Berliner Philharmoniker

10 Fragen – 10 Antworten

»Das Wichtigste, was Musik leisten kann...«

Die Berliner Philharmoniker und Sir Simon Rattle waren auf dem Gebiet der Education-Arbeit Pioniere. Von Anfang an wollten sie vermitteln, dass Musik  ganzheitlich ist, denn sie spricht gleichermaßen Seele, Körper und Geist an. Und, was besonders durch die Education-Arbeit sichtbar wird: Musik ist Motor für Weiterentwicklung und Wandel. Sie fördert Aktivität, Mitgestaltung und Kreativität, Begegnung und Austausch, die Überwindung von Hemmschwellen und Berührungsängsten. In den vergangenen zehn Jahren haben über 3.000 Menschen im Alter von 3 bis 73 Jahren aktiv an Education-Projekten der Berliner Philharmoniker teilgenommen, und die Ergebnisse wurden vor über 200.000 Zuschauern präsentiert. Die verschiedenen Aspekte der Education-Arbeit sind in den folgenden Fragen und Antworten zusammengefasst.

Wie begann alles?

Es war der Beginn einer neuen Zeit für das Selbstverständnis des Orchesters, als Sir Simon Rattle im Jahr 2002 Chefdirigent der Berliner Philharmoniker wurde. Denn er brachte aus seiner englischen Heimat eine neue Sichtweise auf die Aufgaben und Funktionen dieses Klangkörpers mit: die Herausforderung, sich einer sozialen Verantwortung zu stellen und durchlässig für alle sozialen Schichten zu werden. »To be a performing artist in the next century, you have to be an educator, too.«

Seine Entschlossenheit und Überzeugungskraft wurden nun auch für die Berliner Philharmoniker Antrieb, gemeinsam ein eigenes Education-Programm ins Leben zu rufen, das seit dem von der Deutschen Bank ermöglicht wird. Als Wegbegleiter der ersten Stunde konnte Richard McNicol aus London gewonnen werden, der seine Erfahrungen als Musikvermittler bei der London Sinfonietta und dem London Symphony Orchestra in Berlin weitergab. Von 2005 bis 2012 hat die Australierin Cathy Milliken, Komponistin und Oboistin des Ensemble Modern, das Education-Programm unter dem Namen Zukunft@BPhil modellhaft weiterentwickelt.

Für wen gibt es das Education-Programm – und wozu?

Von Beginn an ging es nicht darum, neue Abonnenten zu gewinnen oder neue Publikumskreise zu erschließen. Das Education-Programm weist weit über solche Aspekte der Wirtschaftlichkeit hinaus. Es war Sir Simons Herzensangelegenheit und Überzeugung, dass die Philharmonie als »Kulturtempel« allen Nationalitäten und ethnischen Gruppen — an denen gerade Berlin sehr reich ist — offen stehen sollte; ja mehr noch, dass sie sich allen Schichten der Bevölkerung öffnen und aktiv auf sie zugehen sollte. Die Philharmonie und das Orchester sollten ein Lernort werden, der in allen kulturellen und sozialen Bereichen der Gesellschaft wirkt, der sich an verschiedene Altersstufen, an Menschen mit den unterschiedlichsten Fähigkeiten und Begabungen wendet.

WAS ist EDUCATION – UND WAS NICHT?

Education ist fast ein Paradox: Sie ist ein offener und zugleich geschützter Raum, um gemeinsam musikalisch aktiv zu werden. Sie bietet Laien die Chance, Profis auf Augenhöhe zu begegnen. Sie ist eine Investition in Menschen und ihre Möglichkeiten, aber ohne die Erwartung an zählbare Gewinne. In ihr geht es um Bildung, aber nicht um einen prüfbaren Wissenszuwachs. Es geht um die Bildung in den Künsten, also um die Vermittlung von Wissen und Fähigkeiten zur Ausübung und zum Verständnis von Kunst.

