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»Tradition und Zukunft«:
40 Jahre Orchester-Akademie

Von Juliane Wandel

Es gibt viele Gründe zu feiern, 25, 50 oder 100 Jahre, das sind die klassischen Jubiläen. Ihr 40-jähriges Bestehen nimmt nun die Orchester-Akademie zum Anlass, eine Jubiläums-Fahne zu hissen. Und nutzt damit die Gelegenheit, ihre inzwischen hochbetagten Gründungsmitglieder zu würdigen, die vor 40 Jahren, auf dem Höhepunkt ihrer Karrieren in Wirtschaft und Bankwesen, Herbert von Karajans Idee der Gründung einer Akademie die unerlässliche finanzielle Unterstützung gaben. Die erste Stipendiatengeneration kehrt bei diesem Fest kurz vor Eintritt in das Ruhestandsalter noch einmal an den Beginn ihrer beruflichen Laufbahn zurück. Und auch die späteren Akademie-Generationen – über 600 Stipendiaten wurden inzwischen gefördert – erleben die Rückkehr in die Philharmonie als einen Zeitsprung an ihre Ausbildungswende.

Mit drei Stipendiaten begann es, bis zu 30 wurden es. Höchstens 25 Jahre durfte und darf man sein, wenn man in die OA eintritt; zwei Jahre wird man durch ein Stipendium, vor allem aber durch Einzel- und Kammermusik-Unterricht gefördert und in den Proben- sowie Konzert-Alltag der Berliner Philharmoniker integriert. Das waren die Gründungsregeln, und sie gelten bis heute. Junge hochbegabte und exzellent ausgebildete Musiker sollen von den Philharmonikern in der OA auf den Berufsalltag vorbereitet werden, idealerweise als Nachwuchs für die Berliner Philharmoniker. Doch auch »andere bedeutende Kultur-Orchester« sollen, sagt die Satzung der OA, von der Elite-Ausbildung profitieren, dazu soll »die Ausstrahlung und Anziehungskraft der Musikstadt Berlin« gefördert werden.

40 Jahre Orchester-Akademie

Bläser der Orchester-Akademie mit dem Flötisten Michael Hasel, 2001 (Foto: Cordula Groth)

Eine zukunftsweisende Idee

So zeitlos gültig wie diese Gründungsziele sind, so deutlich verstand und versteht man den Hinweis: Allein mit der Ausbildung an einer Musikhochschule erreicht ein junger Musiker oft nicht sein Berufsziel »Spitzenorchester«. Oder noch deutlicher: Die Gründung der OA ist auch als eine Reaktion auf wenig überzeugende Probespiele vor den Berliner Philharmonikern zu sehen. Oft war das solistische Repertoire gut trainiert, doch Klangvorstellung, rhythmische Präsenz und schließlich der unzureichende Vortrag besonders schwieriger »Orchesterstellen« offenbarten hoffnungsvolle Bewerber als nicht geeignet. Damit waren nicht nur die Berufsträume und Existenzen junger Musiker gefährdet, sondern auch der Erhalt von klanglichen und spielerischen Traditionen der Orchester. Herbert von Karajan wollte das für sein Orchester nicht akzeptieren, die Mauer um Berlin war Erschwernis genug, weitere Hindernisse mussten aus dem Weg geräumt werden, damit die besten jungen Musiker aus aller Welt zu den Philharmonikern nach Berlin kamen. Musikbegeisterte Vorstandsmitglieder großer Unternehmen konnte Karajan schnell von seinem neuen Ausbildungsmodell überzeugen, dem 1972 die Form eines gemeinnützigen Fördervereins gegeben wurde. Von den Philharmonikern allerdings waren manche anfangs skeptisch. Schließlich gab und gibt es kaum ein härteres Aufnahmeverfahren als das ihre. Und sogar nach bestandenem Probespiel dauert die prüfende Beobachtung junger Kollegen ein Jahr länger als in anderen Orchestern. Deshalb herrschte und herrscht bis heute auch Einigkeit bei der Strenge des Auswahlverfahrens von Akademisten. Ein Bewerber muss im Probespiel zeigen, dass er für philharmonische Orchestereinsätze und exponierte Konzertauftritte geeignet ist; erwartet wird ein hohes Leistungsniveau, das es in der Akademie noch zu steigern und verfeinern gilt.

