Pamphlet Nr. 63 for 20.03. / 22.03.2009

Für einen ganz besonderen Anlass


Joseph Haydns »Dramma eroicomico Orlando paladino«

Eigentlich hatte Joseph Haydn sein »Dramma eroicomico« Orlando paladino (Ritter Roland) zu einem geplanten Besuch des russischen Großfürsten Pawel Petrowitsch (des späteren Zaren Paul I.) und seiner Gattin Maria Fjodorowna, das Anfang der 1780er-Jahre – inkognito als »Grafen von Norden« – Europa bereiste, geschrieben. Auf seiner Reise besuchte das Paar auch Wien, wo es bei einem Hofkonzert Weihnachten 1781 unter anderem mit Joseph Haydn zusammentraf. Dieser erteilte der Großfürstin, einer geborenen Prinzessin von Württemberg, »2 Stunden Lection über eine seiner Compositionen« und widmete dem Großfürsten eine Druckausgabe der Streichquartette op. 33, die daher als Russische Quartette bekannt sind. Im Oktober 1782, als das Großfürstenpaar auf der Rückreise von Italien erneut in Wien weilte, sollte es auch nach Eszterháza kommen.

Selbstverständlich wollte Fürst Nikolaus »der Prachtliebende«, sein »esterházysches Feenreich« bei dieser Gelegenheit so glanzvoll wie nur möglich präsentieren. Entsprechend begannen die Vorbereitungen mehrere Monate im Voraus. Zu einem prächtigen mehrtägigem Fest gehörte selbstverständlich die Uraufführung einer vom Hofdichter verfassten und vom Hofkapellmeister komponierten Oper. Gerade sein Kapellmeister Joseph Haydn, der zu diesem Zeitpunkt bereits europaweit bekannt war, würde dem Fürsten alle Ehre machen. Ende Juli 1782 berichtete Haydn über die Komposition der neuen Oper an seinen Wiener Verleger Artaria: »Was aber die Clavier Sonaten mit einer Violin betrifft, werden Sie noch sehr lang in geduld stehen müssen, indem ich nun eine ganz neue wellsche opera zu verfassen habe, indem der großfürst und Seine gemahlin, und vielleicht Se May. der Kaiser zu uns herab komen wird.«

Verschwenderische Vergnügungen in »Klein-Versailles«
Welchen Aufwand Fürst Nikolaus zu Ehren des zukünftigen Zaren Paul und seiner Gemahlin vermutlich betrieben hätte, lässt sich ermessen, wenn man die Feierlichkeiten betrachtet, die Nikolaus zum Besuch Kaiserin Maria Theresias 1773 veranstaltet hatte. Nach einem Spaziergang im Park wurde damals Haydns Oper L’infedeltà delusa (Untreue lohnt nicht) aufgeführt. Im Anschluss daran fand im chinesischen Redoutensaal ein Maskenball statt, bei dem die Tanzmusiker in exotischen Kostümen spielten. Am folgenden Tag kam Haydns Marionettenoper Philemon und Baucis zur Uraufführung, die in einer Apotheose des Hauses Habsburg endete. Am Abend wurde im festlich illuminierten Park ein Feuerwerk abgebrannt. Mehr als 1000 Bäuerinnen und Bauern aus der Umgebung führten Volkstänze auf.

Der Besuch des russischen Großfürstenpaars in Eszterháza kam indes nicht zustande, sodass Orlando paladino stattdessen zum Namenstag des Fürsten am 6. Dezember 1782 uraufgeführt wurde. Haydn schöpfte in seiner Oper alle Möglichkeiten aus, die ihm in Eszterháza zur Verfügung standen. Und diese waren keineswegs gering. Im Gegenteil: 1781 waren zwei neue Gesangsstars ins esterházysche Ensemble verpflichtet worden: die Sopranistin Metilde Bologna und der Tenor Prospero Braghetti. Dass sie die Hauptrollen übernehmen würden, dürfte außer Frage gestanden haben.

