Originalklang an der Spree
Die Akademie für Alte Musik


Von Claudia Quasthoff

»Akamus - das ist mehr als nur Musik, Akamus, das ist fast schon eine Philosophie«, sagt Felix Hilse, Manager der Akademie für Alte Musik, kurz Akamus, wie das Orchester von Freunden und Musikern genannt wird. Die Philosophie, von der Hilse spricht, diese Einzigartigkeit, spürt das Publikum bei den Konzerten des Spitzenensembles: Denn Akamus nimmt seine Zuhörer mit auf eine Reise, die vor gut 30 Jahren begonnen hat, die aber eigentlich Jahrhunderte älter ist. Doch was genau macht diese Philosophie aus?

Wir sind in Ost-Berlin, Ende der 1970er-Jahre: Ein kleiner Kern von Musikern aus verschiedenen Orchestern der Stadt findet sich zusammen, um Kammermusik zu machen. Es ist ein Zufall, dass der Potsdamer Geiger Peter Liersch auf die Gruppe stößt. Liersch, so berichten die Konzertmeister Bernhard Forck und Stephan Mai, habe damals schon historische Instrumente gesammelt, habe sie restauriert und wollte sie auch gespielt sehen und hören. »Am Anfang war das ganz schrecklich mit den Dingern«, erinnert sich Stephan Mai, »wir kommen ja aus einer Orchesterschule, wo man sozusagen ›vernünftig‹ Geige spielen lernt. Wenn man zum ersten Mal so einen alten Bogen in der Hand hat, hört sich das schon anders an.«

Spaß am Anderssein

Das Spielen auf den alten Instrumenten ist anstrengend, richtig Spaß macht es am Anfang niemandem. So ist es eigentlich nicht verwunderlich, dass die meisten Musiker nicht lange motiviert sind. Die kleine Gruppe löst sich auf, es bleibt eine noch kleinere zurück um die drei Studienfreunde Stephan Mai (Violine), Frank Deike (Violoncello) und Ernst-Burghard Hilse (Flöte), dem Vater des heutigen Managers.

Für diesen harten Kern liegt der Reiz weiterzumachen auch in der Verrücktheit der Sache, im Anderssein. Es scheint, als wäre in der DDR Alte Musik gar nicht so weit entfernt von politisch wachem Denken. Stephan Mai: »Es war sicher auch ein Funken Oppositionsgeist dabei, und ein ganz kleiner Funken Anarchie. Normalerweise weiß man, wie Musik funktioniert, wie die Instrumente funktionieren. Dann kommt da dieses andere Instrument und nichts ist mehr klar.«

Da die Musiker alle einen Brotberuf in einem anderen Orchester hatten, wurde zunächst nach Feierabend in Privatwohnungen geprobt - ja, ganze Familienurlaube widmeten die Musiker dem Hobby Akamus. In Eubin, Storkow oder Lochmühle, eben dort, wo der eine oder andere Musiker Beziehungen zu einem kirchlichen Heim hatte, verbrachten sie mit ihren Familien die Sommerferien. Es gab Feste, es wurde gemeinsam gekocht, gespielt - und geübt, geübt, geübt...

Mit Telemann ging es los

Auch wenn es vorher schon Konzerte gab und einige der Musiker schon lange miteinander spielten, wird ein Konzert im Herbst 1982 in der Kirche des Köpenicker Schlosses als Debüt des Ensembles angesehen. Die Musiker spielten damals Werke von Georg Philipp Telemann, einem Komponisten, mit dem man Akamus bis heute stark in Verbindung bringt. Bernhard Forck: »Mit Telemann ging es los, und er ist immer ein wichtiger Teil von unserer Arbeit geblieben.« Stephan Mai ergänzt: »Telemann ist geistvoll, ich möchte ihn beinahe witzig nennen. Wenn man das bei geistlicher Musik so sagen kann. Seine Bilder sind nahezu wie Cartoons.« Ein idealer Einstieg also für die Musiker - und ein Studienführer durch die barocke Musik. Später holte Akamus zahlreiche Werke vergessener Komponisten in die Konzerthallen: Quantz, Nichelmann, Schaffrath, Graun, Carl Philipp Emanuel oder Wilhelm Friedemann Bach.

Als 1984 das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt, das heutige Konzerthaus, wiedereröffnet wurde, war Akamus schon so groß, dass das Ensemble eine eigene Abonnement-Reihe erhielt. Ein Jahr später erschien die erste Platte von Akamus - gleichzeitig beim DDR-Plattenlabel Eterna und beim westdeutschen Label Capriccio. Zu diesem Zeitpunkt war man auf die Ostberliner Musiker bereits im In- und Ausland aufmerksam geworden. Das Ensemble durfte ins nichtsozialistische Ausland reisen, fuhr zum Festival Alte Musik nach Herne, zu den Tagen Alter Musik nach Regensburg, zum Utrecht-Festival, nach Innsbruck, Bremen, Westberlin.

Bernhard Forck erzählt: »Wir konnten uns als Ensemble zum ersten Mal einordnen, uns vergleichen. Wir arbeiteten vielleicht als Autodidakten mit historischen Instrumenten, aber wir waren alle Vollprofis und hatten eine fundierte Ausbildung und auch gute Stellen in Orchestern.« Und Stephan Mai fügt hinzu: »Wir kamen nicht als Laien dort an, wir mussten uns überhaupt nicht verstecken, im Gegenteil. Und wir haben so viel mitgenommen, an Aufführungen, an Übungen.«

Neue Möglichkeiten nach dem Mauerfall

Die Wende bedeutete für viele Ostunternehmen das Aus. Nicht so für Akamus. »Im Grunde war für uns die Maueröffnung nur eine Erweiterung der Möglichkeiten. Es gab ja in Westberlin kein vergleichbares Orchester dieser Art. Außerdem waren wir für die Westberliner keine Unbekannten. Die ersten Konzerte hatten wir dort schon ein Jahr vor dem Mauerfall gegeben«, so Bernhard Forck. Gleich nach der Wende kam eine Anfrage des Westberliner RIAS Kammerchors - ein Glücksfall für beide Seiten. Wenig später wagten die Musiker den Schritt in die Selbständigkeit. Akamus war kein Hobby mehr.

Am 13. Januar 2010 konzertiert Akamus mit der Sopranistin Sandrine Piau im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie. Gespielt werden Werke von Händel, Keiser, Schiefferdecker - und natürlich Telemann. Originalklang heißt die Reihe. Stephan Mai sagt dazu mit einem leichten Schmunzeln: »Durch historische Instrumente hat man es eine Spur leichter, dem historischen, dem originalen Klang der Alten Musik nahe zu kommen. Die menschliche Stimme, sagt man, ist das Instrument der Seele. Aber auch die anderen Instrumente sind nicht weit weg von der Seele, wenn das, was man macht, mit Herzblut gemacht wird. Wenn man etwas zu sagen hat, wenn man sein Instrument im wahrsten Sinne instrumentalisiert, wenn das Publikum spürt, dass wir Spaß haben am Musizieren - dann ist das für mich Originalklang!«