Pamphlet Nr. 28 for 02.12.2006

Familienkonzert zu Engelbert Humperdincks Oper »Hänsel und Gretel«


Liebe Kinder,

herzlich willkommen in der Berliner Philharmonie! Zu unserem ersten Konzert, das wir ganz speziell für Euch ausgedacht und gestaltet haben! Heute spielen die Berliner Philharmoniker für Euch eine Komposition zu einer Geschichte, die Ihr bestimmt alle kennt: Hänsel und Gretel. Engelbert Humperdinck heißt der Komponist, der sich die Musik zu dem etwas gruseligen Märchen ausgedacht hat, und zwar schon vor mehr als 100 Jahren: Die Uraufführung war 1893, einen Tag vor Heiligabend.

Die Geschichte von Hänsel und Gretel geht in dieser Oper allerdings ein wenig anders, als Ihr sie aus dem Märchen der Gebrüder Grimm kennt. Das liegt daran, dass Humperdincks Schwester Adelheid den Text geschrieben hat, nach dem er dann seine Musik komponierte. Und dafür hat sie eben ein paar Dinge verändert. Deshalb erzählen wir Euch erst einmal ganz kurz den Ablauf den Handlung – so, wie sie in Humperdincks Hänsel und Gretel vorkommt:

Hänsel und Gretel sind die Kinder des Besenbinders Peter und seiner Frau Gertrud. Die Eltern sind arm und die Familie hat nie genug zu essen. Eines Abends passiert ein schlimmes Unglück: Bei einem Streit zwischen den Geschwistern und der Mutter fällt ein Topf Milch zu Boden, der für das Abendessen vorgesehen war. Damit die Familie trotzdem etwas zu essen bekommt, schickt die wütende Mutter Hänsel und Gretel in den Wald: Sie sollen Beeren pflücken. Kaum sind die Kinder losgezogen, kommt der Vater zurück. Er erschrickt, als er hört, dass Hänsel und Gretel allein unterwegs sind – und auch der Mutter tut es jetzt leid, dass sie die beiden in ihrer Wut weggeschickt hat. So gehen die Eltern los, um ihre Kinder zurückzuholen.

Die Geschwister haben in der Zwischenzeit viele Beeren gefunden. Aber der Ruf eines Kuckucks macht sie übermütig: Sie füttern sich gegenseitig mit den Beeren, bis der Korb wieder leer ist. Jetzt ist es auch dunkel geworden. Der vorher so helle und freundliche Wald wirkt nun bedrohlich und gespenstisch. Hänsel und Gretel haben Angst. Da kommt das freundliche Sandmännchen und streut ihnen Schlafsand in die Augen. Die Kinder sind beruhigt und beten gemeinsam ihren Abendsegen. Nun sind sie ganz sicher, dass sie von Engeln behütet werden und ihnen nichts Böses geschehen wird. Sie schlafen ein.

Am nächsten Morgen werden sie vom Taumännchen geweckt: Aus einer Glockenblume schüttelt es Tautropfen auf die beiden Kinder. Ein heller, freundlicher Tag bricht an. Direkt vor den Kindern steht ein Zaun aus Lebkuchen und dahinter ein Haus aus lauter Süßigkeiten. Doch während sie glücklich davon naschen, schleicht sich eine hässliche, alte Frau heran: Die Hexe! Schnell verkehrt sich das Glück in Unglück: Die Hexe sperrt Hänsel und Gretel ein und will sie in ihrem Ofen zu Lebkuchen backen! Denn auch die Lebkuchen, aus denen der Gartenzaun besteht, sind nicht anderes als arme, verzauberte Kinder. Doch Gretel ist schlau: Sie überlistet die Hexe und stößt die Alte in ihren eigenen Ofen. Hänsel und Gretel sind frei – und auch die verzauberten Lebkuchenkinder verwandeln sich zurück in lebendige Menschenkinder. Die Eltern von Hänsel und Gretel kommen dazu und umarmen sie, erleichtert und glücklich.