Es geht aber auch um die Bildung durch die Künste, also um die Wirkung, die die Künste in alle anderen Lebens- und Arbeitsbereiche hinein entfalten. Education will Begegnungen mit und durch Musik ermöglichen. Und sie will damit nicht nur das Bedürfnis nach Musik, ja die Leidenschaft für Musik wecken. Sie will auch dazu beitragen, Grenzen — und nicht nur die eigenen! — zu überwinden, um damit letztlich das eigene Leben sowie das der Menschen um einen herum positiv gestalten zu können.

Wie ist das Education-Programm aufgebaut?

Der größte Teil des Programms gilt natürlich dem Musikmachen, auch in der kreativen Verschmelzung mit anderen Kunstdisziplinen, vom Film über die Bildende Kunst bis hin zu Literatur und Tanz. Dabei sollen die Education-Projekte in Zusammenhang mit dem Repertoire des Orchesters stehen, so dass in jeder Saison neue Themen mit Bezug auf das Konzertprogramm formuliert werden. Daneben gibt es Begegnungen mit den Musikern des Orchesters in Konzerten, Vorträgen, Proben und Workshops, in Kitas, Schulen und selbst in Gefängnissen.

Der Großteil des Education-Programms findet natürlich in Berlin statt. Es gab aber auch Projekte in Aix-en-Provence, Salzburg, Sydney, Amsterdam und New York — und sie zeigten eindrucksvoll: Musik kann Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede überwinden. Nach einem Projekt in den USA 2008 schrieb eine junge Teilnehmerin auf die Homepage der Carnegie Hall: »Wenn Musik so stark sein kann, dann kann ich das auch. Und ich werde stark sein!«

Welche Herausforderungen stellen sich den Musikern des Orchesters?

Education bedeutet für die Musiker, das sichere Terrain zu verlassen und sich auf neue Menschen und unkontrollierbare Situationen einzulassen. Sich völlig neuen Ansprüchen gegenüber zu sehen, die Bereitschaft zum Risiko und den Mut zu Fehlern aufzubringen und sich selbst wieder in einen Lernprozess zu begeben. Musik ist wechselseitige Kommunikation. Sie entsteht zwischen den Musikern, aber genauso zwischen den Musikern und ihrem Publikum. Die Projektteilnehmer, ob Kinder, Jugendliche oder Erwachsene, werden zu Kollegen auf Augenhöhe, mit denen man sich auf eine gemeinsame Reise begibt.

Und dabei erleben sich auch die Orchestermusiker wieder als Forschende, Neugierige und Entdeckende. Natürlich sind sie sich ihrer Rollen, ihrer Verantwortung und Aufgaben im Vermittlungsprozess bewusst, und sie verstehen es, ihren Wissensvorsprung bewusst einzusetzen. Aber die Frage, ob der Künstler der bessere Pädagoge sei, stellt sich dabei gar nicht. Wesentlich ist, was in der Begegnung von Mensch zu Mensch passiert, wie man erst zusammenkommt und anschließend wieder auseinandergeht.

»Rhythm is it«! – Und die Folgen?

Die erste Saison mit Sir Simon Rattle markierte den Aufbruch in eine neue Ära, in der die Berliner Philharmoniker ihre Arbeit und ihre Musik in die gesellschaftlichen Räume außerhalb des Konzertsaals tragen. Und der erste Schritt auf diesem Weg wurde im Februar 2003 gesetzt, mit einer Bühnenproduktion von Igor Strawinskys Le Sacre du Printemps. In der Arena, einem alten Busbahnhof in Treptow, wurde über sechs Wochen hinweg mit 250 Kindern und Jugendlichen aus 25 Nationen — zumeist aus sogenannten Problemschulen — die Aufführung dieses Balletts geprobt, unter der Anleitung des Choreografen und Tanzpädagogen Royston Maldoom.