40 Jahre Orchester-Akademie

Mit dem Bratschisten Wilfried Strehle

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Probe mit Sir Simon Rattle (Foto: Andreas Knapp)

Strenge Aufnahmekriterien

So groß wie die Konkurrenz um die immer weniger werdenden interessanten Stellen in der internationalen Orchesterlandschaft ist auch die um einen Akademieplatz. Viele junge Musiker reisen von weither an; nur wenigen gelingt es, ein Stipendium zu bekommen, eine Förderung, die in alle Richtungen verpflichtet: gegenüber dem Orchester, den Dozenten, den Studienkollegen – und auch den Förderern, obwohl letztere mäzenatisch agieren. Doch ihr Motiv ist ein anspruchsvolles, denn sie beteiligen sich am Erhalt einer musikalischen Kultur, in der Höchstleistungen erwartet werden, Leistungen, die viel Disziplin erfordern, allerdings auch viel Freude bereiten, und zwar sowohl den ausübenden Musikern als auch ihren Zuhörern im Konzert.

Dass sich das Gründungsziel der OA, Nachwuchs für die Berliner Philharmoniker auszubilden, immer wieder erfüllt, vermittelt ein Blick auf die aktuell 32 Mitglieder der insgesamt 128 Berliner Philharmoniker, die aus der OA hervorgegangen sind. Viele von ihnen sind inzwischen selbst als Dozenten der Akademie aktiv. Generell sieht man in den Akademisten von heute die möglichen Kollegen von morgen, ob im eigenen Orchester oder in einem anderen Top-Ensemble spielt dabei kaum eine Rolle.

40 Jahre Orchester-Akademie

Mit dem Geiger und Dirigenten Reinhard Goebel (Foto: Nikolaus Brade)

Internationale Vorbildfunktion

Die Konzeption der OA war weitsichtig und ist eine Erfolgsgeschichte mit internationaler Vorbildfunktion. Ihre Bedeutung wird von den Geförderten sehr hoch und dankbar eingeschätzt. Nur deshalb konnte es gelingen, auf die Einladung zum 40-jährigen Jubiläum der OA so viele begeisterte Zusagen zu bekommen. Die meisten ehemaligen Stipendiaten der OA wären heute, am Festtag der Akademie, gerne musikalisch aktiv geworden! Benefiz für ihre Akademie! Die Bereitschaft war so groß, dass schließlich das Los über die rund 200 Mitwirkenden entscheiden musste. Doch viele andere kommen als Zuhörer. Sie alle profitierten für ihren beruflichen Weg vom Einzelunterricht, der Kammermusik als unerlässlichem Baustein für exzellentes Musizieren im Orchester sowie vom Mitspielen im Orchester.

Es sind immer neue Akademisten, die dieses Programm erleben, und sie sind immer jung und in dieser Phase ihres Lebens nicht nur sehr aufnahmebereit sondern auch begeisterungsfähig. Plötzlich sitzen sie an einem Pult mit ihren musikalischen Vorbildern, wechseln von der Hochschule unter die Stabführung von Karajan, Abbado und Rattle aber auch namhafter Gastdirigenten. Die besonderen musikalischen Momente und bedeutende Konzerte, an denen sie beteiligt sind, begleiten sie als wertvolle Erfahrungen durch ihr weiteres Leben. Der Klang und die Spielweise aber werden zu gegebener Zeit an die nächste Generation weitergegeben. So wird Tradition bewahrt und Zukunft gestaltet.

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