So geht bei Engelbert Humperdinck die Geschichte. Aber bevor in der Philharmonie die ersten Sänger auftreten, spielt das Orchester erst einmal allein. Warum? Weil der Komponist hier schon anfängt zu erzählen, bevor der Text beginnt. Musik, die zu einer Geschichte geschrieben wird, malt zwar immer auch ein wenig das mit Klängen aus, was gerade geschieht oder wovon gerade berichtet wird. Zum Beispiel wenn das Taumännchen auftritt: Die Harfe und ein Glöckchen spielen da auf eine Weise zusammen, dass man fast glaubt, die Glockenblume und die Tautropfen vor sich zu sehen. Oder wenn es dunkel wird im Wald: Plötzlich klingen dieselben Instrumente, die kurz zuvor noch eine so freundliche Stimmung gezaubert haben, düster und bedrohlich. Und das nur, weil der Komponist die einzelnen Instrumentengruppen anders zusammenstellt und andere Töne, unruhigere Rhythmen und schnell sich verändernde Lautstärken aufgeschrieben hat!

Aber im Vorspiel, wo noch nicht mit Worten erzählt wird, da spricht die Musik ganz für sich allein. Und wenn Ihr an dieser Stelle gut zuhört, ahnt Ihr bereits, welche Stimmung wenig später in der Geschichte vorherrschen wird. Und Ihr werdet die ganze Zeit über viel wiedererkennen. Denn dort, im Vorspiel, tauchen die wichtigsten Themen und Motive der Komposition auf. Das allerwichtigste sogar gleich zu Beginn: Ganz behutsam und weich stimmen vier Hörner ein ruhiges und beruhigendes Thema an. Da ahnt Ihr vielleicht schon, das am Ende alles gut ausgehen wird – denn die ganze Zeit über gibt es etwas, das ebenso ruhig und behütend über Hänsel und Gretel wacht wie diese Klänge. Auch wenn es dazwischen sehr gefährlich und fast brutal zugeht, ganz so wie im Mittelteil des Vorspiels. Immer wieder gibt es Stellen, die Euch an diese ersten Takte und dieses erste kleine Motiv erinnern werden. Es führt, es »leitet« eure Ohren gleichsam durch die Geschichte, versteckt sich, blitzt kurz wieder irgendwo auf, ist manchmal ganz deutlich und lang zu hören, dann scheint es wieder wie vom Erdboden verschluckt. Ihr hört den Anfang davon gleich zu Beginn der Geschichte noch einmal, in der ersten Szene, kurz bevor die Geschwister auftreten. Da lassen die Orchesterinstrumente mit diesem kleinen Motiv die Atmosphäre des freundlichen, gemütlichen Elternhauses entstehen, in dem Hänsel und Gretel fröhlich spielen.

Wiederfinden werdet Ihr dieses beruhigende »Leitmotiv« (so nennen das die Musiker) nach dem Auftritt des Sandmännchens: Dort, wo Hänsel und Gretel gemeinsam ihren Abendsegen beten. An dieser Stelle ist das kleine Rätsel des »Leitmotivs« gelöst, das Euch im Vorspiel gestellt wird: Die ruhige, freundliche Melodie erinnert Euch das ganze Stück über immer wieder daran, dass bei allem Unglück, das plötzlich über die Kinder hereinbricht, doch immer starke, unsichtbare Kräfte wirken. Und die sorgen am Ende dafür, dass alles gut ausgeht.

So viel Kraft haben Klänge! Und jetzt wisst Ihr auch schon ein klein wenig über das große Geheimnis, das in der Musik verborgen ist: Die Musik erzählt Euch noch viel mehr als die Worte in einer Geschichte – sonst könnte man die Geschichte ja auch einfach lesen, nicht wahr? Denn da wird manchmal viel geredet und gestritten, und man weiß gar nicht mehr so recht, was man nun eigentlich denken und glauben soll. Aber die Klänge, die sagen Euch immer, wie es dahinter aussieht. Hört sich das ein wenig kompliziert an? Vielleicht wird es mit einem Beispiel einfacher: Bestimmt habt Ihr auch einmal gelegentlich mit Eurer besten Freundin oder Eurem besten Freund einen kleinen Streit. Doch auch dann, wenn Ihr gerade nicht miteinander spielen wollt, braucht Ihr Euch doch nur in die Augen zu sehen – und dann wisst Ihr: Ihr seid immer noch Freunde, und alles wird sich bald wieder einrenken. Weil die Augen meistens die Wahrheit sagen, auch wenn sonst alles drunter und drüber geht. Und Musik ist so ehrlich wie die Augen Eurer Freunde.

Mit wie viel Fantasie Engelbert Humperdinck die einzelnen Szenen von Hänsel und Gretel gestaltet hat – das und noch viel mehr erfahrt Ihr von Klaus Wallendorf. Er spielt Horn bei den Berliner Philharmonikern und führt Euch heute durch das Konzert.