Nachdem Nikolaus im Zuge des Umbaus sein kleines Schloss am Neusiedlersee zu einer Sommerresidenz nach Versailler Vorbild umgestaltet hatte, waren im dortigen Opernhaus zunächst vor allem Opern Joseph Haydns zu besonderen Anlässen gespielt worden: Zur Eröffnung des Theaters 1768 Lo speziale (Der Apotheker), Le pescatrici (Die Fischerinnen) 1770 zur Hochzeit einer Nichte von Fürst Nikolaus mit dem Grafen Poggi, 1773 L’infedeltà delusa zum Namenstag der Fürstinwitwe Maria Anna und erneut zum Besuch Maria Theresias sowie L’incontro improvviso (Die unvermutete Zusammenkunft) 1775 zum Besuch ihres Sohnes Erzherzog Ferdinand und dessen Gemahlin Maria Ricciarda Beatrice d’Este. 1776 hatte Fürst Nikolaus einen ständigen Repertoirebetrieb etabliert; zunächst wurden ausschließlich Opere buffe von seinerzeit hochberühmten Opernkomponisten wie Pasquale Anfossi, Domenico Cimarosa, Giovanni Paisiello, Niccolò Piccinni, Antonio Salieri und anderen aufgeführt.

Reger Opernbetrieb auf dem ungarischen Land
Zu besonderen Gelegenheiten standen weiterhin Haydns Opern auf dem Programm: Il mondo della luna (Die Welt auf dem Monde) 1777 zur Hochzeit des zweiten Sohns von Fürst Nikolaus mit Gräfin Maria Anna Weissenwolf, L’isola disabitata (Die unbewohnte Insel) 1779 zum Namenstag von Fürst Nikolaus und La fedeltà premiata (Die belohnte Treue) zur Einweihung des nach einem Brand wiederaufgebauten Opernhauses im Jahr 1781. 1783 führte Nikolaus mit der Opera seria schließlich die aufwendigste Spielart der Oper in Eszterháza ein; 1784 wurde die Spielzeit mit Haydns Opera seria Armida eröffnet, was durchaus programmatisch zu verstehen ist. Die Verpflichtung von Sängerpersönlichkeiten wie Metilde Bologna und Prospero Braghetti hatte eine wesentliche Grundlage dafür geschaffen.

Die Einführung der Opera seria erfolgte indes nicht unvorbereitet, wie man an Orlando paladino erkennen kann, der zwischen Opera buffa und Opera seria zu positionieren ist, worauf der Librettist Nunziato Porta, der Ehemann Metilde Bolognas, mit der eher ungewöhnlichen Gattungsbezeichnung »Dramma eroicomico« bereits hinwies. Porta war gemeinsam mit seiner Frau an den esterházyschen Hof gekommen, wo er als Operndirektor und Aufseher über die Theatergarderobe angestellt wurde. Von ihm stammt der Text zu Orlando paladino, wobei Porta auf ein Textbuch Carlo Francesco Badinis (des Librettisten von Haydns letzter Oper L’anima del filosofo ossia Orfeo ed Euridice) zurückgriff. Bereits 1775 hatte er Badinis 1771 für Pietro Alessandro Guglielmis Le pazzie d’Orlando entstandenes Libretto für eine Aufführung in Prag umgearbeitet.

Diese Oper wurde schließlich 1777 in Wien aufgeführt. Porta erwarb das Aufführungsmaterial 1782 aus dem Nachlass des Theaterimpresarios Giuseppe Bustelli für den esterházyschen Hof, wie aus seiner Bitte um Kostenerstattung hervorgeht: »Da ich vor 7 Monathe auf Höchstdero Befehl und Gutachten um die zwey Opern CAVALIERE ERRANTE und ORLANDO PALADINO in pa[r]titur und auch samt allen benöthigten Stimmen nach Praunschweig schrieb, wehrender Zeit aber H. Pustelli in Wien mit Todt abging, und man diese nehmliche 2 Opern bey dessen gehaltener Licitation vor halbes Geld haben konnte, beliebten Euer Hochfürstliche Durchlaucht solche von Wien zu kauffen […] Bitte derohalb mir gegenwärt. ausgelegtes Geld gnädigst ausfolgen zu lassen.«

