Bolâhenk; Neys in höherer Oktave heißen Nısfiye. Viele gute Ney-Spieler, so auch Süleyman Erguner, fertigen ihre Ney-Flöten selber. Die besten Schilfrohre dafür kommen aus der südanatolischen Region Hatay, nahe der syrischen Grenze.

Obwohl der Orden der Mevlevî 1927 aus politischen Gründen verboten wurde, stehen noch heute die besten Ney-Spieler dem sufischen Islam und der Lehre Mevlânâs nahe und sehen sich, verbunden über ihre Lehrer und deren Lehrer, als Nachfolger der Musikschule der Mevlevî. Auch die Kunst der Gesangsimprovisation wurde vor allem von Musikern dieser Tradition weiter gepflegt. Bis in die 1990er-Jahre galten alte, freie Vokalformen wie Gazel und Kaside als praktisch ausgestorben. Mit dem Wiedererstarken des Islam traten jedoch Sänger hervor, die die Musik der Mevlevî über Jahrzehnte in privaten Kreisen am Leben erhalten hatten.

Heute wird die Ney-Flöte auch in leichterer Kunstmusik, türkischer Volks- und sogar Popmusik eingesetzt, international wurde das Instrument in der Weltmusik-Szene populär, zuletzt durch den Lounge-Musiker Mercan Dede - der Zusatz Dede ist bei ihm allerdings lediglich selbst gewählter Künstlername und kein religiöser Titel. In Europa dürfte die Ney eines der Bekanntesten osmanisch-türkisch Musikinstrumente sein, Kudsi Erguner hat mittlerweile zahlreiche Schüler vor allem in Frankreich und Italien ausgebildet, das Konservatorium Rotterdam bietet gar einen eigenen Master-Studiengang Ney an. Seine zahllosen CDs und internationalen Konzerte haben die Ney beinahe weltweit bekannt gemacht, und interreligiöse und interkulturelle Begegnungen aller Art initiiert. Kudsi Erguner improvisierte mit Jazz-Musiker, westlichen Klassik-Interpreten, aber auch in Ensembles mit afrikanischen oder indischen Instrumenten. Seine Herkunft aus einer hoch angesehen Familie osmanischer Musiktradition gibt ihm das Selbstbewusstsein auch mit internationalen Spitzenmusikern auf gleicher Höhe zusammenzuarbeiten. So stammt auch heute Abend ein Teil des Programms aus der Tradition der Mevlevî-Konvente, wo sich einst die besten Musiker von Istanbul trafen, Hymnen sangen und sie durch lange, klangsinnliche Improvisationen miteinander verbanden, auf der gemeinsamen Suche nach Gott.

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