Große Bekanntheit,ja eine immense Resonanz erlangte diese Produktion nicht zuletzt deshalb, weil sie in dem Dokumentarfilm Rhythm Is It! festgehalten wurde. Der Film zeigt eine beeindruckende Entwicklung der jungen Menschen, die aus dem Projektprozess, den Schwierigkeiten, der Selbstüberwindung und den wachsenden Erfolgen immer mehr Selbstbewusstsein ziehen und als Persönlichkeit reifen. Er zeigt aber auch das Chaos der Proben, den unmotivierten Beginn der Jugendlichen und die Interventionen der besorgten Lehrer, die fürchteten, ihre Schüler würden von Maldoom überfordert. Ende und großer Höhepunkt des Films ist schließlich der umjubelte Auftritt in der arena Berlin.

Seitdem gab es nun jedes Jahr ein ähnliches Tanz-Projekt, zuletzt im Mai 2012 zu Carmen mit der Choreografin Sasha Waltz und ihrer Compagnie. In all diesen Projekten galt jeweils für einige Wochen die ganze Aufmerksamkeit den beteiligten Kindern und Jugendlichen, die in der Regel zum allerersten Mal Musik und Tanz so intensiv erfahren haben.

Was wirklich zählt, ist der Mut, sich aus der Sicherheit und Bequemlichkeit des Bekannten zu wagen und etwas Neues zu riskieren. Für die Teilnehmer bleiben die Projekte sicher ein unvergessliches Erlebnis — und für manche von ihnen mag es sogar ein erster Schritt in ein neues Selbstverständnis, in eine neue Lebensperspektive gewesen sein.

Wie sieht es bei anderen Kulturinstitutionen aus?

Viele andere Orchester und Kulturinstitutionen haben sich längst von der Notwendigkeit der Education-Arbeit überzeugen lassen, suchen mit inszenierten Konzerten, Workshops oder Patenschaften das Gespräch mit dem Publikum. Inzwischen gibt es kaum ein Orchester, das nicht ein eigenes Education-Programm eingerichtet hat oder existierende Konzepte ausbaut. Kulturelle Bildung, kreatives Lernen in den Künsten, die Verflechtungen zwischen Kultur und Gesellschaft sind mittlerweile allgemeiner Konsens. Education ist Chefsache geworden.

Education – unverzichtbar für die Musiker der Zukunft?

Nicht nur für die Kulturinstitutionen, auch für die Musiker selbst ist Education oder Musikvermittlung inzwischen zu einem integralen Bestandteil der professionellen künstlerischen Tätigkeit geworden. Konzert- und Präsentationsformate verändern sich, die verschiedenen Publikumsprofile werden stärker berücksichtigt, pädagogische Tätigkeiten eingefordert. Für all das müssen Musiker letztlich die gleiche Intensität, Leidenschaft und Professionalität aufbringen wie in ihrer künstlerischen Expertise. Und das stellt insbesondere eine Anforderung an die Ausbildungsinstitutionen dar.

An einigen Musikhochschulen wird die Aus- und Weiterbildung zur Musikvermittlung bereits angeboten. Aber auch die künstlerische Ausbildung selbst sollte junge Musiker auf die neuen Anforderungen vorbereiten, soziale und kommunikative, konzeptionelle und persönliche Kompetenzen integrieren. Damit die Musiker der Zukunft mit der gesamten Bandbreite gesellschaftlicher Lebensbereiche kreativ, innovativ und verantwortungsvoll umgehen können.

Education oder Pädagogik?

»Education« könnte man aus dem Englischen mit verschiedenen deutschen Begriffen übersetzen: Bildung, Erziehung, Unterricht, Schulung, Pädagogik. Aber warum werden diese deutschen Begriffe vermieden? Man könnte dahinter die Sorge vermuten, es ginge um eine Pädagogisierung von Kunst, die ihrem Missbrauch und ihrer Instrumentalisierung für nichtästhetische Zwecke, ihrer Banalisierung und Simplifizierung oder gar der »Leichtigkeitslüge« Tor und Tür öffnet. Vielleicht sind die deutschen Begriffe zu sehr mit formalen Bildungsinstitutionen, den verordneten Schul- und Bildungsanstalten verknüpft, wo es doch beim Education-Ansatz um neue Freiräume gehen soll.