Den esterházyschen Sängern auf den Leib geschrieben
Für Haydn gestaltete Porta den Text gegenüber der Wiener Fassung noch einmal einschneidend um. Der Schildknappe Pasquale erhielt neue Arientexte, Angelicas Arien wurden erweitert, auch Medoros Partie wurde durch eine neue Arie aufgewertet. Insbesondere die weibliche Hauptrolle der Angelica besticht in ihrer Auftrittsarie »Palpita ad ogni istante« durch leichte Koloraturen; im schnellen Teil der Arie »Non partir, mia bella face« konnte Metilde Bologna ihre Virtuosität vollends zum Ausdruck bringen. Angelicas Geliebter Medoro, der von Prospero Braghetti gesungen wurde, ist hingegen über weite Strecken eine eher lyrische Partie; erst im Duett mit Angelica »Qual contento io provo in seno« kommen seine virtuosen Qualitäten voll zum Tragen. Eine der schillerndsten Opernfiguren in Haydns Œuvre ist die Zauberin Alcina, die in der esterházyschen Aufführung von der Sopranistin Costanza Valdesturla übernommen wurde. Ihren Auftritt bereitete Haydn mit einer kurzen Sinfonia vor, in der unter anderem Streichertremoli auf die übernatürlichen Kräfte der Zauberin hindeuten. In ihrer Arie »Ad un guardo, a un cenno solo«, die dieses Stilmittel wieder aufnimmt, verweist die raumgreifende Melodik auf ihre Macht. Die Arie des Caronte strahlt Ruhe und Würde aus.

Die komische Seite wird besonders durch den Schildknappen Pasquale vertreten. Haydn schrieb die Rolle für Vincenzo Moratti, der offenbar über ein besonderes parodistisches Talent verfügte. Das »tralarala« in der Cavatina »La mia bella m’ha detto di no« könnte darauf hindeuten, dass Moratti beim Singen tanzte; die folgende Registerarie »Ho viaggiato in Francia, in Spagna« erfordert eine virtuose Aussprache. In der parodistischen Arie »Ecco spiano« imitierte der Sänger Violinspiel mit Staccato-Partien und einem über sechs Takte ausgehaltenen Ton sowie Kastratengesang mit dem Aufstieg in extreme Höhen (e″), die vermutlich im Falsett auszuführen waren. Bei der Textstelle »Oh che basso« sieht Haydn in derselben Arie den Ton H vor.

Seine freimütig-lebhafte Geliebte Eurilla, bei der Uraufführung gesungen von Maria Antonia Specioli, und der von Domenico Negri verkörperte draufgängerische Barbarenkönig Rodomonte, der nur darauf bedacht ist, sich zu duellieren, gehören ebenfalls der komischen Sphäre an. Die von Maria Antonia Speciolis Ehemann Antonio kreierte Titelfigur ist schließlich der eigentlich »heroisch-komische« Charakter der Oper. Mehrfach betont Haydn besondere Worte durch Spitzentöne, wie »morirò« in Angelicas Arie »Non partir, mia bella face«. Das Auftauchen eines Seeungeheuers, das Orlando bedroht, markiert Haydn mit einem forzato-Ausbruch im Einklang.

Häufiger Szenenwechsel, viel Situationskomik
Die Oper wird weniger von einer stringenten Handlungsfolge zusammengehalten, sondern lebt von dem Wechsel der verschiedenen Bilder sowie von Situationskomik. Auffällig sind die elf verschiedenen Bühnenbilder, wobei der letzte Wechsel des Szenerie – die Verwandlung eines Zimmers in einen feierlich erleuchteten Venustempel – auf offener Bühne vollzogen wurde. Solche Theatereffekte waren im 18. Jahrhundert besonders beliebt. Gerade diese prunkvolle Ausstattung dürfte in unmittelbarem Zusammenhang mit dem geplanten Staatsbesuch gestanden haben.

Das Konzept ging auf; Orlando paladino ist die Oper Haydns, die zu seinen Lebzeiten wohl am häufigsten aufgeführt wurde. In Eszterháza wurde sie bis 1784 insgesamt 21 Mal gespielt; 1792 kam sie in italienischer Sprache in Dresden auf die Bühne. Zumeist wurde sie indes in deutscher Übersetzung gegeben, unter anderem in Prag, Wien, Budapest, Mannheim, Berlin, Leipzig, München, Königsberg, Hamburg und Breslau. Die für das Mannheimer Theater erstellte deutsche Fassung hatte Haydn begonnen durchzusehen, sodass von der Oper auch eine zumindest teilweise autorisierte Übersetzung vorliegt. 1813 wurde das Stück schließlich in Sankt Petersburg aufgeführt. Paul I., der 1796 seiner Mutter Katharina II. auf den Zarenthron gefolgt war, erlebte die Vorstellung allerdings nicht mehr – er war 1801 einem Attentat zum Opfer gefallen.