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Ein Pianist, der mit seinem Spiel Geschichten erzählt, das ist Pierre-Laurent Aimard. Doch die wenigsten Geschichten stammen aus einem Märchenbuch. Pierre-Laurent Aimard erzählt uns, welche Überraschungen Mozart Zuhörern und Pianisten bot, wie die algorithmisch-mathematischen Strukturen der Klavierwerke von Pierre Boulez rauschhafte Züge annehmen können oder die Geburtstagsformel in Karlheinz Stockhausens Klavierstück XIV zum Schlüssel eines beinahe magischen Rituals wird. Beliebt sind die Einführungen, in denen der ausgezeichnet deutsch sprechende Franzose durch sachliche Informationen das Hören aktiviert. Das schafft eine besondere Basis für die Aufführungen, die durch die Virtuosität und die poetischen Empfindungen des Pianisten faszinieren.
Pierre-Laurent Aimard wurde 1957 in Lyon geboren. Mit 12 Jahren begegnete er dem Komponisten Olivier Messiaen und wurde Schüler von dessen Ehefrau, der Pianistin Yvonne Loriod. 1973 gewann er den internationalen Messiaen-Preis und avancierte zum wichtigsten Interpreten der Klavierwerke Messiaens. 1976 war er mit dabei, als Pierre Boulez das Ensemble Intercontemporain gründete. 18 Jahre lang blieb der Pianist festes Mitglied dieses Ausnahmeensembles für die Musik des 20. Jahrhunderts und spielte neben Klavier auch Cembalo, Celesta, Synthesizer, Glockenspiel und Orgel. Aimard hat es nie aufgegeben, neben den neuesten (zum Teil ihm gewidmeten) Werken Musik von Mozart, Beethoven und anderen klassischen Komponisten zu spielen. Als er damit Ende der 1990er-Jahre in der Öffentlichkeit auftrat, war dies in Klassik-Kreisen eine kleine Sensation. Zahlreiche Dirigenten, Orchester und Musikensembles wollten mit ihm arbeiten. (Die schönsten Aufnahmen entstanden bislang mit Nikolaus Harnoncourt und dem Chamber Orchestra of Europe). Sie schätzen die klare Sprache, die auf analytischem Boden Sinnlichkeit entfaltet.
Aimard schenkt dem Neuen, dem noch Ungehörten seine Aufmerksamkeit, stellt sich in den Dienst dieses Phänomens. Dabei schreckt er weder vor technischen noch vor musikalischen Virtuositäten zurück. Er erarbeitet die Partituren und holt sich dann im Gespräch mit dem Komponisten (oder im Studium der Literatur) den letzten inspirierenden Impetus. Sitzt er dann als Solist (allein oder mit einem Orchester), aber gern auch als Kammermusiker auf dem Podium am Klavier, wird aus den anstrengenden Vorbereitungen ein lustvoller Vortrag. Aimard kriecht in die Noten, es macht den Anschein, als erlebe er alles, was darin steht, im Moment des Vortrags (was man manchmal an der Mimik ablesen kann): Freude, Schmerz, Überraschungen, Humor.
Durch Virtuosität und Emotionalität fesselten Pierre-Laurent Aimard und die Berliner Philharmoniker unter Kent Nagano in Messiaens Turangalîla-Symphonie im März 2000 ihr Publikum. Wer Messiaens Konzept dermaßen rauschhaft und sensibel gemeinsam realisiert hat, will weiter zusammen arbeiten. Und so wird Pierre-Laurent Aimard als vierter »Pianist in Residence« die Saison 2006.2007 der Berliner Philharmoniker begleiten: mit einem Solo-Abend, drei Kammermusikkonzerten, einem Konzert mit den Stipendiaten der Orchester-Akademie, und schließlich wird er an drei Abenden als Solist in einem Programm mit dem Orchester auftreten.

Foto: Guy Vivien