Durch den Anglizismus bleiben der Begriff und seine Bedeutung diffus in einer ungefährlichen Interpretationsweite. Langsam hält auch der — nicht minder interpretationsoffene — Begriff der Musikvermittlung Einzug in die Fachwelt. Die Grenze zwischen pädagogischem, musikwissenschaftlichem und künstlerischem Tun, Marketing- und PR-Strategien ist aber auch damit noch immer erklärungsbedürftig. Klar ist: Der Gesellschaftsbezug von Kunst ist integraler Bestandteil von Education. 

In der aktiven Auseinandersetzung mit Kunst entstehen Verunsicherungen, Widerstände und Reibungen, aber auch neue Perspektiven. Scheinbar Selbstverständliches wird demontiert, und man sieht sich etwas Irritierendem und Unbekanntem gegenüber. Dieses Fremde in einem künstlerischen Vermittlungsprozess zuzulassen, produktiv damit umzugehen und sich ihm anzunähern, ermöglicht überhaupt erst, dass die Neugierde die Angst überwiegt. In dieser Überwindung der Fremdheit liegt die Chance, für sich zu entdecken, dass Interventionen, Veränderungen und Gestaltung möglich sind, dass man sich selbst neu positionieren kann. In der Aneignung von »künstlerischem Denken« liegt die persönliche Relevanz, das eigene Leben wahrzunehmen und zu gestalten.

Und wie geht es weiter?

10 Jahre Education-Erfahrung, aber das Lernen und Suchen, die Neugier und die Weiterentwicklung hören nicht auf. Die Angebote sollen noch differenzierter, transparenter, leichter zugänglich und offener kommuniziert werden. Zugleich ist im Orchester der Wunsch entstanden, neben der mehrwöchigen Arbeit in den Tanzprojekten auch über einen längeren Zeitraum einen Prozess begleiten zu können. Und deswegen wird es einen neuen Baustein des Education-Programms geben, bei dem das Singen als ursprünglichste und unmittelbarste musikalische Ausdrucksform eine große Rolle spielen wird.

Simon Halsey, der als Chordirigent viel Erfahrung im »Community Singing« mitbringt, konnte dafür als künstlerischer Leiter gewonnen werden. In verschiedenen Bezirken und Quartieren Berlins sollen mit dem Chor-Programm ›Vokalhelden‹ Lebensräume für das singende Erleben von Musik geschaffen werden, in denen schwerpunktmäßig benachteiligte Kinder und Jugendliche angesprochen werden. In diesem Chor-Programm werden auf der Basis von Respekt, Vertrauen und Kontinuität nachbarschaftliche und partnerschaftliche Kontakte und Netzwerke aufgebaut, jenseits der Bildungsinstitutionen, im freien sozialen Raum der Kinder und Jugendlichen. 

 

 

Unser Partner

Die Arbeit der Berliner Philharmoniker und ihre Musik so vielen Menschen wie möglich zugänglich zu machen: Das ist die Vision des Education-Programms der Berliner Philharmoniker. Mit Unterstützung der Deutschen Bank werden seit der Gründung im Jahr 2002 Menschen aller Altersstufen, unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft und Begabung für eine aktive und schöpferische Auseinandersetzung mit Musik begeistert.

edu-fragen

Das Education-Programm soll uns daran erinnern, dass Musik kein Luxus ist, sondern ein Grundbedürfnis.
Sir Simon Rattle

Edu-Fragen 2

Am schönsten sind die Momente, wenn sich die Schüler gegenseitig motivieren oder helfen, und wenn man sie während der proben beobachtet und auf ihren Gesichtern ein Lächeln sieht. Alles Dinge, die im normalen Schulalltag eher selten sind.
Lehrerin, Tanzprojekt 2010

Die Education-Arbeit ist genaus wichtig wie Bruckner-Symphonien zu spielen.
Christian Stadelmann, Mitglied der Berliner Philharmoniker, 2003

Ich empfinde beim Tanzen das Gefühl, dass ich die Welt entdecke. Ich bin da, wo ich sein soll.
Gina, Grundschülerin, Tanzprojekt 2010

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